Nach Kritik
Erwin Sellering hält an Verteidigung der DDR fest
Trotz heftiger Reaktionen von allen Seiten ist Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) nicht bereit, seine Verklärung des DDR-Regimes zurückzunehmen. Ostdeutsche Kritiker werfen Sellering jetzt vor, dass er selbst gar keine Erfahrung mit der DDR hat: Sellering wuchs im Ruhrgebiet auf.
"Offensichtlich fehlen Herrn Sellering Erfahrungen mit einer Diktatur", sagte Sachsens früherer Innenminister Heinz Eggert (CDU). "Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet ein Ministerpräsident, der seinen Posten dem Mut der Ostdeutschen verdankt, die die DDR-Diktatur beseitigt haben, so an der Dümmlichkeitschraube historischer Betrachtung dreht."
Sellering hatte vor einer Woche erklärt: "Ich verwahre mich dagegen, die DDR als totalen Unrechtsstaat zu verdammen, in dem es nicht das kleinste bisschen Gutes gab." Dafür hatte der aus dem Ruhrgebiet stammende Sellering in den vergangenen Tagen auch in seiner eigenen Partei und bei Gewerkschaften heftige Kritik geerntet. Dennoch blieb Sellering bei seinen Äußerungen.
Natürlich sei die DDR kein Rechtsstaat gewesen, sagte er am Samstag der "Berliner Zeitung". Es habe Willkür und Unterdrückung gegeben. Aber es sei auch nicht so, dass es überhaupt nichts Gutes in der DDR gegeben habe. Als Beispiel nannte er das System der Polikliniken, das Angebot an Kinderbetreuung und auch manches im Schulbereich. Im 20. Jahr nach dem Fall der Mauer dürften die Bilanzen nicht nur aus westlicher Sicht gezogen werden, forderte der SPD-Politiker.
Sellering müsse eigentlich wissen, "dass in dem geschlossenen System der SED-Diktatur Einzelbeispiele nur innerhalb dieses Systems und nicht im Vergleich mit demokratischen Strukturen diskutiert werden dürfen", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Eggert mit DDR-Biografie. "Wenn sich Sellerings unhistorische Betrachtungsweise durchsetzt, wird eines Tages auch der Autobahnbau der Nazis gelobt werden können, im völligen Vergessen darüber, dass da wohl auch noch etwas anderes – sehr Schreckliches und Menschenverachtendes – war."
Nach Ansicht von Eggert ist die Debatte so wichtig für die Einheit Deutschlands, dass sie nicht parteipolitischen Interessen untergeordnet werden dürfe. "Letztlich geht es um den Frieden in unserem Land." Eggert stammt aus Rostock, studierte Theologie und arbeitete bis zum Eintritt in die Politik von 1974 bis 1990 als Gemeindepfarrer in Oybin und Zittau (Sachsen).
Der Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, warf den deutschen Politikern Halbherzigkeit vor. Knabe sagte dem Internetportal MVregio News: "Man muss von deutschen Politikern erwarten können, dass sie den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie kennen und nicht herumeiern. 17.000 Rehabilitierte und rund 1000 Neuanträge allein in Sachsen jährlich zeigen nur zu deutlich, welche Dimension das Unrecht in der DDR hatte."
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