12.05.12

Sichere Anlagen

Dollar und Deutschland machen Gold Konkurrenz

Obwohl das weltweite Finanzsystem kriselt wie nie, ist der rasante Preisanstieg beim Gold ins Stocken geraten. Droht der Absturz – oder holt das Edelmetall zu einem neuen Aufwärtstrend aus?

Foto: DPA
Goldbarren
Goldbarren von Degussa: Der Preis für das Edelmetall ist zuletzt stark gesunken

Europa liegt wirtschaftlich in Trümmern, das internationale Bankensystem steht auf der Kippe, und selbst die Bundesbank öffnet der Inflation Tür und Tor mit einer neuen Doktrin – aber einer, der Anlegern in diesen schwierigen Tagen Halt geben sollte, duckt sich weg: der Goldpreis.

In einer weiteren Woche der schlechten Nachrichten – Spanien sah sich gezwungen, die drittgrößte Bank des Landes zu verstaatlichen, in den USA musste JPMorgen einen Handelsverlust von zwei Milliarden Dollar beichten – verhielt sich das Edelmetall vollkommen kontra-intuitiv: Statt zu steigen, sackten die Gold-Notierungen ab – all dem Finanzstress zum Trotz.

Um drei Prozent ging es nach unten. Zuletzt wurde die Feinunze (31,1 Gramm) unter 1600 Dollar gehandelt. Am Freitag zahlten Investoren vorübergehend nur 1574 Dollar für das gelbe Metall. Marktakteure und Sparer reiben sich verwundert die Augen.

"Eigentlich müsste der sichere Hafen Gold in unsicheren Zeiten wie diesen stark nachgefragt sein", sagt Eugen Weinberg, Rohstoff-Stratege bei der Commerzbank. Unmittelbarer Auslöser sei, dass Finanzinvestoren ihre Bestände an den Futures-Märkten auflösten.

Andere Beobachter verweisen achselzuckend auf den Bruch technischer Marken, wie etwa dem seit 2008 ausgebildeten Trendkanal. Dieser habe bei etwas über 1600 Dollar eine Unterstützungslinie gebildet, die nun nachhaltig "verletzt" worden sei.

Gold bekommt Konkurrenz

Die wahren Ursachen der Korrektur liegen tiefer. Gold hat als sicherer Hafen Konkurrenz bekommen, und das gleich von zwei Seiten: Im Wettbewerb der Fluchtburgen wirken der Dollar und deutsche Bundesanleihen derzeit attraktiver als das Edelmetall.

Bei Anlegern sind die USA und US-Investments wieder die Nummer eins. Nicht nur Europa steckt in einer ökonomischen und politischen Krise, auch Konkurrent China zeigt unerwartet Schwächen. Wie eine Umfrage der Finanzagentur Bloomberg erbracht hat, traut die große Mehrheit der Investoren der Wall Street in den nächsten zwölf Monaten die beste Entwicklung zu. Alle anderen wichtigen Finanzplätze der Welt fielen im Vergleich zurück.

Die gleiche Bloomberg-Umfrage ergab auch, dass mehr als die Hälfte der Profis damit rechnet, dass mindestens ein Land die europäische Währungsunion verlassen wird. Der mögliche Austritt mag chaotisch oder weniger chaotisch verlaufen – an den europäischen Märkten wird das Unruhe nach sich ziehen. Nur eine Anlageklasse qualifiziert sich damit als sicherer Hafen in der Alten Welt: deutsche Staatsanleihen.

Die Flucht in die "Bunds", wie die Papiere auf dem Parkett auch genannt werden, hat jetzt schon beträchtliche Ausmaße erreicht: So groß war die Nachfrage, dass sich die deutschen Staatsschuldtitel mit zehn Jahren Laufzeit dieses Jahr fast um vier Prozent verteuert haben – für Festverzinsliche ist das eine beträchtliche Aufwertung.

Rendite auf Talfahrt

Die hochschnellenden Notierungen führen dazu, dass die rechnerische Rendite immer weiter absackt: Am Freitag erreichte sie bei 1,49 Prozent eine neue historische Bestmarke. Papiere mit geringeren Laufzeiten werfen noch deutlich weniger ab: Fünfjährige Titel bringen noch 0,5 Prozent, zweijährige gerade mal 0,09 Prozent.

Damit sind deutsche Staatspapiere de facto in die Liga der unverzinsten Investments abgerutscht. Gold war da zwar immer schon, schwankt aber stärker und ist weniger fungibel.

Die Logik hinter dem Bund-Boom: Falls die Euro-Zone zerbricht, sind deutsche Staatsanleihen das Sicherste, das man haben kann. Im Zweifelsfall erfolgen Zinszahlung und Tilgung nämlich in harter D-Mark, die zu den anderen Währungen vermutlich stark aufwertet. Dass der nominale Zins sehr niedrig ist, fällt nicht ins Gewicht. In einer solch unkalkulierbaren Welt ist diese Sicherheit Gold wert.

"Hat Gold also seinen Reiz als ultimative Währung verloren?", fragt Jeffrey Currie, Stratege bei Goldman Sachs, und schiebt gleich hinterher: "Die Antwort ist nein." Zuletzt hätten viele Anleger zu der Ansicht zurückgefunden, dass der Dollar der ultimative Sicherheitsanker ist.

Kurzfristig möge das zutreffen, doch mittel- und langfristig seien die Risiken für die US-Währung nicht unerheblich. "Schon im Sommer könnte die US-Zentralbank Federal Reserve wegen der schwachen Konjunktur die Notenpresse wieder anwerfen."

Ein wichtiges Datum, auf das Anleger achten müssten, sei die zweitägige Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses am 19. und 20. Juni. Spätestens dann würden sich die Marktteilnehmer wieder an das Edelmetall erinnern, das im Gegensatz zu Papiergeld nicht beliebig vermehrbar sei. Von seinem Sechsmonatskursziel rückt Currie daher nicht ab.

Deutschland kann sich Misere nicht entziehen

"Wir mögen Gold immer noch", sagt auch Peter Richardson, Stratege bei Morgan Stanley. Die Notenbanken kämen nicht umhin, an der Inflationsschraube zu drehen. Die Story vom sicheren Hafen Bundesanleihen überzeugt ebenfalls nicht alle: "Deutschland wird sich der Misere nicht ganz entziehen können", sagt Carl Weinberg von High Frequency Economics.

Angesichts der Verpflichtungen, die Berlin für den Euro übernommen habe, sei das deutsche Spitzenrating alles andere als in Stein gemeißelt. "Die Bundesrepublik muss für rund 27 Prozent aller Verbindlichkeiten der Währungsunion geradestehen."

Auch Commerzbank-Stratege Eugen Weinberg will sich von seiner "positiven Haltung zu Gold" nicht abbringen lassen. Es sei davon auszugehen, dass die Politik eine höhere Inflation zulassen wird.

Der Druck auf die Zentralbanken, die reale Verzinsung noch über Jahre hinweg im Negativbereich zu halten, dürfte ebenfalls anhalten. Currie sieht den Unzenpreis bis Herbst auf 1840 Dollar klettern. Richardson prognostiziert, dass der Kurs im kommenden Jahr auf 2175 Dollar steigen wird.

Von einer schnellen Erholung des Goldpreises sollten die Sparer dennoch nicht ausgehen. "Das ist noch keine Verkaufspanik, also noch nicht unbedingt die letzte Phase des Ausverkaufs", sagt Commerzbanker Eugen Weinberg. In einer Finanzpanik muss zudem mancher Akteur diverse Positionen abstoßen, um wieder liquide zu werden. Gold ist dann oft sogar besonders betroffen.

Verbinden Sie sich mit den "Welt-Online"-Autoren auf Twitter. Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.

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