30.04.12

Möglicher EM-Boykott

Ukraine warnt Deutschland vor Methoden "wie im Kalten Krieg"

Die Ukraine reagiert empört auf die Äußerung von Kanzlerin Merkel zu einem möglichen EM-Boykott. Die UEFA ist offenbar für alles gerüstet.

Quelle: Reuters
29.04.12 2:47 min.
Aufgrund der Inhaftierung Julia Timoschenkos hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen politischen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine in Erwägung gezogen.

Das ukrainische Außenministerium hat empört auf Berichte reagiert, wonach Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Boykott der Euro 2012 erwägt. Oleg Woloschin, Direktor für Informationspolitik im ukrainischen Außenministerium, sagte der Nachrichtenagentur Interfax, man hoffe, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei von den Medien falsch zitiert worden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die heutigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Deutschland, sich der Methoden des Kalten Krieges bedienen und versuchen, den Sport als Geisel für die Politik zu machen", zitiert Interfax. "Das Außenministerium der Ukraine hoffe, dass die Informationen, sich als unwahr herausstellen", sagte Woloschin.

Der "Spiegel" hatte am Sonntag berichtet, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwäge einen Boykott der EM in der Ukraine durch das Bundeskabinett. Wegen des Umgangs der ukrainischen Regierung mit der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko will Merkel ihren Ministern demnach empfehlen, den Spielen in der Ukraine fernzubleiben. Bundespräsident Joachim Gauck sagte bereits zuvor eine für Mai geplante Reise in die Ukraine ab.

DOSB gegen einen Boykott

Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, sprach sich gegen einen Boykott der Spiele in der Ukraine aus. "Ein Boykott hat sich in der Vergangenheit immer als sinn- und erfolglos erwiesen. Ein Boykott ist nicht das richtige Mittel", sagte Bach im Interview mit dem Radiosender "hr-Info". Die Ukraine steht derzeit wegen der Haftbedingungen der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko scharf in der Kritik.

Bach wies unterdessen auf die Stärke des Sports als "Kommunikationsplattform" hin. "Man sieht doch, dass nun auch die Fußball-Europameisterschaft zu einer Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen führt. Sie führt auch in der Ukraine zu einem Nachdenken", sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): "Genau darin liegt die Kraft des Sports."

Auch Theo Zwanziger, Mitglied im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA), lehnte einen Boykott der EURO ab. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus", sagte Zwanziger dem Radiosender hr-INFO.

UEFA schließt kurzfristige Verlegung nach Deutschland aus

Die Europäische Fußball-Union (UEFA) ist offenbar für einen Boykott gerüstet und soll auch Notfallpläne für eine Verlegung der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) in der Schublade haben. "Solche Fragen haben wir schon ganz generell, nicht auf die Ukraine bezogen, durchdiskutiert", sagte der EM-Beauftragte der UEFA, Martin Kallen, der Südddeutschen Zeitung. Die Ultima Ratio könnte eine Absage des Turniers sein. "Da gäbe es nur eine Möglichkeit: Dann müsste man an eine Verschiebung des Turniers denken, in ein anderes Jahr", äußerte der Schweizer.

Eine kurzfristige Verlegung der EM-Spiele in der Ukraine nach Deutschland sei jedoch ausgeschlossen. "Das ist unmöglich. Das bekäme man in so kurzer Zeit gar nicht hin", erklärte Kallen. Zurzeit sieht der Eidgenosse allerdings keinen Ansatzpunkt für eine Absage des Turniers. "Wir beobachten die Situation ganz genau, jeden Tag", sagte der erfahrene UEFA-Funktionär, für Änderungen gebe es "keinen Grund, das ist für uns derzeit kein Thema". Klar ist aber auch, dass die UEFA gegebenenfalls schnell reagieren würde: "Wenn die Situation zu gefährlich wird, dann würde das nicht durchgeführt. Wir organisieren ein Fußball-Fest, und nichts anderes."

Die EM beginnt in knapp sechs Wochen. In der Ukraine sind 16 Partien geplant, darunter das Endspiel am 1. Juli in Kiew.

Quelle: dpad/dpa/sid/ap
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