19.04.12

Antrittsbesuch

Gaucks Lobpreisung für Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg startet Bundespräsident Joachim Gauck seine Antrittstour durch die Bundesländer – und wird nicht müde, den Innovationsgeist und Elan der Einwohner zu rühmen.

Foto: DPA
Bundespräsident Joachim Gauck besucht Baden-Württemberg
Joachim Gauck auf dem Tübinger Marktplatz

Es gibt eine Filmaufnahme von Winfried Kretschmann und Joachim Gauck. Kameraleute vom Südwestrundfunk hatten von außen auf die große Fensterfront des Stuttgarter Landtags gehalten, ohne dass die beiden dahinter es bemerkten. Am 13. März war das, und Gauck war als Bellevue-Aspirant angereist, um bei der mächtigen Kompanie von Wahlleuten aus dem Ländle zu antichambrieren. Dabei traf er auf den grünen Ministerpräsidenten, zum zweiten Mal übrigens erst.

Zuvor waren sich die beiden einmal bei Gaucks Bellevue-Werbetour im Jahr 2010 über den Weg gelaufen, auch damals in Stuttgart. Doch da war Kretschmann noch Fraktionschef, für viel mehr als einen warmen Händedruck hatte es nicht gereicht. Nun aber dieses angeregte, händefuchtelnde, ja offenkundig begeisterte Tête-à-Tête hinter Glas: Da hatten sich zwei vielleicht nicht unbedingt gesucht. Aber gefunden haben sie sich.

Grün gefärbtes Programm

Dieser spontanen Sympathie wegen, so geht die Legende, habe es Joachim Gauck durchaus begrüßt, ausgerechnet in Baden-Württemberg seine Antrittstour durch die deutschen Länder zu starten. Davon abgesehen natürlich, dass er mit seiner Partnerin Daniela Schadt sowieso mal in die Gegend wollte: Er wünsche sich schon länger, das Freiheitsmuseum in Rastatt zu besuchen, gestand Gauck vor dem Landtag.

Und wieder wurde daraus nichts, das Staatsministerium hatte die Bitte aus Zeitgründen abgeschlagen. Stattdessen wurde der Präsident, sehr zum Unmut der CDU, durch eine ökologische Vorzeige-Firma, eine Gemeinschaftsschule und in ein Bürgerhaus umgelenkt. Mit dem so deutlich grün gefärbten Programm entlarve sich der Ministerpräsident und zeige, wie gnadenlos er "durchregiere", ärgerte sich CDU-Fraktionschef Peter Hauk zur Erheiterung vieler Abgeordneter.

Neben der fast allzu überschwänglich zur Schau getragenen Begeisterung für das "engagierte Bürgertum im Südwesten" dürfte bei Gauck aber genauso viel kühles Kalkül im Spiel gewesen sein bei dieser Tourplanung: Dass sich der protestantische Pfarrer aus dem bedürftigen Mecklenburg-Vorpommern 26 Tage nach der Wahl sogleich demonstrativ dem properen, kehrwochenreinen Südwesten zuwendet, und dort einem tief gläubigen katholischen Landesfürsten, ist wohl kein Zufall.

Im Wohlstandswunderländle unter leuchtendem Mercedes-Stern, wo der prekäre Osten weiter entfernt erscheint als Timbuktu: Hier will Gauck den "Präsident aller Deutschen" geben.

Mit Kretschmann auf einer Wellenlänge

Winfried Kretschmann wiederum, räumt der Ministerpräsident freimütig ein, ist beeindruckt von dem einstigen Bürgerrechtler, von Intellekt und Bildung. Womöglich neidet er ihm gar ein wenig sein rhetorisches Talent.

Auf welcher Wellenlänge die beiden sich getroffen haben, zeigen allein die Gastgeschenke. Dem 72-jährigen Rostocker, gut acht Jahre älter als er selbst, überreichte Kretschmann ein antiquarisches Werk, das gar nicht so leicht aufzutreiben war: den einzigen Roman der 2001 verstorbenen Schweizer Philosophin Jeanne Hersch. Das Buch, das aus dem Französischen übersetzt als "Erste Liebe" erschien, heißt eigentlich "Temps alternés", ein Titel fast schon programmatisch für Gaucks Leben.

Bei ihrem Treffen im März seien sie auf das Buch zu sprechen gekommen, sagt Kretschmann. Erstaunlich genug, dass beide das Werk der jüdischen Sozialdemokratin aus Genf kennen, und das vor allem wegen seines Inhalts: Es handelt vom leidenschaftliche Verfallensein einer jungen Frau an einen wesentlich älteren Partner, der auch nach der Trennung ihr Denken und Fühlen beherrscht.

Ähnlich gut, wenn auch auf einer völlig anderen Ebene, hatten übrigens seinerzeit Bundespräsident Christian Wulff und Kretschmanns Vorgänger Stefan Mappus (CDU) harmoniert. Wulff bekam als Präsent nämlich einen teuren, schwäbischen Kaffeevollautomaten, selbstredend in tiefem Schwarz. "Stylish und edel, stark im Auftritt", so wurde das Gerät beworben. Das, hatte Mappus gefeixt, passe auf sie beide doch wie maßgeschneidert.

Keine aktuelle Problematik besprochen

Gauck und Kretschmann finden sich dagegen im Freiheitsbegriff. Als er einmal gefragt wurde, wie er seine Bürger als Ministerpräsident glücklich zu machen gedenke, zitierte Kretschmann die Glücksethik des Aristoteles: Unter Glück verstehe jeder etwas andere, der Kranke die Gesundheit, der Arme das Geld. Und außerdem liege seit dem Sündenfall die Bestimmung des Menschen ohnehin nicht in seinem Glück, sondern in der Freiheit. Gauck hätte sich ähnlich äußern können.

Viel konkreter allerdings wurde er dann nicht. Anders als Wulff, der bei seinem Antritt über den Länderfinanzausgleich gesprochen hatte und Baden-Württemberg bat, nicht aus dem Geberblock auszuscheren, sprach Gauck keinerlei aktuelle Problematik an. Umso mehr war, wieder einmal, von Freiheit und Selbstbewusstsein die Rede, von Stolz auf das Geschaffte und Freude über das Erreichte.

Die Lobpreisung des Südwestens im Landtag geriet derart vollmundig, dass sie manch bescheidener Natur beim Zuhören fast schon zu arg anmutete. Früher in der DDR habe er nur "eine bestimmte Automarke" mit Baden-Württemberg verbunden. Später als Student habe er die Dichter und Denker geschätzt. Erst jetzt habe er seinen Innovationsgeist und Bürgerelan in den Blick genommen.

Übertreiben müsse man das mit Politikbeteiligung außerhalb der Parlamente dann aber auch wieder nicht, mahnte er, ohne Stuttgart 21 zu erwähnen: "Bürger und Politik sind nichts Getrenntes in der Demokratie."

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