19.04.12

Islam-Debatte

"Volker Kauders Ausfälle sind kaum zu ertragen"

Nach seiner Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, muss Unionsfraktionschef Kauder viel Kritik einstecken. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Oppermann nennt ihn den "letzten Kreuzritter".

Foto: DAPD
Schülerinnen in Gelsenkirchen
Eine muslimische Schülerin, die Kopftuch trägt, in Gelsenkirchen

Unionsfraktionschef Volker Kauder hat eine neue Debatte über die Rolle des Islam in Deutschland entfacht – und muss dafür viel Kritik einstecken. "Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland", sagte der CDU-Politiker.

Kauder äußerte sich kurz vor der Sitzung der Deutschen Islamkonferenz, einem Gesprächsforum zwischen dem Staat und den in Deutschland lebenden Muslimen. Der CDU-Politiker widersprach mit seiner Aussage dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, der den Islam als Teil Deutschlands bezeichnet hatte. Kauder betonte gleichwohl. "Muslime gehören aber sehr wohl zu Deutschland. Sie genießen selbstverständlich als Staatsbürger die vollen Rechte, ganz klar".

"Befremdliches Gesellschaftsbild"

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte über Kauders Äußerung: "Jeder darf Schwachsinn erzählen in diesem Land. In der Demokratie ist das möglich." Kauder müsse wohl noch vieles nachlesen, was die Bundespräsidenten Wulff und Joachim Gauck zum Islam in Deutschland gesagt hätten.

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann bezeichnete Kauder als "letzten Kreuzritter der Union". Der CDU-Politiker sorge damit für eine "Abwertung und Ausgrenzung aller Muslime in Deutschland" und lege überdies einen Sprengsatz in die Islamkonferenz. Diese könne nur Erfolg haben, wenn die modernen und weltoffenen Muslime in Deutschland gestärkt werden.

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir bezeichnete es als "absurd", zu behaupten, Muslime gehörten zu Deutschland, der Islam aber nicht. "Volker Kauder macht einen auf Kulturkampf, um dem gebeutelten konservativen Teil der Union zu signalisieren: Wir haben euch nicht vergessen." Das Gesellschaftsbild des CDU-Politikers sei befremdlich.

Der Islam sei in der Vergangenheit nicht Teil der Tradition und Identität des Landes gewesen, "inzwischen ist er es aber", betonte Özdemir. Er fügte hinzu: "Vermutlich denkt Herr Kauder auch, die Frauenbewegung gehöre nicht zu Deutschland, Frauen aber schon."

Seine Co-Vorsitzende Claudia Roth sagte den Zeitungen der "WAZ-Gruppe": "Volker Kauders Ausfälle gegenüber Muslimen in Deutschland sind beschämend und kaum zu ertragen." Nach den Erfahrungen, die Muslime mit dem deutschen Staat im Zuge der Ermittlungen der NSU-Morde haben machen müssen, sende Kauder "ihnen nun endgültig ein Signal der Ausgrenzung". Mit seinen Einlassungen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, "nimmt Herr Kauder Millionen hier lebenden Menschen jetzt auch noch ihre Heimat weg und bürgert sie praktisch aus."

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hielt sich zurück mit Kritik an Kauders Äußerungen. Auf Nachfrage sagte er, die Islamkonferenz wolle sich nicht mit tagesaktuellen Themen befassen, sondern auf das Wesentliche konzentrieren. Im März 2011 hatte der CSU-Politiker nach seinem Amtsantritt und kurz vor dem Treffen der Islamkonferenz erklärt, der Islam gehöre historisch nicht zu Deutschland.

Muslime in Deutschland

In Deutschland leben 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime. Nur ein kleiner Teil davon gilt als Anhänger radikaler Strömungen.

 

Knapp zwei Drittel der muslimischen Migranten haben türkische Wurzeln. Mehr als 13 Prozent stammen aus Südosteuropa, etwa 8 Prozent sind Migranten aus dem Nahen Osten und 7 Prozent aus Nordafrika.

 

20 Prozent der Muslime in der Bundesrepublik sind in religiösen Vereinen oder Gemeinden organisiert. Mit fast drei Vierteln bilden die Sunniten die bedeutendste Glaubensrichtung. Es folgen die Aleviten mit 13 und die Schiiten mit 7 Prozent.

 

In Deutschland gibt es rund 2350 Moscheen.

Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration von 2009 schätzen sich 36 Prozent als stark gläubig ein. Unter Muslimen aus Afrika sind es 47 und bei denen aus dem Iran 10 Prozent.

 

Gut 52 Prozent der Muslime aus Afrika beten mindestens einmal täglich, bei Glaubensbrüdern aus der Türkei gut ein Drittel. Aber 54 Prozent der Muslime aus dem Iran und 16 Prozent aus der Türkei beten nie.

 

70 Prozent der Musliminnen ab 16 Jahren tragen nie ein Kopftuch.

Ende 2010 gab es laut Verfassungsschutzbericht 29 bundesweit aktive islamistische Organisationen mit 37.470 Anhängern.

 

Polizei und Verfassungsschutz beobachten insgesamt rund 1000 Islamisten. Etwa 130 von ihnen gelten als "Gefährder", die verdächtigt werden, Terroranschläge zu planen.

 

Die als Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten geltenden Salafisten stützten sich 2010 in Deutschland auf 2500 Anhänger und 200 Hauptakteure. Ein Flügel der ultra-orthodoxen Islam-Strömung hat Verbindungen zum Terror.

 

Quelle: dpa

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