16.04.12

Der deutsche Papst

Warum der Amateur Benedikt ein Außenseiter bleibt

Benedikt XVI. feiert seinen 85. Geburtstag. Damit ist er einer der ältesten Päpste in der Geschichte. Mit seiner Radikalität ist Benedikt noch immer ein Außenseiter. Aber ist er deshalb weltfremd?

Foto: AFP
Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI. mit einer Kerze bei den Osterfeierlichkeiten im Vatikan

Benedikt XVI. geht am Stock. Kein Wunder bei den 85 Jahren, die er nun vollendet. Ein Wunder ist eher, dass er sieben Jahre nach seiner Wahl zum Papst noch immer diese Energie aufbringt. Die Bürde seines Amtes ist enorm, zum üblichen Verschleiß des Körpers im Alter. Sein Bruder Georg (88) lebt ihm seit Langem vor, was noch alles auf ihn zukommen könnte. Die Hüftgelenke, die Augen, die Ohren, alle Knochen.

Benedikt XVI. ist gesund und ordnet sein Leben vernünftig, doch inzwischen ist der eher zarte Mann einer der ältesten Päpste in der Geschichte. Sein Vorgänger, Johannes Paul II., der Papst mit dem Sportlerherzen, starb sechs Wochen, bevor er 85 geworden wäre. Diesen "Marathon-Mann Gottes" hat Benedikt XVI. schon im März überholt.

Er ist jetzt wirklich alt, trotz aller Stunden, in denen er immer jünger wirkt, wie etwa am Nachmittag des 24. März, als er in Guanajato auf der Plaza de la Paz mit den Kindern Mexikos zusammentraf. Der Platz brechend voll. Orchester, Kinderchöre, Trompeten.

Eine programmatische Rede auf Spanisch an den Präsidenten der Republik und die Kardinäle und Bischöfe Mexikos hatte der Papst da schon nach dem Langstreckenflug aus Rom auf dem Flughafen hinter sich gebracht, als er sich nun an die Kleinen wandte: "Liebe Kinder! Ich bin froh, eure fröhlichen Gesichter zu sehen, die diesen schönen Platz füllen. Ihr steht im Herzen des Papstes an ganz wichtiger Stelle. Heute sind wir voller Jubel, und das ist wichtig. Gott möchte, dass wir immer glücklich sind. Wenn wir zulassen, dass die Liebe Christi unser Herz verwandelt, dann werden wir die Welt verwandeln können. Das ist das Geheimnis des echten Glücks."

Alle Erschöpfung schien verflogen. Er war glücklich. Aber das ist er nicht immer.

Ist der Papst weltfremd?

Denn der "Freund der kleinen Freunde" ist ja auch ein Kirchenlehrer und Missionar und immer ein Seelsorger geblieben. Er war Professor. Jetzt ist er Bischof von Rom und Monarch des Vatikanstaates. Vor allem aber ist er als Nachfolger des Apostels Petrus seit sieben Jahren Oberhirt einer unübersehbar großen Herde von Katholiken, die sich oft in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen droht.

Doch Papst ist kein Ausbildungsberuf. Er lässt sich nicht erlernen. Und Strippenziehen, Hausmächte um sich zu sammeln und Netzwerke zu seinem Vorteil zu knüpfen, all dies hat Joseph Ratzinger nie gelernt, weder als Erzbischof von München noch als Chef der Glaubenskongregation in Rom. Es blieb ihm wesensfremd.

In diesem Sinn ist er bis heute ein Außenseiter geblieben. Schon mit 31 Jahren forderte er eine radikale Abkehr der Kirche "von Macht, von der Kumpanei, vom falschen Schein, vom Mammon, von Betrug und Selbstbetrug", Jahrzehnte bevor die deutschen Katholiken nach seiner Konzerthausrede in Freiburg im letzten Herbst zu rätseln begannen, was er wohl mit der "Entweltlichung" gemeint haben mochte, die er der Kirche in Deutschland zum Abschied als Heilmittel zu ihrer notwendigen Erneuerung empfahl und die ihm seit dem Konzil ein Herzensanliegen ist.

Ist das weltfremd? Ist er weltfremd? Nur in gewisser Hinsicht. Viele Spiele hat er tatsächlich nie mitgespielt. Gesehen hat er immer alles.

Oft wirkt Benedikt XVI. wie ein Amateur

Er hatte auch nie einen Karriereplan. Darum wirkt er auch heute noch oft wie ein Amateur. Er beruft seit langem meist Leute um sich, die er kennt und denen er vertraut, doch keine gewieften Taktiker, Politiker oder Verwaltungsgenies.

Spektakuläre Pannen, an denen sein Pontifikat zusätzlich zu seinen drei Enzykliken, seinen Reisen und Büchern über Jesus von Nazareth inzwischen auch gesegnet ist, sind damit fast programmiert.

So wirkt Benedikt in der Abenddämmerung der Postmoderne selbst zunehmend wie ein kleiner Prinz von einem anderen Stern. Wie ein Wunderkind, das seinen Zielen folgt, ohne nach links oder rechts zu sehen, mit großer Ausdauer, ungeachtet allen Erfolgs oder Misserfolgs.

An Feinden mangelte es ihm nie

Der Aussöhnungsprozess mit den konservativen Piusbrüdern – in dem er gegen alle historische und menschliche Wahrscheinlichkeit konsequent ein letztes Schisma der katholischen Kirche abzuwenden versucht – betreibt er unbeirrt schon seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Den Kampf gegen jeglichen Missbrauch und die vorbehaltlose Aufklärung dieser dunklen Seite der Kirche hat keiner so zielstrebig geführt wie er.

Dass er unbestechlich ist, müssen ihm selbst seine schärfsten Kritiker und Feinde bescheinigen, an denen es ihm Zeit seines Lebens nie mangelte; ein eifernder Jakobiner war er deshalb dennoch nie.

Was seine Freunde und Gegner in und außerhalb der Kirche aber auch in Zukunft von ihm erwarten dürfen, ließ sich in der großen Liturgie der Kar- und Ostertage in den letzten Tagen in Rom wie einem offenen Buch entnehmen.

Eine ganz erstaunliche Disziplin

Die Feiern bilden den Höhepunkt des Kirchenjahres, angefangen vom Palmsonntag auf dem Petersplatz bis zur Spendung des Päpstlichen Segens in über 60 Sprachen über die Stadt Rom und die ganze Welt (urbi et orbi) am Ostersonntag. Der Papst ist dabei nirgends zu ersetzen, weder im Lateran noch nachts am Kolosseum, noch im Petersdom.

Die Feierlichkeiten verlangen große Disziplin, etwa "das Gedächtnis des Leidens und Sterbens des Herrn" am Karfreitag, in der die Johannes-Passion nicht etwa nur vorgelesen, sondern Wort für Wort auf lateinisch gesungen wird. Die Andacht gebietet, dabei rund 40 Minuten lang zu stehen – nicht zu sitzen. Nur die Nachricht vom Tod Christi erlaubt ein kurzes Hinknien.

Bei dieser Anstrengung verblüffte der Papst in diesem Jahr sogar die Schweizer Gardisten, wie ruhig er die ganze Zeit mit gefalteten Händen vor ihnen verharrte wie einer von ihnen, wie auf Wache, in königlichem Purpur, ohne die geringste Ablenkung, wie ein indischer Fakir in der Versenkung.

Selbst die Zeremonienmeister zu seiner Rechten und Linken wirkten diesmal nervös im Vergleich zu dem alten Mann. Zwischen ihnen stand der Papst wie ein Baum. Diese gelassene Ruhe darf die katholische Kirche auch in Zukunft weiter von ihm erwarten. Und diese Zukunft kann noch lange dauern.

Der Papst und sein Lebensthema

Kurz darauf aber war es, als würde er sein Vermächtnis verkünden, als er in seiner Predigt die Identifizierbarkeit Gottes im Licht der Osternacht als Alleinstellungsmerkmal der Christenheit auslegte. Es ist sein Lebensthema. Es ist das "unbesiegte Licht der Aufklärung Gottes", das in der Osternacht eine zweite Neuschöpfung erfahren hat, über das er schon 1959 einen Aufsatz in der Zeitschrift "Hochland" veröffentlichte.

Vom Ereignis der Auferstehung wählte er jetzt für seinen Ostergruß ein Gemälde von Johann Heinrich Tischbein aus dem Jahr 1763, in der ein hell leuchtender Christus aus seiner Grabhöhle hinaus in die Dämmerung des ersten Ostertages tritt – in einer Art Umkehrung des Höhlengleichnisses Platons. Es ist eine gemalte Vision.

"Bitten wir den Herrn in dieser Stunde darum," rief er jetzt, "dass das Leuchten von Christi Antlitz durch die Kirche in die Welt herein tritt!"

Der Entscheidungsspielraum ist gering

Benedikt ist kein Firmenchef. Sein Entscheidungsspielraum ist gering und weit von der unfehlbaren Allmacht entfernt, die ihm oft angedichtet wird. Er ist eher vergleichbar mit einem Präsidenten, der einer Stiftung vorsteht und sich nicht einem privaten Glauben, sondern dem Gründungswillen des Stifters verpflichtet weiß.

Dieses gemeinsame Glaubensgut vieler Millionen Menschen durch alle Jahrhunderte, in einem einzigartigen Amalgam aus Identität und Kontinuität, kann und darf und wird dieser Stiftungsvorstand nie zur Disposition stellen.

"Ich habe nie versucht", erklärte er seinem Interviewpartner Peter Seewald schon 1996, "ein eigenes System, eine Sondertheologie zu schaffen. Spezifisch ist, wenn man es so nennen will, dass ich einfach mit dem Glauben der Kirche mitdenken will, und das heißt vor allem mitdenken mit den großen Denkern des Glaubens."

Blick auf den Galgenhügel des ersten Papstes

Daran hat sich nichts geändert. Dieser Rahmen wird für den alten Theologen des Aufbruchs aus den Tagen des Konzils auch als Papst und in Zukunft die Richtschnur bleiben. Dass ihm bei dieser Aufgabe im Apostolischen Palast selbstverständlich nur ein "lebenslänglich" gilt, hat er an Johannes Paul II. aus nächster Nähe beobachtet und erfahren.

Wenn er von seinem Fenster auf den Petersplatz hinab schaut, blickt er immer auf den Obelisken, auf den schon Petrus sah, als er da unten im Neronischen Cirkus kopfüber gekreuzigt wurde. Der so prachtvoll überbaute Vatikanhügel ist nichts anderes als der Galgenhügel des ersten Papstes.

Diese Aussicht hat Benedikt XVI. furchtlos werden lassen. Seiner Verpflichtung für die Nachfolge Petri wird und will er nicht mehr lebend entkommen. Das macht ihn freier als viele ahnen, gerade in seinem Heimatland. Ja, er geht inzwischen am Stock. Aber es ist vor allem ein Hirtenstab, mit dem der 85-Jährige weltweit mehr als eine Milliarde Katholiken zusammenhält.

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Wichtige Lebensstationen
  • 16. April 1927

    Joseph Ratzinger kommt im oberbayerischen Marktl am Inn auf die Welt.

  • 29. Juni 1951

    Priesterweihe

  • 1957

    Habilitation an der Uni München im Fach Fundamentaltheologie

  • 25. März 1977

    Papst Paul VI. ernennt Ratzinger zum Erzbischof von München und Freising.

  • 27. Juni 1977

    Papst Paul VI. ernennt ihn zum Kardinal.

  • 25. November 1981

    Papst Johannes Paul II. ernennt Ratzinger zum Präfekten der Glaubenskongregation.

  • 19. April 2005

    Das Konklave wählt Ratzinger zum Papst. Er ist der 265. Papst und gilt als der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren (Papst Hadrian VI. stammte allerdings aus Utrecht, das damals zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörte).

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