06.10.11

Sarah Palins Verzicht

Gott, Familie, Nation. In dieser Reihenfolge

Sarah Palin verzichtet auf eine Präsidentschaftskandidatur 2012. Die Reaktionen dürften sie schmerzen: Es überwogen Gleichgültigkeit und Gähnen.

Sollte Sarah Palin nach ihrer Verzichtserklärung auf ein Aufstöhnen der Enttäuschung in ihrer Partei gehofft haben, wurde sie schwer enttäuscht: Kein Republikaner von Rang zeigte sich überrascht, gar schockiert von ihrer Entscheidung, sich fortan "Gott, der Familie und der Nation" zu widmen, in dieser Rangfolge.

Es mag Palin geschmerzt haben, wie unverhohlen bei Freund wie politischem Feind Gleichgültigkeit und Gähnen überwogen – von Bedauern oder Erleichterung keine Spur. Kaum eine Stunde beherrschte ihre Ankündigung die Kabel-Sender, bevor sie im Strudel des Todes von Steve Jobs verschwand. Die kühle Aufnahme ihres "nach vielen Gebeten" erlangten Ratschlusses mag Palin darin bestärkt haben, wie richtig es war und wie leicht, auf etwas zu verzichten, das unerreichbar geworden war.

Denn der Wandel der Lokalpolitikerin Alaskas zur Vizepräsidentschaftskandidatin neben John McCain im Jahr 2008, endlich zur verehrten Amazone der Tea Party und weiter zur Polit-Celebrity, die Millionen Dollar mit zwei Büchern und einem Kolumnistinnen-Vertrag bei FoxNews verdiente, war schon vor Monaten abgeschlossen.

Es sagt wenig Gutes über die Mainstream-Medien der USA, wie lange sie Palins frivol verzögerndes Spiel, doch noch in den Nominierungskampf einzugreifen, mitspielten.

Gegen alle Erfahrung, dass sich Wahlkämpfe und Spenden nicht aus dem Stand organisieren lassen, wurde die 47-Jährige als Joker in einem Feld ungeliebter Kandidaten in der Hinterhand gehalten. Gemehrt wurde keine Erkenntnis, nur ihr (Dollar-)Vermögen.

Frau ohne Amt in Staat oder Partei

Die unterwürfige Bereitschaft der Medien, dem staunenden Publikum jeden getwitterten Zwischenruf einer Frau ohne Amt in Staat oder Partei zu überliefern, hatte peinliche Züge. Selbst die "New York Times", im Jahr 2008 Palins Nemesis, meinte, es sich nicht leisten zu dürfen, ihre Launen und Einwürfe zu ignorieren.

So unglücklich sich Palin, sonst dem Allmächtigen so nahe, beim Zeitpunkt ihrer Verzichtserklärung irrte, als sie von der Traueraufwallung um Apple-Ikone Jobs todgeschwiegen wurde, so geschickt hatte sie seit 2008 Medien und Anhänger manipuliert. Sie gab die Frau aus dem Volk, die angeekelt von Korruption in Washington wie an der Wall Street, eine Rückbesinnung auf Gott, die Verfassung und Amerikas Erwähltheitsgewissheit predigte.

Je einfacher die Werte von Scholle, Glauben und Mutterschaft, desto leidenschaftlicher stritt Palin für sie, so wie sie Zweifel säte an Intellektualität und Wissenschaften. Patente Frauen mit Lebenserfahrung und wenig Bildung erkannten sich in der Mutter von fünf Kindern (darunter eines an Down Syndrom leidenden Jungen) wieder, die ihr eigenes Geld verdiente.

John McCain und seinen Beratern, die sich um den mangelnden Enthusiasmus der Frauen sowie der rechten, frommen Basis sorgten, musste Palin wie die Erlösung von ihren Albträumen erscheinen. Dass sich die Provinzlerin bald als machtgierige, zickige, illoyale, hochgradig betreuungsintensive Partnerin erwies, die McCain an die Wand zu spielen versuchte, war schlechter Recherche geschuldet. Die Leute in Alaska kannten Palin schon länger.

Im größten Flächenstaat der USA mit einer höchst überschaubaren Bevölkerung von knapp 700.000 Menschen hat man Palin vor allem als faul in Erinnerung. Nur ihre beiden Amtszeiten als Bürgermeisterin von Wassila leistete sie vollständig ab; und dort taten andere die meiste Arbeit.

Aus zwei weiteren gewählten Jobs stieg sie aus, als sie sich langweilte oder Besseres zu tun hatte. Zuletzt warf sie das Gouverneursamt vor der Zeit hin, um sich ganz ihren lukrativen Nebenverdiensten widmen zu können, und brüskierte damit selbst ihre treuesten Wähler.

Keine gute Meinung über Palin

Präsidentschaftswahlkämpfe in den USA verlangen eiserne Gesundheit, Schmeichelei und Geduld beim Spendeneintreiben, vor allem ein panzerhaftes dickes Fell, das den Kandidaten samt Familie umschließt. Palin hatte weder den Fleiß noch die Härte im Nehmen, als die Medien sich mit ihrem politischen Vorleben zu befassen begannen.

Mehr als 60 Prozent der alaskischen Bürger haben laut einer neuen Umfrage keine gute Meinung von ihrer früheren Gouverneurin. Zwei Drittel der republikanischen Wähler wollten sie nicht als Kandidatin für die Nominierung. Palin verzichtete in der Tat auf nichts, was sie noch haben konnte.

"Eine gute Freundin, eine große Amerikanerin und wahre Patriotin"

Dies könnte das Ende ihrer Karriere bei FoxNews bedeuten. Roger Ailes, Präsident des erzkonservativen Kabelsenders, erläuterte am Tag vor Palins Verzicht, dass er sie angeheuerte hatte, "weil sie heiße Ware war und Einschaltquoten brachte". Es scheint, Palin hatte sich in dem Sender so wenige Freunde gemacht wie einst im Stab von McCain.

Ein seltsamer Reflex reizt sie, stets die Hand zu beißen, die sie füttert. Ob ihre politische Karriere eine Auszeit verträgt oder sogar von ihr erfrischt werden könnte, steht dahin. Man könne auch ohne Titel und Amt in die politischen Geschicke Amerikas eingreifen, erklärte Palin am Mittwoch. Das hat sie in der Tat seit geraumer Zeit bewiesen.

Wer von den Stimmen ihrer Anhänger profitieren könnte, ist Gegenstand von Spekulationen. Rick Perry rühmte sie eilig als "eine gute Freundin, eine große Amerikanerin und wahre Patriotin". Das kann nie schaden. Doch auch andere Kandidaten, darunter Michelle Bachmann, wetteifern um ihr Erbe. Wenn ihre Bewunderer erst über ihren Verlust hinweggekommen sind.

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