Lesung in Berlin

Henning Mankells Nichterlebnis-Bericht über Israel

Der Bestsellerautor Henning Mankell hat in Berlin eine Lesereise begonnen. Er war an der "Ship-to-Gaza"-Aktion beteiligt - aber nicht hautnah dabei. Dennoch hat er viel dazu zu sagen.

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Fr, 04.06.2010, 14.49 Uhr

Der schwedische Bestsellerautor betonte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz vor seiner Lesung in der Berliner Volksbühne, dass sich die sogenannte Gaza-Flotte zum Zeitpunkt des israelischen Einsatzes in internationalen Gewässern befand.

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Die Mitteilung kam per E-Mail vom Paul-Zsolnay-Verlag: "Henning Mankell muss wegen der 'Ship to Gaza'-Aktion zwei Stationen seiner heute startenden Lesereise absagen." Betroffen waren Lesungen in Zürich am 31.Mai und in Konstanz am folgenden Tag. Der schwedische Autor war nämlich an Bord eines der Schiffe, die am 31.Mai von israelischen Streitkräften daran gehindert wurden, die Seeblockade gegen die Hamas zu durchbrechen, und landete statt in Gaza in israelischem Gewahrsam.

Offenbar ging der Bestsellerautor davon aus, sich in der Nacht zum 31. Mai mal eben so als Blockadebrecher betätigen zu können, um anschließend nach Europa zur Lesereise zurückzufliegen. Die Mischung aus Chuzpe und Naivität ist bemerkenswert. Und doch lag er mit seiner Reiseplanung nicht ganz falsch, denn trotz der israelischen Militäraktion und seiner vorübergehenden Festnahme war Mankell am Donnerstag schon in Berlin, der dritten Station der Reise.

Und damit die Gelegenheit zur Publicity nicht verpasst wird, organisierte der Verlag gleich eine Pressekonferenz in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, um – wie es sein deutscher Verleger Michael Krüger auszudrücken beliebte – zu erklären, "warum die israelische Armee zu den denkbar grausamsten Mitteln gegriffen hat, um eine zutiefst menschenfreundliche Aktion zu beenden".

Dazu kann Mankell aber gar nichts erklären, denn er befand sich, wie er vor etwa 100 Journalisten aus aller Welt ausführt, auf dem von schwedischen Aktivisten gecharterten Schiff "Sophia". Die Schweden leisteten allenfalls passiven Widerstand, und zu den "denkbar grausamsten Mitteln" der enternden Israelis gehörte, dass ein Aktivist eine Paintball-Kugel abbekommen hat, ein anderer mit einer Tazer-Waffe außer Gefecht gesetzt wurde. Das sei "sehr schmerzhaft" gewesen, sagt Mankell. Gewiss.

Das von der türkischen Organisation IHH gecharterte Schiff "Mavi Marmara", auf dem es zu Kämpfen zwischen bewaffneten Passagieren und den israelischen Soldaten sowie zu Todesopfern unter den Passagieren gekommen war, lag etwa ein Kilometer von der "Sophia" entfernt. Mankell erklärt, dass er bis zum Betreten der Lufthansa-Maschine, die ihn vorgestern aus Israel ausflog, nichts von den Vorgängen an Bord der "Marmara" erfahren hatte und bis heute, wie er sagt "so sehr damit beschäftigt war, mit Journalisten zu reden", dass er keine Zeit gefunden habe, sich die Videos anzuschauen, auf denen zu sehen ist, wie sich einige Passagiere auf eine gewaltsame Auseinandersetzung vorbereiten und dann auf die israelischen Soldaten brutal mit Eisenstangen und Ketten eindreschen. Dafür weiß der erfahrene Krimi-Autor erstaunlich gut über die Motive der Israelis Bescheid: "Das israelische Militär war darauf aus, Mord zu begehen."

Weniger gut informiert ist Mankell über jene, "zutiefst menschenfreundliche" Organisation IHH, die hinter der Aktion stand. Gegen sie ermittelte schon kurz nach ihrer Gründung die deutsche Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts, Spendengelder an islamistische Terrorgruppen weiterzuleiten. Nilüfer Narli von der Universität Istanbul hält es für bewiesen, dass die IHH die Hamas finanziert. Und IHH-Sprecher Ümer Faruk Korkmaz sagte breit lächelnd bei einer Pressekonferenz, es sei bei der sogenannten Hilfsaktion für Gaza darum gegangen, "Israel vorzuführen". Von Morgenpost Online auf diese Fakten angesprochen, antwortet Mankell zuerst unwirsch, die Fragen zeugten von "Aggressivität". Dann aber sagt er, wenn sie zuträfen, werde er "sehr sauer" sein.

Er bestreitet Israels Existenzrecht

Heftig wehrt sich der Autor gegen den Vorwurf, im Kalkül der Hamas die Rolle eines "nützlichen Idioten" zu spielen, wie Lenin die westlichen Verharmloser des Bolschewismus nannte. "Ich bin kein nützlicher Idiot!", ruft er mehrmals. "Ich bin sehr kritisch gegenüber vielem, was die Hamas macht." Freilich sagt er nicht genau, wogegen er ist. Und in der Tat ist Mankell nicht einfach ein naiver Schriftsteller. Wie die Hamas bestreitet er Israels Existenzrecht. Es gebe "keinerlei Gründe" anzuerkennen, dass die Gründung des Staates Israel 1948 "eine völkerrechtlich legitime Handlung war", schrieb er nach einer Reise durch Israel und die Palästinensergebiete im vergangenen Sommer.

Und auch eine Zwei-Staaten-Lösung bedeute nicht, "dass die historische Besatzung aufgehoben wird". Mit anderen Worten, Israels bloße Existenz als Staat bedeute eine Besatzung angeblich palästinensischen Bodens und müsse aufhören. Die einzige Frage sei, ob die Israelis "freiwillig einer Abwicklung des Apartheidstaates zustimmen werden. Oder ob es zwangsweise geschehen wird." In der Pressekonferenz spricht Mankell von einer "südafrikanischen Lösung" – was aber nichts anderes heißt als die Übernahme des ganzen Landes durch die Palästinenser.

Dementsprechend ist Mankell nicht bereit, die Gewalt der Passagiere auf der "Marmara" zu verurteilen. "Ich habe nicht gesehen, dass Passagiere die Seile nach oben geklettert sind in die Hubschrauber. Die Soldaten haben sich auf das Schiff abgeseilt. Die Passagiere haben sich gegen diesen Angriff gewehrt. Ich hätte an ihrer Stelle das Gleiche getan." Man darf das mit Fug und Recht bezweifeln. Mankell ist eben nicht dumm.

Sein "Erlebnisbericht" – eigentlich ein Nicht-Erlebnisbericht – wird am Wochenende in acht internationalen Zeitungen erscheinen. Stolz weist er darauf hin, dass er der einzige berühmte Autor ist, der sich an der Gaza-Aktion beteiligt hat. Selbstkritische Fragen schein er daraus nicht abzuleiten. Zuweilen aber hat man den Eindruck, dass Mankell eher über die schlechte Planung der israelischen Aktion verwundert ist als wirklich empört über die Toten und Verletzten. Als ihm ein ausländischer Journalist die gute Frage stellt, was er eigentlich erwartet habe, antwortet der Schriftsteller, er habe nicht mit einem Angriff um vier Uhr früh gerechnet, als er noch schlief, sondern erst zwei Stunden später, in israelischen Küstengewässern. "Sie hätten uns manövrierunfähig machen und abschleppen können", sagt er. Und dann – das sagt er nicht – wäre er um acht Uhr in Israel gewesen und hätte rechtzeitig den Flug nach Zürich zur Lesung bekommen.

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