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24.02.09

Naturwissenschaften

Physiklehrer immer öfter ohne Lehramtsstudium

In Deutschland gibt es zu wenige Physiklehrer. Deshalb unterrichten immer häufiger Akademiker in deutschen Klassenzimmern, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Experten streiten nun über den Einsatz von Lehrern aus der freien Wirtschaft.

WELT ONLINE Infografik

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Deutschlands Physiklehrer unterrichten immer häufiger ohne Lehramtsstudium. Im Zeitraum 2002 bis 2007 waren 45 Prozent der Physik-Referendare für die gymnasiale Oberstufe "Quereinsteiger" ohne Lehramtsstudium. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Studie zum Thema "Quer- und Seiteneinsteiger in das Lehramt Physik" im Auftrag der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Demnach übernehmen pädagogisch ungeschulte Lehrkräfte infolge des akuten Lehrermangels in den Naturwissenschaften immer häufiger Unterrichtsverantwortung.


Damit erhält Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) mit ihrer Forderung, Top-Mitarbeiter von Unternehmen an Schulen unterrichten zu lassen, unverhofften Rückenwind. Ihr Vorschlag hatte heftigen Protest bei Lehrern und in der Wirtschaft hervorgerufen. Sowohl der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) als auch Lehrerverbände sprachen von einem unrealistischen, "lächerlichen" Vorschlag und warnten vor einem Qualitätsverlust in der Schule.


Die nun vom Institut für Didaktik der Physik der Universität Frankfurt am Main durchgeführte Erhebung ermittelte für den Zeitraum 2002 bis 2007 bundesweit rund 3200 Physik-Referendare für die gymnasiale Oberstufe. Davon waren 45 Prozent (1451 Physiker) "Quereinsteiger" ohne Lehramtsstudium. 55 Prozent der Referendare (1747 Physiker) hatten ein Lehramtsstudium absolviert.


"Von der allgemeinen Entwicklung sind allerdings sämtliche Schulformen betroffen, nicht nur das Gymnasium", sagte Physik-Didaktikerin Manuela Welzel-Breuer, die im Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft für Schulangelegenheiten zuständig ist. "So gibt es gerade im Haupt- und Realschulbereich besonders viele Seiteneinsteiger, die unmittelbar Unterrichtsverantwortung übernehmen."


Deutlich ist jedenfalls, dass die Zahl der Quereinsteiger in den Beruf des Physiklehrers in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Gab es laut Studie im Jahr 2002 noch 400 Physik-Studenten mit Lehramtsstudium, so sank ihre Zahl bis zum Jahr 2007 auf 200. Gleichzeitig stieg die Zahl der 50 Quereinsteiger in den Beruf des Physiklehrers von 50 im Jahr 2002 auf 360 Lehrer ohne Lehramtsstudium im Jahr 2007 an.


Diese Tendenz verläuft parallel zu einer positiven Entwicklung für Physiker auf dem Arbeitsmarkt. Waren laut Bundesagentur für Arbeit im Jahr 1998 noch rund 2800 Physiker und Physikerinnen arbeitslos gemeldet, waren es im Jahr 2008 nur noch etwa 1050. Gleichzeitig nahm auch die Zahl der arbeitlosen Physikingenieure von 500 im Jahr 1998 auf 200 im Jahr 2008 ab.


Viele arbeitslose Physiker sattelten in dieser Zeit offenbar auf den Beruf des Physiklehrers um.

Konkreter Lehrbedarf ist nur schwer zu ermitteln

Angesichts dieser Entwicklung sorgt sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft um die Qualität des Physikunterrichts. Von den Kultusministerien der Bundesländer forderte sie deshalb eine umfassende Weiterbildung für Lehrkräfte, die kein Lehramtsstudium durchlaufen haben.


"Die Situation ist untragbar", sagte DPG-Präsident Gerd Litfin Morgenpost Online. Die Schuld an der Physik-Lehrer-Misere sieht Litfin bei den Kultusministern der Länder. "Die Personalplanung in den Kultusministerien ist katastrophal. Sie übersieht vollkommen den Bedarf an bestimmten Lehrkräften. Das rächt sich jetzt", sagte Litfin.


Bei den Lehrerinnen und Lehrer für Physik, die kein Lehramtsstudium absolviert haben, handele es sich in der Regel um hoch spezialisierte Fachleute, die auf die Themenvielfalt und die pädagogischen Anforderungen des Schulunterrichts nur unzureichend vorbereitet seien, sagte der Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Litfin: "Wir fordern daher, dass diese Lehrkräfte intensiver als bislang fortgebildet werden. Solche Maßnahmen kommen zurzeit viel zu kurz. Die gegenwärtigen Notprogramme zur Einstellung von Lehrkräften gefährden die Qualität des Physikunterrichts."


Nordrhein-Westfalen lasse in Verbindung mit einer nur begrenzten Zusatzausbildung sogar Lehrkräfte ohne jegliches Physikstudium zu. "Wir warnen vor diesen Adhoc-Aktionen. Denn sie legen den Schwerpunkt nicht auf Unterrichtsqualität, sondern nur auf die bloße Abdeckung der Unterrichtsstunden", sagte der DPG-Präsident.


"Solch ein Schmalspur-Unterricht schafft es niemals, bei jungen Menschen jene Neugier für Naturwissenschaften zu wecken, die wir so dringend brauchen. Nach wie vor fehlt hierzulande der Nachwuchs. Die Konsequenzen sind deutlich: Der Fachkräftemangel in den Naturwissenschaften kostet die Wirtschaft Innovationskraft und Umsatz." Außerdem fehle auch Schülern, die nicht Physik studieren wollten bei schlechtem Physik-Unterricht ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung.

"In einer so komplexen Welt, in ein umfassendes Wissen essenziell für beruflichen Erfolg ist, führt eine Bildungspolitik wie sie gegenwärtig praktiziert wird langfristig zu Wohlstandsverlusten", sagte Litfin.

Weniger kritisch betrachtet der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, "Quereinsteiger" ohne Lehramtsstudium in den Physikunterricht. "Man darf Quereinsteiger nicht generell verteufeln", sagte Meidinger Morgenpost Online. Vorteile verspricht Meidinger sich vor allem dann, wenn Seiteneinsteiger "wertvolle Praxiserfahrung aus der freien Wirtschaft mitbringen." Zudem sei ein "schlechter Physikunterricht immer noch besser als gar keiner".


Ein Sprecher des Bundesbildungsministeriums in Berlin sagte Morgenpost Online: "Klar ist, dass in der Regel Physikunterricht von ausgebildeten Pädagogen erteilt werden muss. Wenn aber Physiklehrer schlicht dauerhaft fehlen, ist es angebracht, Wege für einen dennoch möglichst guten Physikunterricht zu suchen." Das könne nach den verschiedenen Konzeptionen der Länder auch mit Quereinsteigern geschehen, die eine begleitende pädagogische Weiterbildung erhalten sollten.


Als Konsequenz fordert der Ministeriumssprecher: "Zunächst muss selbstverständlich sein, dass man das Abitur nicht ohne Mathematik und Naturwissenschaft ablegen kann. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan." Schließlich müsse es gelingen, dem Lehrerberuf eine so hohe Anerkennung zu geben, wie es beispielsweise in skandinavischen Ländern der Fall ist. "Wenn die Gesellschaft begreift, dass Lehrerinnen und Lehrer Kulturschaffende ersten Ranges sind, werden auch wieder mehr junge Leute diesen Beruf wählen."

Studie belegt bundesweiten Trend

Angesichts fehlender Physik-Lehrkräfte bieten zurzeit 12 der 16 Bundesländer Natur- und Ingenieurswissenschaftlern – insbesondere auch Diplom-Physikern – die Möglichkeit, als "Quereinsteiger" mit dem schulischen Vorbereitungsdienst (Referendariat) zu beginnen, beziehungsweise als "Seiteneinsteiger" direkt den Schuldienst anzutreten. Wobei sich diese Regelungen von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. So das Fazit einer Studie, die von der DPG mitfinanziert wurde.


"Sicher kann nicht pauschal davon ausgegangen werden, dass Quer- und Seiteneinsteiger per se keine guten Lehrkräfte sind", räumt Welzel-Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, ein, "dennoch konterkariert diese Entwicklung massiv die Bemühungen, die Lehrerbildung zu professionalisieren und praxisnäher zu gestalten." Das derzeitige Vorgehen stehe im Widerspruch zu den von der Kultusministerkonferenz im Oktober 2008 beschlossenen Standards für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.


Zudem wirke die aktuelle Entwicklung auf Lehramtsstudierende äußerst demotivierend, so Welzel-Breuer weiter: "Es steht zu befürchten, dass Lehrkräfte, die als Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, mittel- und langfristig Planstellen besetzen. Damit sinken die Einstellungschancen für regulär ausgebildete Physik-Lehrkräfte. Das gerade wieder zunehmende Interesse am Lehramtsstudium im naturwissenschaftlichen Bereich kann dann schnell wieder abklingen."

Schlappe für deutsche Bildungspolitik

Erst gestern hatte das Ifo-Institut für Wirtschaftsförderung in einer neuen Untersuchung Zahlen zum Durchschnittsalter des deutschen Lehrkörpers vorgestellt.


Das Ifo-Institut hatte festgestellt, dass Deutschlands Lehrer immer älter werden. Demnach haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Zahlen der Lehrer, die älter als 50 Jahre alt sind fast vervierfacht. Waren 1986 nur 14,3 Prozent der Lehrer zwischen 51 und 65 Jahre alt, so waren es im Jahr 2006 bereits 55,4 Prozent. Bezieht man die Altersgruppe der Lehrer mit ein, die älter als 41 Jahre sind, so ist die Entwicklung noch dramatischer. 1986 machte die Gruppe der 41-65-Jährigen noch 38,1 Prozent des Lehrkörpers aus, so waren es im Jahr 2006 bereits 80,1 Prozent.


Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass die Bundesländer in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer weniger Lehrer eingestellt haben. Das hat die Altersstruktur in deutschen Lehrerzimmern stark beeinflusst. Während die Gruppe der 21- bis 40-jährigen Lehrer 1986 noch 61,9 Prozent ausmachte, ist diese Zahl bis zum Jahr 2006 auf 19,9 Prozent geschrumpft.

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