07.01.11

Vitamine und Diätpillen

Nahrungsergänzungsmittel boomen – zu Unrecht

Produkte zur Nahrungsergänzung sind Bestseller nicht nur in Internetshops. Dabei sind sie für normalsterbliche Menschen völlig unnötig.

Foto: dpa
Paprika statt Pillen
Im gesund zu bleiben, kann man sich leidlich vernünftig ernähren - oder Tabletten schlucken

Manche hoffen auf jugendliche Haut, andere auf dicke Muskeln, die meisten auf robuste Gesundheit. Immer mehr Menschen ergänzen ihre Ernährung gezielt mit speziellen Präparaten, etwa Vitaminen, Enzymen oder Antioxidantien. Ein Viertel bis gut ein Drittel der Bundesbürger schluckt Umfragen zufolge solche Pulver und Pillen gelegentlich bis regelmäßig.

Die international gewaltige Nachfrage versuchen Hersteller aus aller Welt zu befriedigen. Supermärkte, Drogerien, Apotheken und vor allem das Internet bieten eine Vielzahl von Präparaten, die sich schon lange nicht mehr auf die klassischen Vitamine und Mineralstoffe beschränken. "Das Spektrum der Produkte ist unüberschaubar", sagt Andreas Hahn. Der Lebensmittelforscher der Universität Hannover geht von Tausenden Artikeln auf dem deutschen Markt aus, "und jeden Tag kommen etwa zehn neue Präparate dazu".

Seit Nahrungsergänzungsmittel nicht mehr unter das Arzneimittel-, sondern unter das Lebensmittelgesetz fallen, müssen Hersteller einen therapeutischen Nutzen ihrer Produkte nicht mehr belegen und dürfen somit auch nicht mehr mit gesundheitlichen Effekten werben. Dennoch ist es gerade die Hoffnung auf körperliches Wohl, die die meisten Verbraucher zum Kauf solcher Präparate treibt. Zwar streben viele junge Konsumenten Muskelkraft und -masse an. "Aber der Konsum von Ergänzungspräparaten steigt mit dem Alter", erklärt Hahn. Und das Gros der älteren Verbraucher will schlicht die Gesundheit bewahren oder bessern.

Tatsächlich kann die Einnahme solcher Präparate sinnvoll sein. Säuglinge bekommen im ersten Lebensjahr Vitamin D zur Vorbeugung von Rachitis. Schwangere nehmen Folsäure, um den Nachwuchs vor Neuralrohrdefekten wie etwa offenem Rücken zu schützen. Auch wenn Magen- oder Darmerkrankungen die Nahrungsabsorption einschränken, können solche Präparate einen drohenden Nährstoffmangel abwenden.

Aber abgesehen von solchen Ausnahmen sehen viele Ernährungsforscher den derzeitigen Trend mit gemischten Gefühlen. "Die normale Bevölkerung braucht solche Präparate nicht", konstatiert Helmut Heseker von der Universität Paderborn. "Wir haben ganzjährig ein großes Angebot an frischem Obst und Gemüse." Paradoxerweise, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), ergänzen eher jene Menschen ihren Speiseplan, die besonders penibel auf ausgewogene Kost achten.

Die klassischen Vitaminprodukte bergen – in normaler Menge genommen – kaum Risiken. Aber auch ihr Einnahme kann in hohen Dosierungen auf Dauer schaden: Das gilt insbesondere für Vitamin A. Aber auch Vitamin E kann in großen Mengen die Leber schädigen, Vitamin C Nierensteine begünstigen. Betakarotin kann bei Rauchern die Gefahr für Lungenkrebs steigern, zuviel Folsäure die Entstehung von Darmkrebs begünstigen. Um solche Risiken abzuwenden, rät Hahn Verbrauchern, Multipräparate in normaler Dosierung zu verwenden.

Besondere Vorsicht geboten ist bei der übermäßigen Einnahme bestimmter Spurenelemente wie Eisen, Zink oder Kupfer. Denn die Absorption dieser Stoffe im Körper hängt von einem fein untereinander ausbalancierten Gleichgewicht ab. So kann etwa eine hohe Eisenaufnahme die Verwertung von Zink stören. "Davon kann ich nur abraten", mahnt Heseker.

Eine andere Gefahr entdeckten Forscher der Deutschen Sporthochschule Köln in einer Studie: In fast zwölf Prozent der in Deutschland erworbenen Ergänzungspräparate fanden sie Spuren verbotener Anabolika. Auch andere Verunreinigungen wurden bereits nachgewiesen, darunter Medikamente wie Kortison oder Antibiotika, aber auch Stoffe wie Blei und Arsen. "Das sind Gifte, die mit Gesundheit gar nichts zu tun haben", warnt der Mediziner Burkhard Göke vom Klinikum München. Seine Erklärung für Rückstände: "Viele Präparate stammen aus Anlagen, in denen auch Medikamente hergestellt werden."

Insbesondere vor Internet-Anbietern aus dem Ausland wie etwa den Niederlanden oder den USA sollten sich Verbraucher hüten. Aber auch eine deutschsprachige Internetseite garantiert nicht, dass ein Produkt tatsächlich aus Deutschland kommt. "Mit vielen Präparaten gehen Verbraucher zu leichtfertig um", sagt Göke.

Unabhängig von derartigen Problemen bezweifeln manche Experten grundsätzlich, dass isolierte Nährstoffe einen gleichwertigen Ersatz zu Naturprodukten bieten. Erst kürzlich rüttelten diverse Studien am Wert von Pillen mit der mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäure DHA. Die teuren Fischölkapseln sollen etwa vor Herzerkrankungen und Demenz schützen und die kognitive Entwicklung von Kindern anregen. Heseker rät, lieber regelmäßig fettreichen Fisch zu essen.

Ein zweites Beispiel: Obst und Gemüse schützen erwiesenermaßen vor Herz-Kreislauferkrankungen. Für in Tabletten gepresste Inhaltsstoffe wurde eine solche Wirkung noch nie nachgewiesen. Auch der Cholesterin-senkende Effekt von Knoblauch fällt bei Einnahme der viel beworbenen Dragees auf einen Bruchteil.

"Ernährung ist viel zu komplex für einfache Botschaften", betont Heseker. "Viele Leute glauben, dass sie ein Präparat einwerfen und dann wird alles gut."

Quelle: dapd
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