02.11.07

Gesundheit

Gefährliche Vitamine aus der Retorte

Die Angst der Verbraucher garantiert gute Geschäfte: Mit künstlichen Pflanzenstoffen und Mineralien werden Milliarden umgesetzt. Studien zeigen, dass sie häufig sogar schädlich sind. Aber: Es gibt auch Ausnahmen.

Foto: PA
Medikament oder Lebensmittel? Ob ein Präparat ein Arznei- oder Lebensmittel ist, richtet sich nach dem Inhalt. Grundsätzlich dürfen Nahrungsergänzungsmitteln keine Eigenschaften zugeschrieben werden, die der Verhütung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit dienen.
Medikament oder Lebensmittel? Ob ein Präparat ein Arznei- oder Lebensmittel ist, richtet sich nach dem Inhalt. Grundsätzlich dürfen Nahrungsergänzungsmitteln keine Eigenschaften zugeschrieben werden, die der Verhütung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit dienen.

Fein säuberlich reihen sich die kleinen Packungen aneinander. Im Schaufenster glüht eine Werbetafel und preist neue Präparate, rezeptfrei zur Stärkung der Immunabwehr. Die Schachteln rechts daneben versprechen Schwangeren, dass diese sich besser fühlen, wenn sie den Inhalt konsumieren. Und wieder andere verheißen, dem Alter vorzubeugen oder die Haut zu verschönern. Die Auslage gehört zu einer ganz normalen Apotheke in der Mitte Berlins. Pillen, Pulver, Kapseln – sie sehen aus wie Medikamente, sie sind es aber nicht. Es sind Nahrungsergänzungsmittel, nach EU-Recht gehören sie formal zu den Lebensmitteln.

Sie tun Gutes und schaden nicht, so die landläufige Meinung. Doch die Warnungen häufen sich: Im Frühjahr schockierten zwei Studien mit der Meldung, dass Vitaminpräparate möglicherweise die Sterblichkeit erhöhen. Die regelmäßige Einnahme von Multivitaminen verdoppelt demnach das Risiko, an einem potenziell tödlichen Prostatakarzinom zu erkranken. Und kürzlich entdeckte ein internationales Forscherteam erhöhte Zinkkonzentrationen in krankhaften Ablagerungen (Drusen) unter der Netzhaut (Retina). Sie sind für die altersbedingte Makuladegeneration charakteristisch, eine der wesentlichen Ursachen für Altersblindheit. Die Autoren vermuten im Fachmagazin "Experimental Eye Research" ebenfalls, dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln eine Rolle spielen könnte.

Über eine Milliarde Euro im Jahr geben die Deutschen für solche Produkte aus, schätzt der Lebensmittelsachverständige Martin Müller. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Krebs- und Alterspatienten, Sportler, Schwangere oder stillende Mütter seien bevorzugte Zielgruppen der Industrie. "Mit der Angst der Verbraucher kann man unheimlich gute Geschäfte machen", lautet das vernichtende Urteil des Gutachters, der seit zehn Jahren in Bayreuth praktiziert. "Das wird schamlos ausgenutzt."

Dabei zeichnen sich die Präparate und ihre Verpackungen oft durch irreführende oder unzulässige krankheitsbezogene Informationen aus. Allein in Bayern liegt die offizielle Beanstandungsquote zwischen 30 und 70 Prozent. In den letzten Jahren habe sich ein regelrechter "Wildwuchs" ausbreiten können. Auch Stiftung Warentest machte schlechte Erfahrungen: Der Markt sei ein "gefundenes Fressen" für alle, die Geld verdienen wollen. Man komme "aus dem Staunen nicht mehr heraus".

Gesundheitsfördernde Nutzen selten nachweisbar

Getrieben von Meldungen über belastetes Essen, mangelnde Nährstoffe und zunehmende Krankheiten, versucht sich der gesundheitsbewusste – oft weibliche – Konsument abzusichern. Besonders wer aus der höheren Bildungsschicht kommt, ist für die Präparate empfänglich, analysierten Marktforscher. Der Vertrieb über Ärzte, Therapeuten und Apotheken soll die Seriosität unterstreichen. "Die Frage, ob Vitaminpräparate nutzen oder schaden, ist sehr emotional besetzt", sagt Müller. Fakt ist: Der gesundheitsfördernde Nutzen ist für die wenigsten Produkte wissenschaftlich nachgewiesen.

So stellte beispielsweise das Team um Studienleiter Goran Bjelakovic vom Universitätsklinikum Kopenhagen fest, dass Vitamine wie Betakarotin, Vitamin A und E schädigende Wirkung haben können. Vor allem, wenn sie, wie in Nahrungsergänzungsmitteln häufig, in größerer und in meist über den natürlichen Bedarf hinaus gehender Menge zugeführt werden, erläutert der Forscher im US-Medizinmagazin "Jama". Zu viel Betakarotin erhöhe die Lungenkrebsrate und die Sterblichkeit deutlich. Selbst für Vitamin C lasse sich keine nachteilige Wirkung ausschließen. Hersteller und Vertreiber streiten dies ab. Sie verweisen darauf, dass die Vitamine freie Radikale abfangen und Krebs vorbeugen.

Auch Selen, früher ein Geheimtipp zur Krebsprävention, sehen die Behörden inzwischen kritisch. Die Industrie bewirbt das Spurenelement gegen allerlei Beschwerden von Nagelwuchsstörungen bis zu Alterungserscheinungen. Doch die regelmäßige Einnahme ist nicht frei von Nebenwirkungen: Das Risiko, an Diabetes zu erkranken, verdreifacht sich mit mehrjähriger Einnahme von täglich 200 Mikrogramm fast, so das Ergebnis einer kontrollierten Studie, das in den "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht wurde. Allerdings gibt das "Deutsche Ärzteblatt" einschränkend zu bedenken, dass die Probanden mit einem Durchschnittsalter von 63 Jahren älter als die meisten Konsumenten von Multivitaminpräparaten waren.

Der Kunde konsumiere "kritiklos", sagt Angelika Michel-Drews von der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Oftmals sei er vom Wunsch beseelt, "sich Gesundheit oder einen neuen Lebensstil zu kaufen". Eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung reiche in jedem Fall aus. Das "Ammenmärchen" von mangelnder Versorgung, defizitären Lebensmitteln und schlechten Böden sei in Deutschland einfach "Unsinn". Nur in wenigen Ausnahmefällen sei die Nahrungsergänzung wirklich sinnvoll, zum Beispiel bei schwerer Krankheit oder ärztlich festgestellter Unterversorgung. "Den Einzigen, denen die Präparate sicher nutzen, sind die Hersteller und der Handel", sagt die VZBV-Referentin für Ernährung.

Präparate mit Schadstoffen belastet

Es sind nicht nur die reinen Vitamin- oder Mineralpräparate, die problematisch sein können, sondern auch Pflanzenpräparate. So finden sich in Algenpräparaten stark erhöhte Blei- und Cadmiumwerte. Dies liegt meist an der Kontamination der verwendeten Spirulinaalgen, da Algen in besonderem Maße Schwermetalle aus dem Wasser anreichern. Bei längerem Verzehr können gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht ausgeschlossen werden, warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Isolierte Isoflavone, die Wechseljahrebeschwerden lindern sollen, können die Funktion der Schilddrüse beeinträchtigen und unter Umständen die Entwicklung von Brustkrebs fördern, stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest.

Ebenfalls umstritten ist die Orthomolekulare Medizin. Sie soll nach Linus Pauling "durch Veränderung der Konzentration von Substanzen, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit verantwortlich sind", heilende Effekte haben. Die Produkte werden als Nahrungsergänzungsmittel oder diätetische Lebensmittel vertrieben. Das "Arzneitelegramm" warnt: "Sie enthalten Vitamine, Spurenelemente, Fettsäuren, Flavonoide und andere teilweise in Mengen, die die empfohlene Tagesdosierungen um ein Mehrfaches überschreiten." Das BfR kritisiert die aggressive PR-Strategie der Hersteller, insbesondere wenn die Wirkungsbehauptungen wissenschaftlich nicht hinreichend belegt sind.

Am meisten Kopfzerbrechen bereitet den Verbraucherschützern der Handel im Internet. Die Produkte sprießen frei und unkontrolliert aus dem Netz. "Was sich in diesem Bereich abspielt, ist haarsträubend", sagt Michel-Drews. In Ayurveda-Produkten aus Indien entdeckte das ARD-Magazin "Plusminus" hohe Mengen Arsen und Quecksilber. Besonders häufig von Verunreinigungen betroffen sind Produkte, die zur Förderung der Potenz oder zum Abnehmen angeboten werden.

Eine Untersuchung der Stiftung Warentest von Schlankheitsmitteln ergab, dass gleich 13 der 16 im Netz angebotenen und untersuchten Präparate gesundheitsgefährdende Substanzen enthielten und als Arzneimittel geführt sein müssten. In den Präparaten fanden die Tester aufputschendes und suchterregendes Ephedrin, meist auch Koffein und den gefährlichen Wirkstoff Sibutramin. In Italien sei diese Substanz wegen zweier Todesfälle vor fünf Jahren vom Markt genommen worden Das Versprechen, schlank zu machen, löst kein einziges ein. Dafür fallen pro Monat Kosten zwischen 30 und 150 Euro an.

Kontrolle findet nicht statt

Obwohl Präparate im Internet oft als "rein pflanzlich" deklariert sind, können sie stark wirkende und nebenwirkungsträchtige Arzneistoffe enthalten, mahnt die unabhängige Arzneimittelzeitschrift "Gute Pillen – schlechte Pillen". Eine nennenswerte Kontrolle solcher Mittel finde nicht statt. Die Hersteller seien selten auffindbar. "Selbst wenn eine Behörde in einzelnen Fällen den Vertrieb eines Produkts unterbindet, geht der Verkauf des gleichen Präparats unter anderer Bezeichnung weiter", erklären die Autoren.

Die Sicherheit fehlt, und das verwundert nicht. Der Grenzbereich zwischen Nahrungsergänzungs- und Arzneimittel bereitet nicht nur im Internet Schwierigkeiten. Experten sprechen von einer "Grauzone". Sie hoffen auf die neue "Health-Claims-Verordnung", die seit 1.Juli in Kraft ist. Trotz der starken Bedenken aus Deutschland setzte sich das Regelwerk für den Verbraucherschutz auf europäischer Ebene durch. Danach dürfen Hersteller und Vertreiber von Lebensmitteln nur noch mit Aussagen werben, die wissenschaftlich abgesichert und in einer Positivliste der EU enthalten sind. Es gilt: Was nicht erlaubt ist, ist verboten. "Für Deutschland ist das eine völlig neue Situation", sagt Müller.

Ballaststoffe, Calcium und Folsäure zählen zu den "qualifizierenden Nährstoffen", bei denen ein gesicherter wissenschaftlicher Zusammenhang besteht. Für diese Stoffe sind grundsätzlich positive gesundheitsbezogene Werbeaussagen zulässig. Hingegen "werden weitverbreitete Aussagen wie 'stärkt die Abwehrkräfte' oder 'unterstützt das Immunsystem' wohl nicht mehr so einfach möglich sein", prognostiziert Müller. Sie seien zu allgemein und zu ungenau. Auch für Knoblauch- oder Zimtpräparate dürfte es teilweise schwierig werden, einen Health Claim für spezielle Krankheitsbilder zu begründen, meint der Sachverständige. Für beide Wirkstoffe gebe es keine hinreichenden wissenschaftlichen Nachweise.

Derzeit arbeitet in Parma die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit an den Nährwertprofilen für einzelne Lebensmittelkategorien und überarbeitet damit auch die Regeln für die formal Lebensmitteln zugeordneten Nahrungsergänzungsstoffe. Bis zur Umsetzung wird es noch mindestens bis 2009 dauern. Bis dahin hilft dem Verbraucher nur der kritische Blick.

Verbraucherzentrale Hamburg: www.fitimalter.de

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