15.11.10

Drittes Reich

Joseph Goebbels – Narziss von Hitlers Gnaden

Neue Biografie: Der Historiker Peter Longerich findet in der Gier nach Bestätigung den Kern des NS-Propagandaministers.

Nie war die Nähe größer als im Tod. Als Joseph Goebbels am Abend des 1. Mai 1945 im Garten der Reichskanzlei in Berlin auf eine Zyankalikapsel biss, erfüllte sich sein Traum. Indem er Adolf Hitler nach nur einem Tag in den Selbstmord folgte, als einziger aus dem engsten Führungszirkel des Dritten Reiches, schrieb er die besondere, die einzigartige Beziehung zu seinem Idol für immer fest. Nicht Martin Bormann, nicht Heinrich Himmler oder Hermann Göring, nicht einmal Albert Speer standen nun mehr zwischen Goebbels und Hitler.

"Seine Lebenslüge hatte am Ende gesiegt", lautet der letzte Satz in Peter Longerichs neuer, 910 Seiten starker Biografie des Propagandaministers. Sie erhebt den Anspruch, für die kommenden Jahre, vielleicht Jahrzehnte die maßgebliche Goebbels-Interpretation zu sein. Der Historiker, der an der Universität London lehrt und international als einer der besten Kenner des Dritten Reiches gilt, setzt mit dem gewichtigen Buch sein Vorhaben fort, die deutsche Zeitgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in biografischen Längsschnitten darzustellen.

Der erste derartige Band war vor zwei Jahren seine viel gelobte Lebensbeschreibung von SS-Chef Heinrich Himmler; nun also Goebbels. Möglicherweise hätten andere Personen aus dem innersten Führungszirkel um Hitler näher gelegen; über Bormann oder Göring etwa gibt es keine zeitgemäßen, verlässlichen Biografien, während zu Goebbels die zwar bereits 20 Jahren alte, aber immer noch nützliche Lebensbeschreibung des Historikers und Journalisten Ralf Georg Reuth vorliegt.

Auch abseits dieses Buches darf die Figur Goebbels als relativ gut erforscht gelten. Allein 2009 erschienen zwei weitere Biografien über ihn, mit unterschiedlichen Ansätzen. Dazu kommen eine Fülle von Detailstudien, etwa über Goebbels als "Filmminister", über seine literarischen Gehversuche in den Zwanzigerjahren und – als eindrucksvoll gelungene Kombination aus Bildern und Texten – der Band "Das Goebbels-Experiment" von Lutz Hachmeister und Michael Kloft.

Der Grund für diese Dichte an Forschungen gerade über Goebbels ist einfach: Er hat im Gegensatz zu allen anderen Spitzenfunktionären der NSDAP eine ungeheure Fülle an persönlichen und politischen Selbstzeugnissen hinterlassen – genau genommen 6783 handbeschriebene Blätter in 23 Kladden und 34.609 Seiten mit in großen Typen betippten täglichen Diktaten, außerdem buchstäblich hunderte Leitartikel in den NS-Zeitungen "Völkischer Beobachter", "Der Angriff", und "Das Reich" sowie zahlreiche Broschüren und Büchern. Ohne Zweifel gehörte Joseph Goebbels zu den produktivsten Menschen seiner Zeit.

Allerdings zugleich zu den destruktivsten. Denn ein Großteil seiner ungeheuren Text-Produktion war geprägt von Hass, anfangs gegen "das System", also die erste deutsche Demokratie, später gegen die Nachbarstaaten Deutschlands und seine Gegner im Krieg, und fast immer gegen "die Juden". Der Antisemitismus war die eine Grundkonstante in Goebbels' Leben, die man seit den Zwanzigerjahren verfolgen kann. Die andere war ein beinahe pathologischer Narzissmus.

In Longerichs treffenden Worten: "Goebbels ging es als Autor und Chefpropagandist des Dritten Reiches vor allem darum, einen Spiegel aufzustellen, in dem er sich selbst überlebensgroß sah. Da ihm inneres Gleichgewicht wie äußere Sicherheit fehlten und er seiner Wirkung auf andere zutiefst misstraute, bedurfte er der ständigen Bestätigung, dass das großartige Bild im Spiegel tatsächlich ihn selbst, Joseph Goebbels, darstellte." Als wichtigste Bezugsperson diente dabei Hitler. Longerich belegt in seinem Buch seine Grundthese, dass Persönlichkeitsdefizite der wesentliche Antrieb in der Existenz des ebenso skrupellosen wie wehleidigen Propaganda-Genies war, schlüssig und überzeugend.

Doch all das führt nur unwesentlich über die bisher gesicherte Forschungslage hinaus. Wichtiger ist, dass Longerich wie schon in seinem Himmler-Buch die engen Grenzen des rein Biografischen hinter sich lässt. Stets entlang der Lebens-Chronologie, beschreibt er ausführlich die zentralen Arbeitsbereiche von Goebbels: die krisengeschüttelte Berliner NSDAP, der er seit November 1926 vorstand; den Aufbau und die Lenkung der Propagandaapparates, der nie so perfekt funktionierte, wie sich der zuständige Minister das wünschte; schließlich die Mobilisierung aller Kräfte für den "totalen Krieg". Wie schon die Himmler-Biografie zugleich eine in weiten Teilen sehr überzeugende Beschreibung des NS-Repressionsapparates war, so gelingt Longerich dasselbe Kunststück mit seinem neuen Buch zum zweiten Mal.

In dieser Hinsicht geht der Autor deutlich über Reuth hinaus, der allerdings auch ein anderes Konzept verfolgte, nämlich eine klassische Biografie. Dagegen reihen sich die beiden jüngsten Bücher von Peter Longerich ein in eine Reihe von biografisch angelegten, jedoch zugleich über dieses Sujet weit hinausgreifenden Studien der vergangenen Jahre, etwa die Arbeit von Ulrich Herbert über Werner Best, die zugleich die Funktions-Elite des SS-Staates porträtierte, die zweibändige Hitler-Biografie von Ian Kershaw, die zugleich eine Gesellschaftsgeschichte des Dritten Reichs war, oder Ernst Pipers Biografie des Chefideologen Alfred Rosenberg, die erstmals die nationalsozialistische Weltanschauung präzise analysierte.

Dieser großen und wichtigen Stärke von Longerichs Goebbels-Buch steht jedoch eine Schwäche gegenüber. Er nimmt allzu oft die Tagebuchnotizen für bare Münze, obwohl schon beim Lesen der Biografie und erst recht der in 29 Bänden edierten Originalquelle deutlich wird, wie sehr Goebbels schwankte. Gerade diese Stimmungswechsel waren eine Folge der ja zutreffend beschriebenen Grundkonstellation innerer Unsicherheit. Die von der politischen Messiasfigur Hitler geliehene äußere Stärke führte eben bis zuletzt, bis zum Ende im Führerbunker, nicht zu einer Stabilität bei Goebbels selbst.

Das ändert am Wert des umfangreichen und dennoch gut lesbaren Buches freilich ebenso wenig wie die in Details nicht immer überzeugenden Wertungen von Peter Longerich, die meist auf zu wenig reflektierten Umgang mit den Tagebuchnotizen zurückgehen. So erfolgte die Ernennung von Goebbels zum Berliner NSDAP-Gauleiter 1926 sicher nicht "im Zuge einer Austarierung der innerparteilichen Kräftekonstellation"; vielmehr war Hitler bewusst, dass er in der für den Erfolg seiner "Bewegung" entscheidenden Reichshauptstadt einen ebenso loyalen wie einfallsreichen Stellvertreter brauchte.

Longerich gelingt ein Standardwerk

Die innerparteiliche Krise rund um den Rücktritt von Gregor Strasser Ende 1932 interpretiert Longerich als aufgebauscht. Dabei stützt er sich auf die erst 2006 erschienenen Originalnotizen von Goebbels und übersieht, dass die schon lange bekannte Version in der stark bearbeiteten veröffentlichten Tagebuch-Version "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" die realen, auch in der zeitgenössischen Presse nachzulesenden Fakten aufgriff.

Ein drittes Beispiel für die Überbetonung der Tagebücher gegenüber anderen Quellen ist die Frage, wann und wie viel Hitler über den Putsch gegen Österreichs Kanzler Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 wusste. Nicht erst durch eine Tagebucheintragung von Goebbels ist nämlich die Rolle des "Führers" bei diesem schmählich gescheiterten und außenpolitisch für das Dritte Reich desaströsen Coup belegt. Vielmehr bezeugen schon die seit langem zugänglichen Aufzeichnungen des Reichswehr-Generalleutnants Wilhelm Adam diese Kenntnis.

Doch solche Details mindern die Bedeutung von Longerichs Goebbels-Buch insgesamt nicht. Ohne Zweifel ist ihm eine zeitgemäße, gerade im Hinblick auf die Propaganda und die Kulturpolitik des Dritten Reiches weiterführende Studie gelungen. Zwar war die Forschungslücke größer, die er 2008 mit seiner Himmler-Biografie geschlossen hat. Aber als Darstellung auf aktuellem Stand vor allem des gesamten Tagebuchmaterials ist sein Buch unbedingt lesenswert.

Peter Longerich: Joseph Goebbels. Biografie. Siedler, München. 910 S., 39,99 Euro

Die Tagebücher: Entstehung und Edition
1923: Am 17. Oktober beginnt der arbeits- und perspektivlose, depressive Doktor der Germanistik Joseph Goebbels, fast täglich Notizen über seine Befindlichkeit zu machen.
1924: Im März taucht zum ersten Mal im Tagebuch der Name Adolf Hitler auf. Noch ist Goebbels nicht überzeugt: "Hitler schneidet manche Frage an. Aber die Lösung macht er sich sehr einfach."
1926: Zunehmend fantasiert sich Joseph Goebbels in seinen täglichen Notizen eine Bedeutung zusammen, die er noch längst nicht hat.
1929: Der Charakter der Notizen beginnt sich zu wandeln: Sie dienen immer weniger der Selbstagitation und werden stattdessen zu Materialsammlungen
1932: Goebbels bringt das erste Buch auf Grundlage seiner täglichen Notizen heraus. Vom "Kampf um Berlin" erscheint allerdings nur der erste Band mit dem Untertitel "Der Anfang".
1934: Stark überarbeitet bringt Goebbels unter dem Titel "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" seine Tagebucheintragungen aus der Zeit vom 1. Januar 1932 bis zum 1. Mai 1933 als Buch heraus.
1936: Am 22. Oktober verkauft Goebbels dem NSDAP-Verlag Eher die Rechte an seinen Tagebüchern. Er bekommt sofort 250.000 Reichsmark und jährlich 100.000 Reichsmark.
1937: Die Länge der täglichen Notizen nimmt zu; ein Zusammenhang mit dem Verwertungsvertrag ist anzunehmen, aber nicht nachweisbar.
1941: Aus Sorge vor britischen Luftangriffen bringt Goebbels am 30. März die ersten 20 Bände seiner Tagebücher im Tresorkeller der Reichsbank in Berlin bombensicher unter.
1941: Am 9. Juli ändert sich der Charakter der Tagebücher total: Ab sofort notiert er nicht mehr täglich, meist nachts, seine Gedanken eigenhändig, sondern diktiert sie einem Sekretär.
1941: Ab dem 10. Juli steht zu Beginn jedes abgetippten Diktats eine Zusammenfassung der militärischen Lage des vorangegangenen Tages.
1943: Mit der Kriegswende wandelt sich der Charakter der täglichen Diktate erneut: Nun agitiert sich Goebbels wieder zunehmend selbst wie schon in den Zwanzigerjahren.
1944: Spätestens im November gibt Goebbels den Befehl, seine gesamten Tagebücher auf speziellen Glasplatten zu reproduzieren und damit für die Nachwelt zu bewahren.
1945: Am 22. April zieht Goebbels in den Führerbunker in Berlin. Mit sich bringt er die Originale seiner Tagebücher in die feuchte, aber total bombensichere Betonhöhle
1945: Joseph Goebbels, seit Hitlers Selbstmord neuer und letzter Reichskanzler, bringt sich am 1. Mai 1945 zusammen mit seiner Frau Magda um.
1945: In Goebbels Zimmer im Führerbunker sichert die sowjetische Geheimdienst-Offizierin Jelena Rshewskaja kurz nach der Kapitulation der Wehrmacht rund ein Dutzend Originalkladden.
1945: Die zu Aufräumarbeiten am Führerbunker dienstverpflichtete Berlinerin Else Goldschwamm nimmt rund 500 Blatt Goebbels-Diktate aus den Jahren 1942/43 mit nach Hause.
1945: Bei einem Besuch des Führerbunkers im November findet der US-Offizier Daniel W. Montenegro zufällig zwei weitere Kladden mit Tagebuch-Notizen von 1925/26.
1946: Am 25. März gräbt ein sowjetisch-franztösischer Suchtrupp südwestlich von Berlin eine Metallkiste mit den Glasplattenkopien der Goebbels-Tagebücher aus.
1946: Mit Rechnung vom 1. November erwirbt ein Berliner Händler etwa sechs Tonnen Altpapier aus dem Reichsverkehrsministerium. Darunter sind 6903 Blatt Goebbels-Tagebücher.
1948: Der langjährige UPI-Korrespondent in Berlin, Louis P. Lochner, bringt eine erste Auswahl-Edition der Goebbels-Tagebücher auf Englisch und Deutsch heraus.
1960: Für das Institut für Zeitgeschichte gibt der Historiker Helmut Heiber das handschriftliche Goebbels-Tagebuch von 1925/26 heraus.
1969: Der KGB übergibt der DDR-Staatssicherheit rund 20.000 Blatt Goebbels-Tagebücher. Es handelt sich um bearbeitete Ausdrucke der Glasplatten-Kopien.
1972: Der Verlag Hoffmann & Campe kauft die Rechte an diesem Material, um eine Goebbels-Edition weltweit zu vermarkten.
1973: Der Schweizer NS-Bewunderer François Genoud beansprucht die Verwertungsrechte am Goebbels-Nachlass. Die genaue Rechtslage ist unklar.
1974: Die DDR-Staatssicherheit stellt fest, dass sie bei Untersuchungen der Reste des Führerbunkers 1973 etwa 16.000 Originalblätter der Tagebücher gefunden hat
1977: Der erste und einzige Band der Hoffmann & Campe-Edition erscheint, mit den letzten Tagebuchfragmenten Goebbels' aus dem März und April 1945.
1980: Das Institut für Zeitgeschichte und das Bundesarchiv übernehmen gemeinsam die Bestände, die Hoffmann & Campe 1972 gekauft hatte.
1983: In London erscheinen Teile der Goebbels-Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1941. Grundlage sind offenbar entwendete Transkripte der Hoffmann & Campe-Kopien.
1986: Kurz vor Erscheinen der vierbändigen Ausgabe der Goebbels-Tagebücher 1923 bis 1941 dürfen westdeutsche Historiker erstmals in Ost-Berlin die Bestände in der DDR prüfen.
1987: "Sämtliche Fragmente" der handschriftlichen Tagebücher von Joseph Goebbels erscheinen in München. Die Ausgabe hat editorische Mängel.
1989: Anfang November kündigt die Freie Universität Berlin an, gestützt auf Bestände in der DDR eine neue, editorisch perfekte Ausgabe vorzubereiten. Davon erscheint kein einziger Band.
1992: Das Magazin "Der Spiegel" druckt Auszüge aus bislang unbekannten Teilen der Goebbels-Tagebücher. Die Vorlagen stammen aus Kopien in Moskau
1992: Der Journalist Ralf Georg Reuth gibt eine Auswahl aus den Goebbels-Tagebücher in fünf Taschenbüchern heraus. Die Ausgabe verkauft sich bis heute in Zehntausenden Exemplaren.
1993: Das Institut für Zeitgeschichte beginnt mit der Edition der diktierten Tagebücher von 1941 bis 1945. Die Ausgabe wird in 15 Bänden bis 1997 abgeschlossen.
1994: In einem italienischen Verlag erscheinen Fragmente des Goebbels-Tagebuchs von 1938.
1997: Die Neuausgabe der handschriftlichen Goebbels-Tagebücher beginnt. Bis 2006 erscheinen neun Bände in 14 Teilbänden, gestützt auf die Glasplatten in Moskau.
2008: Mit dem Sachregister und der Einleitung zur Gesamtedition wird das Projekt des Instituts für Zeitgeschichte nach fast 30 Jahren abgeschlossen.
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Aus den Goebbels-Tagebüchern
  • Über die Wahl zum Reichstag

    "7. November 1932. Gestern: 'Horst Wessel' zu Ende gelesen. Ergreifend und erschütternd. Abends kommen die Gäste. Das ganze Haus voll. Frau von D. und Erika, Auwi, v. Arnim und Frau Riefenstahl, Helldorf und Schäfer.

    Resultate schlecht. Ekelhaftes Hinwürgen. Ergebnis: Wir haben 35 Mandate verloren, DNVP zehn gewonnen, Zentrum sieben verloren, KPD stark gewachsen, Wahlbeteiligung gesunken, SPD verloren.

    Wir haben eine schwere Schlappe erlitten. Das macht: 13. August [Gespräch von Hitler mit Reichspräsident Paul von Hindenburg, der den NSDAP-Chef brüsk zurückweist] und Verhandlungen mit dem Zentrum. Das erste war nötig, das zweite überflüssig. Ich spreche mit Hitler, er ist meiner meinung. Nun stehen wir vor schwerenm Kämpfen. Die Partei muss gehalten werden, die Stimmung gehoben, die Organisation gefestigt. Gut, dann kommt man aus der Übung nicht heraus.

    [Reichskanzler Franz von] Papen hat ganze zehn Prozent des Volkes. Er muss weg! Und der Alte [Hindenburg]? Dieses Kalkdenkmal steht uns nur noch im Wege.

    Ich schreibe noch einen Aufsatz „Kanzler ohne Volk“. Sehr scharf gegen papen. Der geht schon morgen heraus.

    Wir sind alle sehr hochgemut. Schlappheit kommt nicht in Frage. Wir haben andere krisen überwunden. Und sind siegreich hindurchgegangen."

  • Über die Brandstiftung im

    "1. März 1933. Gestern: Gau Samstag vorbereitet. Wildes Plakat gegen KPD und SPD. Deren ganze Presse radikal verboten.

    [Goebbels Stellvertreter als Berliner Gauleiter] Dr. Meinshausen wird nächster Tage zu [dem preußischen Kulturminister Bernhard] Rust gehen. [Arthur] Görlitzer sein Nachfolger.

    Kaiserhof: mit Hitler gegessen. Kabinett hat sehr strenge Verordnung gegen KPD beschlossen. Mit Todesstrafe. So ist’s recht. Das verlangt das Volk. Verhaftungen über Vrehaftungen.

    Zum Reichstag: Plenum ein einziges Bild von Verwüstung. Das kommt der KPD teuer zu stehen. Im Volke eine steigende Entrüstung gegen sie.

    Zu Hause Arbeit. Aber das Schlimmste ist nun bald vorbei.

    Abends zu Ribbentrops. Ein netter Abend. Hitler und Frick auch da Ribbentrop erzählt mir von Papen. Der ist doch anders, als ich dachte. Jedenfalls ein anständiger Kerl."

  • Über den Beginn der Reichspogr

    "10. November 1938. Gestern: der Traditionelle Marsch vom Bürgerbräu zur Feldherrenhalle und dann zum Königlichen Platz. Es ist ein grauer Novembertag. Unüberschaubare Menschenmassen umsäumen die Straßen. (...) [Berlins Polizeipräsident Wolf Heinrich Graf von] Helldorf lässt in Berlin die Juden gänzlich entwaffnen. Die werden sich ja auch noch auf einiges andere gefasst machen können. (...) In Kassel und Dessau große Demonstrationen gegen die Juden, Synagogen in Brand gesteckt und Geschäfte demoliert. Nachmittags wird der Tod des deutschen Diplomat vom rath gemeldet. Nun ist es aber gar.

    Ich gehe zum Parteiempfang im alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen den Volkszorn einmal zu spüren bekommen. Das ist richtig. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprcehende vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telefone. Nun wird das Volk handeln.

    Einige Laumänner machen schlapp. Aber ich reiße immer wieder alles hoch. Diesen feigen Mord dürfen wir nicht unbeantwortet lassen. Mal den Dingen ihren Lauf lassen. Der Stoßtrupp Hitler geht gleich los, um in München aufzuräumen. Das geschieht denn auch gleich. Eine Synagoge wird in Klump geschlagen. Ich versuche sie vor dem Brand zu retten. Aber das misslingt."

  • Über das Attentat auf Hitler

    "23. Juli 1944. Gestern: In der Auslandspresse und –propaganda wird fast ausschließlich von dem Attentat gegen den Führer und von dem Putsch in Deutschland gesprochen. In London knüpft man daran die tollsten Kombinationen und größten Hoffnungen. Man tut so, als sei der Krieg morgen zu Ende. Was wird es auf der Gegenseite für ein grausames Erwachen geben, wenn die Wahrheit herauskommt und sich dabei herausstellt, dass die Generalskrise eher zu einer Stärkung als zu einer Schwächung der deutschen Widerstandskraft führen wird! Man spricht in London ganz offen von einer Revolte in Deutschland, die jetzt zum Zusammenbruch führen werde. Man erklärt, dass die Frontlage daran schuld sei, dass die Generäle revoltiert hätten. In den USA ist der größte Optimismus an der Tagesordnung. Die Engländer hingegen verweisen mit Stolz darauf, dass Graf Stauffenberg, der verbrceherische Attentäter, eine Engländerin zur Frau habe, was tatsächlich stimmt [in Wirklichkeit stammt Nina Gräfin Stauffenberg aus Franken]. Man sieht also hier, wo die eigentlichen gesitigen Urheber des Attentats zu suchen sind. (...) Die Folgen des Attentats werden sicherlich sehr weitgehend sein. Zuerst wird eine Reinigung stattfinden. Der Führer ist entschlossen, den ganzen Generalsclan, der sich gegen ihn gestellt hat, mit Stumpf und Stiel auszurotten, um damit die Wand niederzubrechen, die von dieser Generalsclique künstlich zwischen dem Heer einerseits und Partei und Volk andererseits aufgerichtet worden ist. Zweifellos ist dieser Ausrottungsprozess mit einer momentanen Krise verbunden. Ähnlich den Krisen, die immer mit den Putschen innberhalb der Partei oder des Staates verbunden gewesen sind."

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