31.03.08

Literatur

Wow, Martin Luther King wird jetzt Comic-Held

"Ich habe einen Traum": Martin Luther Kings Kampf gegen Rassentrennung gibt es jetzt in Sprechblasen. Der Kanadier Ho Che Anderson hat das Leben des Bürgerechtlers großartig als Comic gezeichnet. Doch King taugte immer schon zum Superhelden – und ist heute Vorbild für Barack Obama.

Foto: 2008 Ho Che Anderson / Carlsen
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Es war 18.01 Uhr am 4. April 1968, als Martin Luther King auf dem Balkon seines Zimmers im "Lorraine Motel" in Memphis stand und von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Gerade hatte er zu einem Protestmarsch aufbrechen wollen und einen Musiker gebeten, am Abend "Precious Lord, Take My Hand" für ihn besonders "schön zu singen". Es waren seine letzten Worte. Vier Tage später sang Gospelikone Mahalia Jackson sein Lieblingslied auf der Beerdigung.

Martin Luther King ist 40 Jahre nach seiner Ermordung auf wundersame Weise präsent. Verantwortlich dafür ist Barack Obama. Wie seinerzeit King beschwört der Präsidentschaftsbewerber eine Einheit Amerikas über die Hautfarben hinweg und beklagt die einstige Rassentrennung als ungelöste "Erbsünde der Nation". Obamas Rede vom 18. März wurde im Internet millionenfach abgerufen, für seine Anhänger hat Obama das Erbe Kings und Abraham Lincolns angetreten. Beide haben die Rechte der Schwarzen entscheidend vorangebracht. Doch beide sind ermordet worden.

Die Furcht, dass es auch Obama erwischt

Das Trauma des King-Attentates wirkt bis heute nach. Noch nie hat ein Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur so früh Personenschutz erhalten, noch nie wurde das Attentatsrisiko, von Nobelpreisträgerin Doris Lessing ("Ein schwarzer Mann in der Position des Präsidenten würde sich nicht lange halten. Sie würden ihn ermorden.") bis zur "New York Times", so penetrant öffentlich diskutiert wie bei Obama.

Der steht seit über einem Jahr unter dem Schutz des Secret Service, nicht nur weil es besondere Gefährdungen, sondern auch weil es die Geschichte Kings gibt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der den Menschen den Glauben an die Veränderung gegeben hat, eine Hoffnung, die mit einem Schuss zerstört wurde. Obama ist spätestens seit seiner Rede angetreten, dieses Trauma zu lösen und den Traum des Martin Luther King wieder zu beleben. Von dem erzählt Ho Che Andersons geniale grafische Novelle "Martin Luther King".


Die Biografie führt in eine brutale, dunkle Zeit der USA zurück, in der Menschen- und Bürgerrechte missachtet wurden, Kirchen brannten, Recht und Gesetz für Schwarze noch nicht einmal auf dem Papier garantiert wurden. Anderson verschneidet die Stimmen von Rassisten mit denen schweigender Mitläufer.

Auf King wurden drei Attentate verübt

Er lässt die Schwarzen über den Sinn der von King postulierten Gewaltfreiheit diskutieren, wenn weiße Polizisten – bei den Protesten – schwangere Frauen töten. Vor allem aber geht es um die Figur des Martin Luther King, der als Mensch mit allen Fehlern, Verzweiflungen und Eitelkeiten nachgezeichnet wird.

Martin Luther King, 1929 in Atlanta geboren, studiert Theologie, wird Pastor, heiratet 1953, wird Vater von vier Kindern. Seine Karriere als Bürgerrechtler startet der Prediger 1955, als sich Rosa Parks weigert, in einem Bus ihren Platz für einen Weißen aufzugeben, und verhaftet wird. Der Busboykott der Bürgerbewegung wird von King geleitet und führt 1956 zu einer Aufhebung der Rassentrennung in Bussen. Es ist der Anfang eines langen Kampfes für die Rechte der Schwarzen, in dem King über 20-mal verhaftet, sein Haus in die Luft gejagt wird, drei Attentate auf ihn verübt werden.

Als Präsident der Southern Christian Leadership hat King von 1957 bis zu seinem Tod unermüdlich Protestmärsche organisiert und hat 2500-mal seine Stimme öffentlich gegen den Rassismus erhoben, wie ihm das Nobelpreiskomitee attestiert.

Hillary Clintons Platscher in den rassistischen Fettnapf

Zu den Höhepunkten seiner Karriere gehörte der gewaltfreie Marsch nach Washington mit 250.000 Menschen 1963, wo er seine "Ich habe einen Traum"-Rede hielt. 1964 folgte der Friedensnobelpreis. Dennoch wurde King zum Ziel der Ermittlungen von FBI-Chef J. Edgar Hoover, der Kings Frauengeschichten, angebliche Kontakte zu Kommunisten und gewalttätigen Gruppen ausspionieren ließ.

Anderson zeichnet seine "Interpretation" der Gespräche Kings mit dem Präsidenten John F. Kennedy und seinem Vize Lyndon B. Johnson nach, der am 19. Juni 1964 schließlich das Bürgerrechtsgesetz verkündet, mit dem die Rassentrennung in den USA aufgehoben werden sollte. Johnsons Motivation wird nicht schmeichelhaft dargestellt: Das Gesetz habe er nur als Tribut an den ermordeten Kennedy und im Glauben unterzeichnet, die Proteste damit beenden zu können. Von einer echten Hingabe der Demokratischen Partei für die Sache der Schwarzen ist nichts zu hören.

Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Die Obama-Rede hat jetzt einen ungewohnt selbstkritischen Diskurs in der Partei über ihren Umgang mit der Rassenfrage und über die geringe Zahl farbiger Parteiführer ausgelöst. Obama-Rivalin Hillary Clinton hatte da vorher schon den dicksten Fettnapf für sich reserviert. Um Obamas Popularität durch die Stilisierung als King-Erbe zu kontern, sagte sie, für die Realisierung des King-Traums von Gleichheit und Brüderlichkeit hätte es schließlich eines Präsidenten, Johnsons, bei der Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze bedurft. Es war also ein weißer Mann notwendig, um schwarze Interessen durchzusetzen.

Ho Che – die Autorenvornamen sprechen Bände

King setzte den Kampf fort, ist in den eigenen Reihen zunehmend wegen seines Credos der Gewaltfreiheit umstritten. Die Frustration seiner Anhänger steigt im gleichen Maß wie seine Eitelkeit. King erklärt einen Tag vor seiner Ermordung, er habe "das Gelobte Land" und "Gottes Herrlichkeit" gesehen. Anderson beschließt seine Biografie mit dem Attentat, für das James Earl Ray, ein Rassist, verurteilt wurde, dessen Täterschaft bis heute immer wieder angezweifelt wird.

Das Werk hat Anderson über eine Dekade verfolgt. Als das Projekt 1990 an ihn herangetragen wurde, war der Kanadier gerade mal 19 Jahre alt. Angeheuert wurde Anderson eigentlich für die profitablere Sparte des Verlages Fantagraphics, die "Eros Comix", in der er auch als Zeichner debütierte.

Vom Schmuddelcomic zur ernsthaften Biografie in einem Karrieresprung, das ist wohl nur in diesem Medium möglich, das sich erst langsam über die Klassifizierung der grafischen Novelle als breit anerkannte Kunstform etabliert. Verleger Gary Groth hatte die Idee der King-Biografie und gab Anderson seine Chance: Der war talentiert, der einzige farbige Zeichner im Verlag und hatte mit Ho Che einen Vornamen, dessen Träger man zwangsläufig ein politisches Bewusstsein unterstellt, wie Groth erzählt.

Für Anderson war das Zeichnen eine Selbstfindung

Anderson sah 35 Stunden dokumentarisches Filmmaterial, las sich in das Thema ein und lernte dabei eine Menge über sich selbst. In seinem Vorwort bezeichnet er sich selbst als "Assimilierungsjunkie", einen Mann, der in London geboren, in Kanada aufgewachsen, "unter allen Umständen" ein Teil der weißen Gesellschaft werden wollte. "Martin Luther King war nie einer meiner Helden", sagt er, doch die Arbeit an der Biografie wurde auch zu einem Akt der Selbstverortung. Der erste Teil erschien in den USA bereits 1993, für die Fortsetzung ließ sich Anderson sieben Jahre Zeit. Mit der Veröffentlichung in diesem Frühjahr hat der deutsche Verlag ein gutes Timing gezeigt.

Damit es keine falschen Erwartungen gibt: Diese grafische Biografie ist keine Schmalspur-Comicversion für Nichtleser. "King" hat zwar weniger Text als ein durchgeschriebenes Buch, ist dafür aber mit sehr viel mehr Konzentration zu lesen. Beeindruckend, wenn aber eben auch nicht ganz einfach, ist das Buch in seiner Kombination aus hart kontrastierten Schwarz-Weiß-Bildern, Verweisen auf den Film noir, farbigen Schraffuren und seinen üppig betexteten Sprechblasen als atmosphärisch dichtes Gesamtkunstwerk zu erleben.


Überzeugend ist es, gerade weil Anderson King nicht als Halbgott unter den Sterblichen nachzeichnet, sondern den Menschen mit allen seinen Schwächen.

Ho Che Anderson: Martin Luther King. Carlsen, Hamburg. 250 S., 29,90 Euro.

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