10.09.10

Ground Zero

Wie der 11. September aus dem Alltag verschwindet

Wo früher das World Trade Center stand werden heute kitschige Tassen und heiße Würstchen verkauft. Schlimm findet das niemand.

Von Mara Delius

Wo einst die "Twin Towers" standen, stehen jetzt Kaffeetassen. Sie sind schwarz, in weißer Schrift bildet der Satz "In Darkness We Shine Brightest" die beiden Türme nach. Im Dunkeln strahlen wir am hellsten – solche Souvenirs des Unfassbaren landen längst neben Oktoberfesthumpen in Küchenschranken, in Wyoming, Paris oder London, der Erlös kommt dem Bau der Gedenkstätte und des Museums am Ground Zero zugute. Es sind klobige Tassen, die an einen Ort erinnern, den man besucht hat, einerseits. Andererseits erzählen sie eine Geschichte über ein nationales Trauma, deren Moral überrascht: Der 11. September verschwindet aus Amerika.

Allein dieser Gedanke erscheint zunächst absurd, wenn man am "Ground Zero" in New York steht, einer Baustelle auf fünfundsechzigtausend Quadratmetern zwischen den dichten Straßen von Lower Manhattan, Anfang September, unter einem Himmel, der so strahlend blau ist wie der vor neun Jahren, als die Flugzeuge in die Hochhäuser rasten und plötzlich nichts mehr war wie bisher. Es war ein Tag, an den sich jeder, den man heute fragt, erinnert ohne lange nachdenken zu müssen, und den jeder als schrecklichen Einschnitt beschreibt. Wie könnte solch ein Datum keine Rolle mehr spielen?

Eine Baustelle dient dem Zusammenkommen

Um das Verschwinden zu begreifen, muss man tiefer in den Abgrund blicken, der sich hier auftut. Einfach ist es nicht, denn das Gelände ist durch einen Zaun abgegrenzt von seiner Umgebung. Er ist bis auf wenige Stellen undurchsichtig, vage erkennt man, dass es dahinter aussieht wie auf jeder großen Baustelle: Männer in Helmen, Bagger, Stahlträger, es wird gehämmert und gebohrt. An der Spitze eines Krans weht die amerikanische Flagge im schwachen Wind. Plakate am Zaun bewerben den Gebäudekomplex, der hier entsteht.

Im nächsten Jahr, pünktlich zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge, soll das "National September 11 Memorial and Museum" eröffnen, das an die dreitausend Opfer erinnert: zwei riesige Wasserbassins in den Sockelabdrücken der zerstörten Türme, Namenstafeln, Bäume, Stahl, natürliches Licht draußen, drinnen Schautafeln, Artefakte, Porträtfotos, persönliche Geschichten. Das Gelände der "World Trade Center Site" diene, heißt es unter der Überschrift "Come Together Again", als Tribut an die unschuldig Getöteten und die Haltung von Mut und Mitgefühl, die man im Angesicht des größten Grauens geteilt habe.

Im Moment allerdings ist nichts zu spüren von der getragenen Stimmung des Gedenkens. Vor dem Zaun tost New York, Geschäftsleute eilen auf dem Weg zur knappen Mittagspause an Touristen vorbei, die durch die Spätsommerhitze und blitzende Hochhausschluchten schleichen. Ein Paar sitzt auf einer der wuchtigen Betonabsperrungen, die Frau isst einen Hotdog, der Mann plaudert mit einem Polizisten. An einem Stand werden T-Shirts verkauft, auf denen "I Love New York" steht, am nächsten Brezeln und Cola. Ein Asiat fotografiert einen anderen, gelbe Taxis schwirren die Straßen entlang. Es ist ein normaler Tag in der Stadt, in der fast jede Bewegung ihrem eigenen Klischee entspricht.

Einschwören auf zukunftsgerichteten Optimismus

Einige Meter vom Zaun entfernt gibt es eine "Preview" der geplanten Gedenkstätte. Es ist ein schmaler, heller Raum, der aussieht, als hätte man Museumsstücke in einen Souvenirladen gestellt. Auf der einen Seite erzählen großflächige Bilder den Ablauf der Anschläge nach, in einem Glaskasten liegt der Helm eines überlebenden Feuerwehrmanns, man kann Augenzeugenstimmen vom Band hören und selbst aufnehmen, wie und wo man den Tag erlebt hat, der, wie es auf einer Stellwand heißt, nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt verändert hat. Auf der anderen Seite werden Kapuzenpullover, Aufkleber und Stifte mit dem Aufdruck des "Fire Department" und "Police Department" von New York verkauft, im Regal daneben stehen Bücher mit den Erfahrungsberichten Überlebender und Anleitungen, wie man die App für die "Ground Zero Walking Tour" auf sein iPhone lädt.

Auch wenn in den Augen derer, die sich hier umsehen – Touristen, aber auch New Yorker – entsetzte Ergriffenheit liegt, hat man das Gefühl, das meiste schon gehört und gesehen zu haben: die Geschichten vom Verlobten, der einen Tag vor der Hochzeit unter Schutt begraben wurde, vom tollkühnen Feuerwehrmann, vom tapferen Schulkind. Die tatsächlichen Schicksale sind zu Legenden geworden, Stellvertreterfiguren, die für ein Gedenken stehen, dessen Botschaft ist, dass "menschliche Größe über Verkommenheit triumphiert".

Genau dieses Beschwören eines zukunftsgerichteten Optimismus im Angesicht vergangenen Schreckens bestimmt unseren Willen, einer traumatischen Erfahrung kollektiv zu gedenken. So behauptet es zumindest der jüngste Zweig der Memorialforschung, der sich mit "Trauma Tourism" beschäftigt und der Frage nachgeht, warum es ein gesteigertes Interesse gibt, Orte zu besuchen, an denen sich Traumatisches ereignet hat – und sich dem Nachempfinden der damit verbundenen Emotionen auszusetzen.

Obama spricht kaum noch von 9/11

Das Bedürfnis nach dem Berührtwerden erklärt vielleicht die Tendenz vieler Gedenkstätten und Museen, das Gesehene interaktiv, multimedial und persönlich erfahrbar zu machen, gerade dann, wenn eine Übergangszeit anbricht. Der Moment, in dem aus individueller Erinnerung das kollektiv Erinnerte wird, etwas, das allgemein verständlich und jedem zugänglich ist.

Noch vor zwei Jahren hatte Amerika einen Präsidenten, der vom Tag der Anschläge als nationalem Emblem sprach: Für George W. Bush war er das gemeinsam durchlebte Trauma, dessen Erinnerung die Zukunft bestimmen sollte. Barack Obama spricht kaum noch von jenem Tag, und wenn, dann jedenfalls nicht so, als bestimme er jede Faser des gegenwärtigen Lebens. Diejenigen, die gerade erwachsen werden, also achtzehn oder einundzwanzig sind, erinnern sich kaum an eine Skyline mit den "Twin Towers", für sie ist das Vergangene längst Geschichte.

Das ist der normale Lauf der Dinge, die natürliche Konsequenz der fortschreitenden Zeit, die aus der Abfolge von Erlebnis und Erinnerung besteht – und die in New York eben immer schon besonders schnell verlief. Natürlich wird der elfte September nie verschwinden aus dem Selbstverständnis der Amerikaner. Im Alltag der meisten spielt er aber inzwischen nur dann noch eine Rolle, wenn sie zurückdenken – oder das 9/11-Lesezeichen aus dem Buch nehmen.

Die Anschläge vom 11. September 2001
Am 11. September 2001 griffen 19 islamistische Terroristen wichtige Symbole amerikanischer Macht an und töteten dabei 2994 Menschen.
Am Morgen des 11. September 2001 kaperten die Terroristen vier US-Boeing-Maschinen mit insgesamt 265 Menschen an Bord.
Um 08.46 Uhr raste das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers und setzte ihn in Brand.
Um 09.03 Uhr krachte die zweite Maschine in den 411 Meter hohen Südturm.
34 Minuten später zerschellte das dritte Flugzeug im Westteil des Pentagon in Washington.
Offenbar nach einem Kampf im Cockpit stürzte kurz darauf bei Pittsburgh (Pennsylvania) die vierte Maschine auf freiem Feld ab.
Unter dem eingestürzten World Trade Center wurden 2751 Unschuldige begraben – darunter 11 Deutsche.
Auch die 10 Entführer starben.
In Washington gab es 189 Tote, darunter die fünf Entführer. In Pennsylvania starben alle 44 Flugzeuginsassen, darunter die vier Entführer.
In der Maschine saß auch ein Passagier aus Deutschland.
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