07.01.08

Politische Eliten

Was Bhutto und Musharraf gemeinsam ist

Zahlreiche Politiker Asiens und Afrikas eint die Prägung durch Eliteschulen in Europa und Amerika. Ihr Hintergrund schafft unsichtbare Fäden, die sie mit Europa und Amerika verbinden, selbst wenn sie anti-westlich agieren. Berliner Morgenpost erklärt, warum Bhutto und Musharraf viel gemeinsam hatten.

Foto: EPA_FILE
Benazir Bhutto Pervez Musharraf
Studierten beide in England: Benazir Bhutto und Pervez Musharraf

Benazir Bhutto, die verlorene Hoffnung Pakistans, war nicht die typische pakistanische Frau, sondern in allem die Ausnahme. Sie hatte ein herrschaftliches Auftreten, ihr Familienclan – Landbesitzer und Stammesführer – war tief im Lande erwurzelt, und sie hatte in England studiert.

Ihr 19-jähriger Sohn, der nun zusammen mit Benazirs Mann, der als Playboy gilt, die Pakistanische Volkspartei führen soll, ist Undergraduate in Oxford und sehnt sich nicht nach Führung und Heldentum. Aber er wird wohl müssen.

Benazir Bhuttos Leben und Sterben wirft ein Licht auf die Eliten des früheren Empire, ob Indien oder das muslimische Anti-Indien westlich davon, das 1947 Pakistan wurde. Zu Zeiten des British Empire war es keine Frage, dass man an der London School of Economics and Political Science (LSE) studierte – mit milder sozialistischer Einfärbung der Fabian School, gesellschaftlich dem "Bloomsbury set" verwandt¿– oder an Oxford Colleges oder in Cambridge.

Englisch war, als das Empire nach 1945 den Weg alles Irdischen ging, die lingua franca vieler neuer Staaten, die sonst keine hatten. Englisch war auch das Rechtssystem geprägt, und wer später zuhause herrschen wollte, tat gut daran, sich in der legendären Juristenschmiede Lincoln's Inn Fields einen Studienplatz zu sichern. Das galt für den Vater des indischen Vaterlandes, Jawaharlal Nehru, es galt für seine Tochter Indira und deren Sohn Rajiv.

Militärische Eliten bildeten sich an britischen Militärakademien

Die militärischen Eliten blickten auf Sandhurst, uniformierten sich wie ihr britisches Vorbild und vertieften ihre britische Weltsicht am Royal College of Defence Studies im eleganten Londoner Stadtviertel Belgravia. So hat beispielsweise der pakistanische Staatschef Pervez Musharraf¿– dessen Familie aus Indien geflüchtet war¿– seine Karriere gefördert, Weltkenntnis gewonnen und Beziehungen aufgebaut in die höchsten Ränge des britischen Militärs.

Nach dem 11. September 2001, als es eng wurde für ihn und Pakistans Nuklearwaffen, diente das der Vermittlung zu den Amerikanern. Bei Paraden und selbst noch beim erzwungenen Abschied von der Uniform zeigte Musharraf die kleine Reitgerte, die er in britischer Tradition trug.

Jordaniens heroischer König Hussein – keine Frage, dass er Sandhurst-geformt war, sein Bruder Hassan Bin Tallal desgleichen, während Sohn Abdallah II. amerikanischer Militär-Absolvent ist. Selbst Syriens Diktator Hafiz El Assad schickte seinen Sohn nach London, nicht um die Macht zu studieren, sondern um Augenheilkunde zu lernen, die in der arabischen Welt von jeher besonderes Ansehen genießt. Als sein älterer Bruder verunglückte, musste er auf Diktator umlernen.

Tunku Abdul Rahman, Malaysias starker Mann, studierte in Cambridge/England. Jomo Kenyatta, der den Aufstand gegen die britische Kolonialmacht in Kenia führte, hatte in Birmingham studiert, am University College London und, nahezu selbstverständlich, an der LSE. Milton Obote, der später von Idi Amin gestürzt wurde, hatte Jura in den USA belegt. Tanganjikas Julius Nyerere war Absolvent der Universität von Edinburgh. Kwame Nkruma hatte zuerst ein Stipendium für die Lincoln University, dann für die Universität von Pennsylvania in den USA.

Unsichtbare Fäden, die Großbritannien an das Commonwealth binden

Eliteuniversitäten und Militärakademien sind bis heute unsichtbare Fäden, die noch immer Großbritannien in Lebensform und Politik mit dem größten Teil des Commonwealth verbinden. London ist noch immer Drehscheibe für Finanzen, Beziehungen, Kultur und Savoir vivre. In Londons Westend kauft man, was der Alltag braucht. In der Savile Row lässt man sich Anzüge anmessen. Nur mit der Aufnahme in Westend Clubs hapert es mitunter.

Ähnliches gilt für Paris. Frankreich hat seine Kolonien aufgeben müssen, aber durch die Bindung an den Franc, die Francophonie, die Science Po (Fondation de Science Politique auf dem linken Seine-Ufer) und den einen und anderen Militäreinsatz vom Tschad bis in den Kongo Einfluss und Eingriffsmacht gehalten. Niemand wurde berühmter als Leopold Senghor, der Dichter und Präsident der Elfenbeinküste, der mehr in Paris zuhause war als in Afrika. Er hatte in Frankreich studiert – wie übrigens auch der Lehrer Ho Tschi Minh, der später Vietminh-Führer wurde im ersten Indochina-Krieg gegen Frankreich.


Die Amerikaner haben nicht nur von Harvard bis Stanford immer fremde Eliten an sich gezogen, durch Stipendien und Leistung, sondern auch jenseits des Meeres Elitehochschulen gegründet. Der britische Diplomat Christopher Meyer, dessen Memoiren "D.C. Confidential" über den Irak-Krieg ein Meisterstück der Indiskretion waren, erinnert sich darin, wie er mit seinem russischen Gegenüber Erfahrungen austauschte und dabei sein Jahr in Bologna erwähnte, am Campus der School for Advanced International Studies (SAIS). Darauf der Russe achtungsvoll: "Ah, that spy place!"

Das Beste, was Amerika zu bieten hatte, lag in Beirut

Wie immer es sich damit verhält, die American University of Beirut war immer ein Stück vom Besten, was Amerika zu bieten hatte, und sie zog Studenten aus der ganzen Welt in die Hauptstadt des Libanon, in den frühen Jahren die Schweiz der arabischen Welt. Ähnlich steht es mit der amerikanischen Universität in Kairo und manchem Campus, von Berlin bis Nanjing, den amerikanische Elitehochschulen betreiben.

Wie bei Briten und Franzosen – und auch Deutschen – ist die militärische Ausbildung an Militärakademien ein wichtiges Mittel, Bindungen aller Art zu schaffen und Denkweisen zu prägen. Im Kalten Krieg haben die Russen versucht, in diesem Ringen um "hearts and minds" mitzuhalten. Sie haben dabei auch ihre Satellitenstaaten eingesetzt.

Daher rühren nicht nur die engen militärischen Verbindungen zur einstmals Roten Armee in vielen Staaten Afrikas und Asiens, sondern auch die sächsische Färbung der Sprache mancher Offiziere. Kenias Oppositionsführer Raila Odinga beispielsweise studierte in Leipzig. Ministerpräsident Muhammad Najibullah, der für die Russen eine Zeit lang Afghanistan regierte und später von den Taliban gehängt wurde, hatte in Moskau einiges gelernt. Viel allerdings ist davon nicht geblieben, wie überhaupt das Sowjet-System wenig positive kulturelle Spuren hinterließ.


Und die Deutschen? Hierzulande hat man nach dem Krieg vor allem die Bildungseinrichtungen genutzt, um Freunde zu gewinnen, anfänglich mit viel Erfolg. Als dann Ruf und Rang der deutschen Hochschulen sanken, half die Regierung mit dem Kürzen der Stipendien noch nach. Ein berühmtes Beispiel war der Präsident von Indonesien, Jussuf Habibi, Student und Professor an der TH Aachen und Direktor bei MBB, bevor er in die heimische Politik einstieg.


Nach dem Zerfall des Sowjetimperiums gab es auf ein paar Jahre keine Regierung im östlichen Europa, der nicht ein früherer Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung angehörte. Seitdem aber mischen sich Geiz und Bescheidenheit mit Unkenntnis der Tatsache, dass es mit den Investitionen in Bildung geht wie mit dem biblischen Saatgut: Einiges fällt unter die Disteln, anderes trägt dreißigfache Frucht.

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