Abschiedsfest
Altkanzler Kohl begleitet Koch aus dem Amt
Der CDU-Politiker Roland Koch hat sich offiziell aus der Politik verabschiedet. Unter den Gästen waren auch Altkanzler Kohl und Kanzlerin Merkel.
Seine Gattin Anke trug Schwarz, Roland Koch ebenso. Doch Trauerstimmung herrschte an diesem Abend keineswegs im hochherrschaftlichen Wiesbadener Schloss Biebrich, allenfalls ein bisschen Wehmut hier und da. Die meiste Zeit aber strahlte Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch bei seinem Abschiedsfest derart, dass man fast um seine Gesichtsmuskulatur bangen konnte. Und das, obwohl der Christdemokrat seit einigen Tagen gesundheitlich schwer angeschlagen ist: Er habe große Rückenschmerzen und vorsichtshalber starke Schmerzmittel genommen, um das stundenlange Stehen bei der Feier zu überstehen, hatte Koch vor dem Festakt verraten.
Die Freude am dem pompösen Abschied samt Fackelzug und militärischer Serenade wollte sich der 52-Jährige, der nach elfeinhalb Jahren im Amt zurücktreten wird, aber nicht nehmen lassen. Mehr als 500 hochrangige Gäste waren in die ehemalige fürstliche Residenz gekommen, um Koch noch einmal die Hand zu drücken. Sogar Altkanzler Helmut Kohl, der seit einem Sturz vor einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, war in Begleitung seiner Ehefrau aus Ludwigshafen angereist. Als Kohl vor der prächtigen Schlosskulisse auftauchte, gab es spontanen Applaus von Schaulustigen am Zaun, die Gäste erhoben sich von ihren Klappstühlen.
Darunter waren auch der bayerische Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), Commerzbank-Chef Martin Blessing, der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und der tibetische Exil-Premierminister Lobsang Tenzin. Dass sich Roland Koch schon vor Jahren mit dem geistlichen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, anfreundete, ist mittlerweile weithin bekannt. Eine Überraschung dagegen war die jüngst erst bekannt gewordene Vertrautheit Kochs mit dem Schlagersänger Udo Jürgens, der schließlich einst für die SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt und Helmut Schmidt Wahlkampf gemacht hatte.
Die Vorliebe Kochs für deutsche Schlagermusik bestimmte nun aber sogar den Abschiedsabend: Für die Bundeswehr-Serenade im Schlosspark, dem "hessischen Versailles", wünschte sich Koch ein Medley aus Udo-Jürgens-Stücken. Und die Darbietung vom Musikkorps aus Kassel geriet denn auch fast programmatisch, als es im Stück "Ich war noch niemals in New York" hieß: "Ich war noch niemals richtig frei: Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn". Der Musiker selbst nannte es eine "Adelung", dass ein Ministerpräsident bei seinem Abschied seine Lieder spiele.
Kanzlerin Merkel nennt Koch einen Ausnahme-Politiker
Vorher hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die eigens aus Berlin angereist war, Koch für elfeinhalb Jahre Einsatz an der Landesspitze gedankt. Die CDU-Chefin lobte Kochs "sagenumwobene Intelligenz und Brillanz" und nannte ihn einen Ausnahme-Politiker, der sachorientiert, verlässlich und verschwiegen war – allesamt Eigenschaften, wie Merkel süffisant anmerkte, die zunehmend seltener würden. "Ich hoffe, auch in Zukunft einen politischen Rat zu bekommen", sagte die Kanzlerin und dankte auch dafür, dass Koch sich als Ministerpräsident nicht nur auf Hessen konzentriert habe.
Er habe sich für alle bundespolitischen Dinge engagiert, "weit über notwendige und vielleicht auch erwartete Maß hinaus. Ich weiß, wovon ich spreche", fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Streit als Lebensform sei ihm sympathisch, doch dabei sei er immer produktiv, betonte Merkel. Mit "Intelligenz und Brillanz" analysiere er Probleme, suche dabei auch immer nach Lösungen. Wer ihm widersprechen wolle, sollte dies gleich bei der Anfangsthese tun, danach werde es schwierig. "Doch das habe ich auch irgendwann gelernt", sagte Merkel unter Applaus. "Ich habe seine Art, wie man mit ihm debattieren, argumentieren konnte, die intellektuelle Stringenz, immer sehr geschätzt. Das wird mir schon ein bisschen fehlen."
Koch bedankt sich bei seiner Familie
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) betonte, dass Koch ganz Deutschland fehlen werde. Es gebe kaum einen Politiker, der so eine "intellektuelle Brillanz" und politische Tatkraft habe. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte, dass Deutschland mit Koch eine "sehr, sehr analytische Persönlichkeit" verliere. Und auch der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann betonte: "Roland Koch wird uns fehlen." Er hoffe, dass sich Koch auch künftig zu gesellschaftlichen Grundfragen zu Wort meldet.
Bei seiner Rede betonte Koch, dass dieser Abschied eine "große Ehre" für ihn sei. Ausdrücklich bedankte er sich bei seiner Familie. Amt und Mensch, das seien zwei unterschiedliche Sachen. "Ich bin mehr und ich will mehr sein", sagte Koch. Schließlich dankte er noch seiner Familie und vor allem Frau Anke: Sie sei "der kritische Geist" in seiner Umgebung gewesen, "mehr als alle anderen, die es vielleicht glaubten zu sein". Zu Kochs Abschiedsempfang hatte übrigens sogar das Wetter gute Miene gemacht: Nach tagelangem Regen klarte just zur Serenade, die von 45 Fackelträgern beleuchtet wurde, der Himmel auf, die Regencapes blieben unbenutzt. Bescheiden ging es dagegen am Büffet zu: Es gab Würstchen und Frikadellen mit Kartoffelsalat.
















