30.08.10

Abschiedsfest

Altkanzler Kohl begleitet Koch aus dem Amt

Der CDU-Politiker Roland Koch hat sich offiziell aus der Politik verabschiedet. Unter den Gästen waren auch Altkanzler Kohl und Kanzlerin Merkel.

Quelle: Reuters
31.08.10 2:00 min.
In Wiesbaden ist der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) aus seinem Amt verabschiedet worden.

Seine Gattin Anke trug Schwarz, Roland Koch ebenso. Doch Trauerstimmung herrschte an diesem Abend keineswegs im hochherrschaftlichen Wiesbadener Schloss Biebrich, allenfalls ein bisschen Wehmut hier und da. Die meiste Zeit aber strahlte Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch bei seinem Abschiedsfest derart, dass man fast um seine Gesichtsmuskulatur bangen konnte. Und das, obwohl der Christdemokrat seit einigen Tagen gesundheitlich schwer angeschlagen ist: Er habe große Rückenschmerzen und vorsichtshalber starke Schmerzmittel genommen, um das stundenlange Stehen bei der Feier zu überstehen, hatte Koch vor dem Festakt verraten.

Die Freude am dem pompösen Abschied samt Fackelzug und militärischer Serenade wollte sich der 52-Jährige, der nach elfeinhalb Jahren im Amt zurücktreten wird, aber nicht nehmen lassen. Mehr als 500 hochrangige Gäste waren in die ehemalige fürstliche Residenz gekommen, um Koch noch einmal die Hand zu drücken. Sogar Altkanzler Helmut Kohl, der seit einem Sturz vor einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, war in Begleitung seiner Ehefrau aus Ludwigshafen angereist. Als Kohl vor der prächtigen Schlosskulisse auftauchte, gab es spontanen Applaus von Schaulustigen am Zaun, die Gäste erhoben sich von ihren Klappstühlen.

Darunter waren auch der bayerische Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), Commerzbank-Chef Martin Blessing, der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und der tibetische Exil-Premierminister Lobsang Tenzin. Dass sich Roland Koch schon vor Jahren mit dem geistlichen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, anfreundete, ist mittlerweile weithin bekannt. Eine Überraschung dagegen war die jüngst erst bekannt gewordene Vertrautheit Kochs mit dem Schlagersänger Udo Jürgens, der schließlich einst für die SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt und Helmut Schmidt Wahlkampf gemacht hatte.

Die Vorliebe Kochs für deutsche Schlagermusik bestimmte nun aber sogar den Abschiedsabend: Für die Bundeswehr-Serenade im Schlosspark, dem "hessischen Versailles", wünschte sich Koch ein Medley aus Udo-Jürgens-Stücken. Und die Darbietung vom Musikkorps aus Kassel geriet denn auch fast programmatisch, als es im Stück "Ich war noch niemals in New York" hieß: "Ich war noch niemals richtig frei: Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn". Der Musiker selbst nannte es eine "Adelung", dass ein Ministerpräsident bei seinem Abschied seine Lieder spiele.

Kanzlerin Merkel nennt Koch einen Ausnahme-Politiker

Vorher hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die eigens aus Berlin angereist war, Koch für elfeinhalb Jahre Einsatz an der Landesspitze gedankt. Die CDU-Chefin lobte Kochs "sagenumwobene Intelligenz und Brillanz" und nannte ihn einen Ausnahme-Politiker, der sachorientiert, verlässlich und verschwiegen war – allesamt Eigenschaften, wie Merkel süffisant anmerkte, die zunehmend seltener würden. "Ich hoffe, auch in Zukunft einen politischen Rat zu bekommen", sagte die Kanzlerin und dankte auch dafür, dass Koch sich als Ministerpräsident nicht nur auf Hessen konzentriert habe.

Er habe sich für alle bundespolitischen Dinge engagiert, "weit über notwendige und vielleicht auch erwartete Maß hinaus. Ich weiß, wovon ich spreche", fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Streit als Lebensform sei ihm sympathisch, doch dabei sei er immer produktiv, betonte Merkel. Mit "Intelligenz und Brillanz" analysiere er Probleme, suche dabei auch immer nach Lösungen. Wer ihm widersprechen wolle, sollte dies gleich bei der Anfangsthese tun, danach werde es schwierig. "Doch das habe ich auch irgendwann gelernt", sagte Merkel unter Applaus. "Ich habe seine Art, wie man mit ihm debattieren, argumentieren konnte, die intellektuelle Stringenz, immer sehr geschätzt. Das wird mir schon ein bisschen fehlen."

Koch bedankt sich bei seiner Familie

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) betonte, dass Koch ganz Deutschland fehlen werde. Es gebe kaum einen Politiker, der so eine "intellektuelle Brillanz" und politische Tatkraft habe. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte, dass Deutschland mit Koch eine "sehr, sehr analytische Persönlichkeit" verliere. Und auch der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann betonte: "Roland Koch wird uns fehlen." Er hoffe, dass sich Koch auch künftig zu gesellschaftlichen Grundfragen zu Wort meldet.

Bei seiner Rede betonte Koch, dass dieser Abschied eine "große Ehre" für ihn sei. Ausdrücklich bedankte er sich bei seiner Familie. Amt und Mensch, das seien zwei unterschiedliche Sachen. "Ich bin mehr und ich will mehr sein", sagte Koch. Schließlich dankte er noch seiner Familie und vor allem Frau Anke: Sie sei "der kritische Geist" in seiner Umgebung gewesen, "mehr als alle anderen, die es vielleicht glaubten zu sein". Zu Kochs Abschiedsempfang hatte übrigens sogar das Wetter gute Miene gemacht: Nach tagelangem Regen klarte just zur Serenade, die von 45 Fackelträgern beleuchtet wurde, der Himmel auf, die Regencapes blieben unbenutzt. Bescheiden ging es dagegen am Büffet zu: Es gab Würstchen und Frikadellen mit Kartoffelsalat.

Karriere des hessischen Ministerpräsidenten
Spektakuläre Wahlerfolge und -niederlagen, kontroverse Entscheidungen und provokante Äußerungen prägten die vor elf Jahren begonnene Amtszeit des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Hier ein Überblick über seine Karriere.
7. Februar 1999: Unter ihrem neuen Vorsitzenden Roland Koch gewinnt die hessische CDU überraschend die Landtagswahl.
7. April 1999: Der Landtag wählt Roland Koch mit den Stimmen von CDU und FDP zum Ministerpräsidenten und Nachfolger von Hans Eichel (SPD).
14. Januar 2000: Ex-Bundesinnenminister Manfred Kanther gesteht, dass die Hessen-Union seit den 80er Jahren ein nicht deklariertes Millionen-Konto im Ausland unterhält. Vier Tage zuvor hatte Koch noch finanzielle Unregelmäßigkeiten bestritten.
3. März 2000: Das hessische Wahlprüfungsgericht beschließt, die Landtagswahl wegen der Schwarzgeldaffäre zu überprüfen. Ein Jahr später stellt es das Verfahren wieder ein.
12. Dezember 2002: Mit einem Judenstern-Vergleich löst Koch bundesweit einen Sturm der Entrüstung aus.
2. Februar 2003: Bei der Landtagswahl erringt die CDU die absolute Mehrheit der Mandate. Die FDP geht in die Opposition.
15. Mai 2003: Auf einem USA-Besuch trifft Koch als erster deutscher Politiker nach dem deutsch-amerikanischen Zerwürfnis wegen des Irak- Kriegs mit US-Präsident George W. Bush zusammen.
21. November 2006: Ein Untersuchungsausschuss des Landtags erforscht die Vorwürfe der Freien Wähler gegen Koch und die Hessen-CDU. Koch hatte den Wählergruppen Zuschüsse in Aussicht gestellt, dies aber von einem Verzicht auf eine Wahl-Teilnahme abhängig gemacht.
27. Januar 2008: Bei der Landtagswahl verliert die CDU 12 Prozentpunkte und damit ihre absolute Mehrheit. Mit 36,8 Prozent der Stimmen bleibt sie aber hauchdünn vor der SPD (36,7 Prozent). Deren Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti erklärt sich wegen ihrer Zugewinne zur Siegerin. Die Linke zieht mit 5,1 Prozent erstmals in den Wiesbadener Landtag ein.
4. März 2008: Ypsilanti kündigt Gespräche mit der Linken über die Duldung einer rot-grünen Minderheitsregierung an. Im Wahlkampf hatte sie noch jede Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen. Drei Tage später lässt sie den Plan wegen des Widerstands der Darmstädter SPD-Abgeordneten Dagmar Metzger wieder fallen.
5. April 2008: Der neue Landtag konstituiert sich. Koch bleibt geschäftsführend im Amt.
3. November 2008: Einen Tag vor der geplanten Wahl Ypsilantis zur Ministerpräsidentin versagen ihr vier SPD-Landtagsabgeordnete wegen der geplanten Zusammenarbeit mit der Linkspartei die Gefolgschaft. Später löst sich der Landtag auf und macht den Weg zur Neuwahl frei.
18. Januar 2009: Mit Rekordergebnis ermöglicht die FDP (16,2 Prozent) bei der vorgezogenen Landtagswahl eine schwarz-gelbe Koalition. Die CDU kommt über ihr schwaches Abschneiden vom Vorjahr kaum hinaus.
5. Februar 2009: Der neue Landtag wählt Koch erneut zum Regierungschef. Er erhält aber nicht alle schwarz-gelben Stimmen.
Januar 2010: Ein Hagel von Kritik geht auf Koch nieder, als er eine Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger verlangt.
11. Mai 2010: Angesichts leerer Kassen fordert Koch Einsparungen auch bei der Bildung und der Kleinkindbetreuung. Doch Kanzlerin Angela Merkel erteilt Kochs Sparideen eine Absage.
25. Mai 2010: Koch erklärt seinen Rückzug aus der Politik. Der Schritt sei von langer Hand geplant gewesen, sagt er in Wiesbaden.
Quelle: dpa
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