14.01.10

Erdbebenregion Zentralamerika

Unter Haiti haben sich titanische Kräfte entladen

Wer eine Reise in die Karibik plant und sich überlegt, ob dort wohl Naturkatastrophen drohen könnten, dachte bislang allenfalls an Hurrikane. Größere Erdbeben, so schien es, gibt es dort nicht. Doch der Schein trügt: Geologen wissen, dass sich unter der Erde Zentralamerikas gewaltige Kräfte aufgestaut haben.

Eingerahmt vom Festlandsbogen zwischen dem nordamerikanischen und dem südamerikanischen Kontinent und dem Inselbogen der Großen und der Kleinen Antillen walten titanische Kräfte. Die dortige karibische Kontinentalplatte etwa von der Größe Westeuropas schrammt an der weit größeren nordamerikanischen Platte vorbei.


Geologen sprechen von einer Transform-Störung. Während Nordamerika mit sechs Zentimetern pro Jahr westwärts driftet, bleibt die karibische Platte etwas zurück. Relativ zur großen Nachbarplatte schiebt sie sich zwei Zentimeter pro Jahr ostwärts.


An den Kanten gleiten beide aber nicht gut geschmiert aneinander vorbei, sondern sie verhaken sich – die Bewegung stockt, es baut sich Spannung auf, irgendwann hält das Gestein auf beiden Seiten dem Druck nicht mehr stand. Es kracht in der Tiefe, an der Oberfläche bebt es.


Angetrieben wird das ganze Geschehen vom heißen, zähflüssigen Erdmantel und dem flüssigen äußeren Erdkern. Dort brodelt es noch immer durch jene Hitze, die entstand, als sich vor über vier Milliarden Jahren die planetaren Staubmassen um die Sonne zu Planeten zusammenballten.


Außerdem zerfallen im Erdinneren unter Hitzeentwicklung instabile Atomkerne. Auch das trägt dazu bei, dass die leichten Kontinentalplatten auf dem schwereren, beweglichen Untergrund treiben und durch aufwallende Gesteinsmassen bewegt werden.



Ein so schweres Beben wurde in Haiti zuletzt 1860 registriert, sagt Jochen Zschau vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Ein bis zwei Meter hätten sich die Kontinentalplatten auf einen Schlag gegeneinander verschoben. Die Stärke des Bebens geben die Seismologen mit Magnitude 7 an – das ist "sehr, sehr stark", wie Erdbebenexperte Professor Zschau versichert. "Da würden auch hier Gebäude zusammenbrechen oder zumindest stark beschädigt werden."


Die Magnitudenskala der Erdbeben gibt die freigesetzte Energie nahe dem Epizentrum an. Seismometer messen die Spanne der Bodenschwingungen, die Schwingungsamplitude. Daraus lässt sich die Energie berechnen. Die Magnitudenskala ist aber keine lineare, sondern eine logarithmische. Ein Stärkenpunkt mehr bedeutet deshalb eine zehnfach größere Bewegung und eine 30 Mal höhere Energie.


Das Ruckeln der Platten konzentrierte sich in vergleichsweise geringer Tiefe, zehn bis 20 Kilometer unter der Erdoberfläche. Umso schlimmer für Port-au-Prince. Denn die Weite der Bodenbewegungen (Amplitude), ist das eine, das andere deren Heftigkeit – die Beschleunigungskräfte während der Bewegungen.


Flaches Beben gleich hohe Beschleunigung gleich hohe Zerstörungskraft: Diese Formel zeigt, warum in Port-au-Prince kaum ein Stein auf dem anderen blieb.

Naturkatastrophen und ihre Folgen
Die 10 tödlichsten Naturkatastrophen:

2010: Erdbeben (Haiti) mindestens 250.000 Tote

2004: Erdbeben/Tsunami (Südasien) 220.000 Tote

1991: Zyklon/Sturmflut (Bangladesch) 139.000 Tote

2005: Erdbeben (Pakistan/Indien) 88.000 Tote

2008: Zyklon Nargis (Birma) 84.500 Tote

2003: Hitzewelle (Europa) 70.000 Tote

2008: Erdbeben (China) 70.000 Tote

1990: Erdbeben (Iran) 40.000 Tote

1999: Sturzflut/Erdrutsche (Venezuela) 30.000 Tote

2003: Erdbeben (Iran) 26.200 Tote

1988: Erdbeben (Armenien) 25.000 Tote
Die 10 größten volkswirtschaftlichen Schäden durch Naturkatastrophen:

2005: Hurrikan Katrina (USA) 125 Mrd Dollar

1995: Erdbeben (Kobe, Japan) 100 Mrd Dollar

2008: Erdbeben (Sichuan, China) 85 Mrd Dollar

1994: Erdbeben (Northridge, USA) 44 Mrd Dollar

2008: Hurrikan Ike (USA/Karibik) 38 Mrd Dollar

1998: Überschwemmungen (China) 30,7 Mrd Dollar

2004: Erdbeben (Niigata, Japan) 28 Mrd Dollar

1992: Hurrikan Andrew (USA ) 26,5 Mrd Dollar

1996: Überschwemmungen (China) 24 Mrd Dollar

2004: Hurrikan Ivan (USA/Karibik) 23 Mrd Dollar
Die 10 teuersten Naturkatastrophen für die Versicherungsbranche:

2005: Hurrikan Katrina (USA) 61,6 Mrd Dollar

1992: Hurrikan Andrew (USA ) 17 Mrd Dollar

1994: Erdbeben (Northridge, USA) 15,3 Mrd Dollar

2008: Hurrikan Ike (USA/Karibik) 15,0 Mrd Dollar

2004: Hurrikan Ivan (USA/Karibik) 13,8 Mrd Dollar

2005: Hurrikan Wilma (Mexiko/USA/Karibik) 12,4 Mrd Dollar

2005: Hurrikan Rita (USA) 12,0 Mrd Dollar

2004: Hurrikan Charley (USA/Karibik) 8 Mrd Dollar

1991: Taifun Mireille (Japan) 7 Mrd Dollar

1999: Wintersturm Lothar (Europa) 5,9 Mrd Dollar
Die Daten stammen jeweils aus dem Zeitraum 1980 bis 2008, werden in Originalwerten gemessen und kommen vom weltgrößten Rückversicherer Münchener Rück. Reuters
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