Starke FDP
Ohne Westerwelle geht in der Politik nichts mehr
Dienstag, 24. März 2009 14:21 - Von Joachim Peter und Mariam LauNach Hessen ist die FDP oben auf: Zum einen ist die Regierung mit der CDU zum Greifen nahe. Viel wichtiger aber wiegt, dass die Partei bundesweit neuen Einfluss gewinnt. Bis zur Bundestagswahl muss sich die große Koalition mit ihr arrangieren. Und ein wenig fürchtet die CDU den künftigen Wunschpartner auch.

Wie sich die Bilder gleichen. „Bei uns herrscht allerbeste Stimmung“, sagt Guido Westerwelle auf dem Podium der FDP-Parteizentrale in Berlin. Neben ihm steht der hessische Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn und lächelt in die Kameras.
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr bot sich der FDP schon einmal ein solcher Anlass zur Freude. Allerdings reichte ihr gutes Wahlergebnis seinerzeit nicht zur Bildung einer schwarz-gelben Regierung in Wiesbaden.
Die FDP hat eine lange währende Durststrecke hinter sich. Auf die Oppositionsbänke verbannt, spielten sie seit der Wahlniederlage von 1998 im Bund keine wichtige Rolle mehr. Die FDP besaß einfach keinen Hebel, um politische Entscheidungen der rot-grünen Bundesregierung oder der Koalition von Union und SPD zu beeinflussen.
In den Ländern sind der FDP in den letzten Jahren zwar einige beachtliche Wahlerfolge geglückt. Doch die Stimmenmehrheit der großen Koalition im Bundesrat geriet nie in Gefahr, so dass auch auf diesem Wege keine liberale Politik durchsetzbar war. „Westerwelle siegt sich zu Tode“, spöttelte so mancher in der FDP-Spitze über seinen Parteichef. Doch jetzt, seit der Wahl am Sonntag, ist alles anders: Die Zeit des Durchregierens von Union und SPD ist nach dem Wahlsieg der FDP in Hessen vorbei.
Denn nun besitzen die Liberalen in der Länderkammer kraft ihrer bald fünf Regierungsbeteiligungen eine Sperrminorität. In den schon vorhandenen schwarz-gelben Koalitionsvereinbarungen steht es schwarz auf weiß: Gibt es keinen Konsens unter den Bündnispartnern, muss sich das Land im Bundesrat der Stimme enthalten, was einer Ablehnung gleichkommt. Und schon in wenigen Tagen dürfte die FDP ihre neu gewonnene Machtstellung erstmals ausspielen.
Ihr wichtigstes politisches Angriffsziel ist das Konjunkturpaket. Aufgrund der sich verschärfenden wirtschaftlichen Krise wollen Union und SPD das Gesetzesvorhaben schnellstmöglich beschließen. Westerwelle hat aber angekündigt, man werde zuvor auf Änderungen bestehen. Es kommt also noch einmal Bewegung in die Sache.
Da werden Erinnerungen an die Endphase der Regierung Kohl wach. Seinerzeit legten die SPD-Spitzen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine mit einer systematische Blockadepolitik in der Länderkammer das schwarz-gelbe Regierungshandeln im Bund lahm. Werden die verbleibenden rund acht Monate bis zur Bundestagswahl nun ähnlich mühselig? „Der Bundesrat ist nicht der verlängerte Arm einer Partei – auch wenn das mal anders war“, beeilte sich der hessische FDP-Landeschef Hahn zu beruhigen.
Doch auch, wenn die FDP-Spitze sich staatstragend gibt – beim Konjunkturpaket will sie auf jeden Fall punkten: Schon in dieser Woche trifft sich Westerwelle mit Kanzlerin Angela Merkel, um die Lage auszuloten. Der FDP-Chef, dies wurde am Montag deutlich, wird in diesem Gespräch größere finanzielle Entlastungen für die Bürger verlangen – und zur Gegenfinanzierung die Rücknahme der Abwrackprämie.
Keine Frage: Der oft verspottete Oppositionsführer Westerwelle wird künftig
ein mächtiger Mann im Bund sein. Das wird in den nächsten Wochen zum einen
die SPD zu spüren bekommen, in deren Richtung der FDP-Chef bereits stichelt:
„Wenn die SPD beim Konjunkturpaket blockiert, zieht sie einen seltsamen
Schluss aus der Hessen-Wahl.“ Zum anderen muss sich aber auch die Union
darauf einstellen, dass sich Westerwelle künftig auf ihre Kosten profilieren
will. Der Kampf um die politische Mitte hat unter den bürgerlichen Parteien
längst begonnen: „Die Mittelschicht ist wieder bei der FDP – da gehört sie
auch hin“, sagte Westerwelle mit Blick auf die neuen hessischen Verhältnisse.
CDU ist nervös
Und tatsächlich regt sich in der CDU angesichts des Wahlerfolgs der Liberalen eine gewisse Nervosität. Teilnehmer der Präsidiumssitzung berichten, Parteichefin Merkel habe auf eine verhältnismäßig harmlose Äußerung des Mittelstandsvertreters Josef Schlarmann mit einem „Wutanfall“, einer „regelrechten Explosion“ reagiert. Schlarmann hatte auch in der Vergangenheit schon öfter angemahnt, die CDU dürfe sich nicht zu weit vom marktliberalen Kurs entfernen. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger wiederum forderte, die CDU sollte „alles tun, um die für uns erreichbaren Wähler durch ein klares Programm zu erreichen“. Man müsse darauf achten, dass „der Trend, die FDP zu wählen, um die Union zur Kanzlerpartei zu machen, sich nicht verstärkt.“ Bei der CSU gibt es ähnliche Überlegungen: das Thema Steuersenkungen dürfe man keineswegs den Liberalen überlassen, heißt es.
Was die neue Erpressbarkeit durch den „vierten Koalitionspartner FDP“ betrifft, gab sich die leicht angeschlagen wirkende Kanzlerin jedoch gelassen. Bislang sei die FDP vor allem Opposition im Bundestag. Je stärker sie aber über die Länder auch im Bundesrat vertreten sei, „desto stärker kommt sie in die Verantwortung.“ Sie könne sich nicht vorstellen, so Merkel, „dass die FDP da ihre Möglichkeiten überreizt. Das auszunutzen, würde bei den Wählern nicht gut ankommen“, so Merkels Hoffnung.
Ein Lieblingszeitvertreib auf Pressekonferenzen besteht derzeit darin, die Unionsspitze mit dem Wort „Staatssozialismus“ aus der Fassung zu bringen – so als seien staatliche Beteiligungen an Unternehmen, wie sie in der Finanzkrise diskutiert werden, praktisch schon sowjetische Verhältnisse. Ist die FDP deshalb so stark geworden, weil die Bürger die CDU in diese Richtung, in Richtung „Staatssozialismus“ abdriften sehen, wird Merkel gestern gefragt. Die Kanzlerin atmete kurz durch. Sie habe die Debatte der letzten Tage „etwas übertrieben“ gefunden, sagt sie. Auch der neben ihr stehende hessische Ministerpräsident Roland Koch will davon nichts wissen. In seiner Lesart hat die FDP davon profitiert, dass die anderen Parteien sich völlig auf das „Verhindert-Koch“ kapriziert hätten.
Nein, einen Lagerwahlkampf plane man nicht, sagte die Parteivorsitzende, und lächelte maliziös. Mal werde einem vorgeworfen, man kneife vor Koalitionsaussagen. Wenn man dann eine mache, werde einem vorgehalten, man wolle Lagerwahlkämpfe betreiben. „Wir führen keine Wahlkämpfe in Koalitionsformation“, erklärte Merkel dann und fügt hinzu, die gesellschaftspolitischen Unterschiede zur FDP würden schon noch deutlich werden.
Und so gibt es zum Auftakt zu einem möglichen schwarz-gelben Bündnis im Bund ein Grundgrummeln; beäugen sich Union und FDP als potenzielle Konkurrenz. Obendrein steht die Frage im Raum, ob man derzeit mit den derzeitigen Konjunkturpaketen nicht die Geschäftsgrundlage einer künftigen schwarz-gelben Regierung „verfrühstückt“: Für Steuerentlastungen in großem Stil, so jedenfalls sehen es die Haushaltspolitiker, ist auf absehbare Zeit kein Geld mehr da – also auch nicht nach der Bundestagswahl 2009, wenn Merkel und Westerwelle gemeinsam regieren wollen.
Erschienen am 19.01.2009






Stellenmarkt
Wohnungen
Branchenbuch
Kleinanzeigen
Veranstaltungen
Kinoprogramm










Versicherungen
Gesundheitstests
Hotelsuche
Abo
Stadtplan
epaper
Archivsuche
Zeitung Heute
RSS
Newsticker
Video
TV-Programm
Wetter
Gehaltsrechner
Börse
Kredit und Zinsen
Europa
Krankenkassen
Hilfe
Handelsregister
Leserbrief
Kontakt
Mobilportal
iPhone-/iPad-Apps
Heizölvergleich