11.08.07

Schiessbefehl

"Zögern Sie nicht mit der Schusswaffe!"

Ein Dokument aus Magdeburg belegt erstmals, wie unmenschlich dass SED-Regime seine Soldaten auf den Todesschuss gedrillt hat. Sogar Frauen und Kinder sollten erschossen werden. Der Schießbefehl der Stasi liegt schriftlich vor.

Von Sven Felix Kellerhoff, Dirk Banse
Foto: dpa
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Erstmals ist in Unterlagen der Stasi ein bedingungsloser Schießbefehl gegen DDR-Flüchtlinge aufgetaucht: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben." So heißt es in einem Befehl der DDR-Staatssicherheit vom 1. Oktober 1973, der im Archiv der Magdeburger Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde entdeckt wurde.

Jörg Stoye, der Chef der Außenstelle, nannte es einen "aufsehenerregenden und für die Erforschung sowie Aufarbeitung der Stasi-Geschichte höchst bedeutsamen Fund". Als "Lizenz zum Töten" bezeichnete Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte für Stasi-Opfer in Berlin-Hohenschönhausen, das Dokument. "Erschreckend an dem Befehl ist vor allem, dass auch Frauen und Kinder erschossen werden sollten. Erstmals gibt es nun auch einen schriftlichen Beweis für den Schießbefehl, " sagte er WELT ONLINE.

Bislang gab es bisher keinen Nachweis für einen direkten Schießbefehl an DDR-Grenzsoldaten oder Stasi-Angehörige, schon gar nicht gegen Frauen und Kinder. Mindestens 133 Menschen wurden an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 erschossen, für die innerdeutsche Grenze liegt die Schätzung bei mindestens 700 Toten.

Misstrauen gegen die eigenen Soldaten

Das jetzt aufgefundene Dokument wurde bei der Bearbeitung eines Forschungsantrags zu Grenzdurchbrüchen entdeckt. Darin verpflichtet sich der junge Manfred L. aus Magdeburg, während seines Dienstes als Soldat auf Zeit und gleichzeitig als geheimer hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi, in einer Spezialeinheit die Zuverlässigkeit der Grenztruppen zu überwachen. Da die SED-Führung kein Vertrauen in die Loyalität ihrer Grenzsoldaten hatte, wurde jede einzelne Einheit durch informelle Mitarbeiter sowie durch Offiziere überwacht. Von der Spezialeinheit, die 1968 bis 1985 bestanden hat und deren Mitglieder Grenzeinheiten "infiltrieren" sollten, war bislang jedoch nichts bekannt. Insbesondere sollte sie Fahnenfluchten verhindern, also Fälle, in denen Grenzsoldaten in Uniform und teilweise unter Anwendung von Waffengewalt gegen ihre Kameraden eine Gelegenheit nutzen wollten, in die Freiheit zu kommen. In solchen Fällen sollten die Stasi-Spezialisten ohne jede Rücksicht feuern – auch auf Frauen und Kinder.

Zwar handelt es sich bei dem Dokument laut Stasi-Experte Hubertus Knabe nicht um einen allgemeinen Schießbefehl, sondern um eine Spezialanweisung für Sonderfälle. Dennoch ist der Fund für die Stasi-Forschung deshalb besonders bedeutend, weil Historiker bislang keinen eindeutigen Befehl der DDR-Führung für gezielte Tötungen von Flüchtlingen an der Mauer und der innerdeutschen Grenze gefunden hatten. Die Zuständigen waren vorsichtig genug, diese Anweisung in scheinbar unverdächtigen Formen bekannt zu geben – als "Dienstanweisungen zum Schusswaffengebrauch" oder im DDR-Grenzgesetz von 1982.

Stasi-Experte Knabe forderte die die Staatsanwaltschaft Magdeburg auf, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Anstiftung zum Mord oder Totschlag zu prüfen: "Die 91 000 hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter sind nach dem Ende der DDR praktisch alle unbestraft geblieben. Nur ein einziger musste ins Gefängnis." Der Aktenfund belege, dass bestimmte Stasi-Mitarbeiter den Auftrag hatten, an den Grenzen auf wehrlose Flüchtlinge zu schießen.

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