DDR-Bürgerrechtler Hilsberg
Wie ein politischer Querkopf ausgebootet wird
Stephan Hilsberg hat die Sozialdemokratie im Osten etabliert. Der Politiker zeigte stets Streitlust wenn es um die Stasi, Gregor Gysi oder Manfred Stolpe ging. Schon bald aber muss der Mitgründer und erste Vorsitzende der Sozialdemokraten in der DDR den Bundestag verlassen. Das Parlament verliert einen mutigen Querkopf.
Von Daniel Friedrich Sturm
Hilsberg, der dem Parlament seit der Vereinigung Deutschlands angehört, unterlag kürzlich einem internen Konkurrenten um die Kandidatur in seinem bisherigen brandenburgischen Wahlkreis. Damit verliert der Bundestag nach seiner Wahl im September 2009 abermals einen prominenten Vertreter der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Die SPD muss sodann auf einen mutigen Querkopf mit historischen Verdiensten verzichten. Dafür dürfte der Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Großräschen, Thomas Zenker, in den Bundestag einziehen. Die SPD-Führung in Potsdam ist zufrieden, sie wollte den zuweilen sperrigen Hilsberg längst loswerden.
Doch der Reihe nach: Als sich am 7.Oktober 1989 die Sozialdemokratische Partei (SDP) in der DDR gründete, handelte sich um ein außerordentliches Wagnis. Die DDR sprach von einem "illegalen Akt", während die SDP-Gründer den Machtanspruch der SED mutig und forsch infrage stellten. Sie hatten die SDP ausdrücklich als Partei – und nicht als unverbindliche Gruppe oder Initiative aus der Taufe gehoben. Der damals 33-jährige Hilsberg wurde zu ihrem ersten Vorsitzenden ("Sprecher") gewählt. Die vielen Pfarrer unter den Gründern hatten sich damit bewusst für einen Nicht-Theologen entschieden, um dem Image der Pastorenpartei entgegen zu wirken.
Hilsberg jedoch war mit dem protestantischen Bürgerrechtsmilieu in Ost-Berlin eng verwoben. Sein Vater Paul war Pfarrer und leitete einen philosophisch-theologischen Gesprächskreis, der zur Keimzelle der SDP wurde. Stephan Hilsberg hatte kein Abitur machen dürfen, er arbeitete als Programmierer an der Berliner Charité. Ein – vor 1989 begonnenes – Fernstudium zum Ingenieur beendete er, als er längst Abgeordneter war.
Mit der friedlichen Revolution wurde Hilsberg Berufspolitiker. Im Februar 1990 löste der charismatische (und Stasi-Spitzel) Ibrahim Böhme Hilsberg als Vorsitzenden der Ost-SPD ab. Hilsberg wandte sich gegen die Aufnahme von SED-Mitgliedern in seine Partei, er sah das zarte Pflänzchen Sozialdemokratie durch kadererfahrene Mitläufer gefährdet. Die SPD akzeptierte diesen Kurs; heute sehen viele darin einen Fehler, der den Erfolg der PDS erst möglich gemacht hat.
Als es um politische Karrieren ging, scheiterten die Sozialdemokraten der ersten Stunde recht rasch. Immerhin jedoch gelang SDP-Gründern wie Hilsberg oder Markus Meckel der Einzug in den Bundestag. Doch schon während des ersten gesamtdeutschen SPD-Parteitags stimmten bei der Vorstandswahl nur 20 Delegierte für Hilsberg.
Im Bundestag fristete Hilsberg zunächst ein Dasein als Hinterbänkler. Im Jahre 2000 wurde er Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hinterließ hier jedoch wenig Spuren. Aufsehen erregte Hilsberg, als die Berufung Manfred Stolpes zum neuen Verkehrsminister bekannt wurde. "Jetzt sitzt die Staatssicherheit mit am Kabinettstisch", ätzte Hilsberg über den Kirchenfunktionär, dem er einst Briefe geschrieben hatte – und mit dem seine Familie wenig positive Erinnerungen verband. Hilsberg trat zurück.
Der alerte Stolpe rächte sich auf die ihm eigene Art, indem er klar stellte, er habe mit Hilsberg durchaus arbeiten können. Hilsberg wurde Sprecher der ostdeutschen SPD-Abgeordneten und Fraktionsvize. Eine längere Krankheit setzte ihn über ein Jahr lang außer Gefecht. Stets warnte Hilsberg davor, die SED-Verbrechen zu relativieren, stets attackierte er Gysi und dessen schlechtes Gedächtnis.
Inzwischen genesen, wollte es Hilsberg im nächsten Jahr noch einmal wissen. Über die Nicht-Nominierung ist er "ziemlich sauer", spricht bei alldem aber gelassen. In seinem Wahlkreis, gelegen in Spreewald und Lausitz, hat er stets deutlich gemacht, für die Braunkohle sehe er keine Zukunft sieht. Andere in der SPD stünden für eine "provinzielle Gefühligkeit", sagt er.
Stephan Hilsberg hält nichts davon, Dinge zu bemänteln oder Unmögliches zu versprechen. Er wirbt für einen Austausch der Region mit Ballungszentren. In Pendler-Parkplätzen erkennt er keine Bedrohung der regionalen Identität. Hilsberg aber konnte sich nicht durchsetzen gegen eine Phalanx von Funktionären sowie des Umfeldes von Ministerpräsident Matthias Platzeck. Der war der SPD 1995 beigetreten, Jahre, nachdem sich Stephan historische Verdienste gemacht hatte. Diese bleiben ihm, und als einstiger SDP-Vorsitzender kann Hilsberg für sich beanspruchen, zu den Ahnen von Bebel und Brandt zu zählen.
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