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Super und Co.

Hohe Benzinpreise - Berliner unter Dauerschock

Leon Scherfig 22.02.2012 09:16

Die Fahrt zur Tankstelle um die Ecke wird für die Berliner mehr und mehr zum Ärgernis. Denn so teuer war der Sprit noch nie. Während die einen auf die Gier der großen Konzerne schimpfen, suchen die anderen nach billigeren Alternativen.

Teure Spritpreise im Februar
"Die Preise sind doch einfach nur in die Höhe getrieben, damit die großen Konzerne daran verdienen": Stephan Delavier (35), Beamter aus Marzahn.
Foto: Christian Schroth

Daniela Steglietz (31) lenkt ihren silbernen Fiat Punto an die Zapfsäule mit der Nummer sechs. Sie öffnet die Fahrertür des Kleinwagens und blickt hinter sich, um noch einmal ganz sicher zu gehen, dass sie sich gerade nicht verguckt hat. Sie schaut entnervt auf den Preismast, dort neben der Einfahrt der Shell Tankstelle in der Martin-Luther-Straße in Schöneberg. Dessen Anzeigetafel empfängt die Autofahrer nämlich mit einer Hiobsbotschaft: „Tatsächlich: 1,699 Euro pro Liter Super. Das ist ja Wucher “, echauffiert sich die 31-jährige Bürokraft und lässt die Zapfpistole wieder in der Halterung einrasten.

Autofahrer in Berlin und im ganzen Land sind derzeit im Dauerschock. Benzin und Diesel kosten soviel wie noch nie zuvor. Jede Fahrt zur Tankstelle ist derzeit ein Frusterlebnis – ein sehr teures. Am Mittwoch kostete ein Liter Benzin E10 deutschlandweit im Schnitt knapp 1,64 Euro. Superbenzin E5 mit fünf Prozent Ethanol, das von den meisten Autofahrern bevorzugt wird, war drei Cent teurer. Der ADAC fordert angesichts der steigenden Spritpreise eine Erhöhung der Pendlerpauschale. Doch die Politik winkt ab. Eine Überprüfung ist im Augenblick bei uns nicht angedacht“, sagte eine Sprecherin von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)

Kaum Hoffnung also für Daniela Steglietz und all die anderen Autofahrer. Steglietz fährt jeden Tag von ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg zum Büro, das nur ein paar Straßen von der Tankstelle entfernt liegt. „Ich wollte eigentlich für die nächsten Arbeitstage schon einmal volltanken“, sagt Stieglitz. Aber unter diesen Umständen? „Für 15,90 Euro habe ich getankt. Ich warte lieber auf eine günstigere Gelegenheit.“

Warten auf sinkende Preise. Oder besser gesagt: hoffen. Und während Tag für Tag die Tanks für viel Geld gefüllt werden, schaffen sich wieder all jene Gehör, die mit der Forderung nach Entlastung der Autofahrer in der Öffentlichkeit punkten wollen. Der ADAC genauso wie der Bund der Steuerzahler oder ein Mann wie Mario Ohoven. „Dem Staat fließen jährlich über 40 Milliarden Euro aus der Mineralölsteuer zu“, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW) der Bild-Zeitung. „Der Staat muss entweder die Steuern auf Benzin deutlich senken oder die Kilometerpauschale von heute 30 auf 40 Cent je Kilometer erhöhen. Davon würden Millionen Berufspendler profitieren.“

Benzin noch zu billig?

Die einen schimpfen auf den gierigen Staat, andere nehmen die Mineralölkonzerne ins Visier, wie Grünen-Vizefraktionschefin Bärbel Höhn. „Im Moment schlagen die Mineralölkonzerne den aktuellen Ölpreis drauf, obwohl das Benzin mit einem vor Wochen deutlich billiger eingekauften Öl hergestellt wurde“, sagte sie der „Saarbrücker Zeitung“. Und ihr Parteikollege Anton Hofreiter, Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses für Verkehr, meint: „Benzin ist offenbar immer noch zu billig.“ Sonst, so Hofreiter, hätten die Autokonzerne längst spritsparende Modelle oder Fahrzeuge mit Alternativantrieben entwickelt. Es ist eine Kakofonie der Interessenslagen und immer gleichen Schuldzuweisungen.

Auch Stephan Delavier (35) verzichtet aufs Volltanken. Angesichts der Preise tankt er heute nur für 20 Euro. Vor ein paar Minuten hat der Beamte Feierabend gemacht und füllt an der Westfehling Tankstelle in Moabit auf dem Heimweg nach Marzahn den Tank seines schwarzen VW-Busses. Delavier schaut zerknirscht. „Auch wenn ich Diesel fahre sind die Preise unanständig hoch“, empört er sich. Fast 1,51 Euro muss er heute für den Liter hinblättern. Er schüttelt den Kopf. „Diese Preise müssten doch nicht sein, oder? Die sind doch einfach nur in die Höhe getrieben, damit die großen Konzerne daran verdienen.“

Es sind eine Reihe von Faktoren, die derzeit zusammen kommen. Die wichtigsten: Der Atomstreit zwischen dem Iran und dem Westen sowie der schwache Euro. Für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent wurden am Mittwochnachmittag 121,81 Dollar fällig. Das ist zwar weniger als im Rekordpreisjahr 2008. Doch damals war der Euro im Vergleich zum Dollar wesentlich stärker. Sprich: Derzeit müssen europäische Unternehmen wegen des schwachen Euros mehr für Rohöl zahlen – und diesen Aufschlag holen sie sich vom Kunden an der Tankstelle zurück.

Zum Beispiel auch bei Arnold Krapmann (20). Der Schüler, trotz seiner jungen Jahre schon Mercedes-Fahrer, an einer Zapfstelle der Sprint-Tankstelle in der Lietzenburger Straße in Charlottenburg. Die von den Großkonzernen unabhängige Tankstelle bietet Benzin und Diesel etwas günstiger an. Dementsprechend groß ist der Andrang. Autos hupen, Krapmann muss einem Lieferwagen ausweichen. Die Kunden stehen an der Kasse in langer Schlange. „Normalerweise schluckt das Auto sieben Liter auf 100 Kilometer, wenn ich aufs Gas drücke natürlich noch etwas mehr“, sagt der Schüler und lacht. „Aber im Ernst: Das ist schon ein Hammer, dass die so viel verlangen“.

Krapmann bezahlt für einen Liter Super 1,63 Euro. Ihm bleibt nichts anderes übrig: Er hat einen große Strecke vor sich und tankt für 50 Euro. „33.36 Liter“ steht auf der Tanktafel der Zapfsäule. „Das nervt. Man bekomm deutlich weniger Benzin für mehr Geld“, sagt Krapmann. Sein Bruder Erik (17) erhebt sich vom Beifahrersitz und geht zum Bezahlen hinein. Dort reiht er sich in der Schlange ein – die Schlange der frustrierten Autofahrer.