10.03.12

Miriam Gössner

Neuners beste Freundin rettet die WM-Party

Ausgerechnet Wackelkandidatin Miriam Gössner wächst in der Staffel über sich hinaus und verhilft Deutschland am vorletzten Tag der WM in Ruhpolding zu Gold.

Es war eine Staffelübergabe zur goldrichtigen Zeit. Miriam Gössner, die schon einmal als Magdalena Neuners Nachfolgerin gepriesen wurde, aber zu schwer an diesem Erbe zu tragen schien, rannte bei der WM endlich aus dem Schatten ihrer Freundin und Zimmerpartnerin heraus. Gössner, 21, war Wackelkandidaten in der deutschen Frauenstaffel, bevor die Bayerin mit einer risikoreichen, aber souveränen Schießleistung das Vertrauen der Bundestrainer rechtfertigte.

Gössner übergab unter dem Jubel der 28.000 Zuschauer in Ruhpolding in Führung liegend an Schlussläuferin Andrea Henkel. Die erfahrene Olympiasiegerin hechelte unaufhaltsam Gold entgegen. Als sie auch im letzten Anschlag fehlerfrei blieb, fielen sich die Betreuer des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) und Henkels Kolleginnen siegesgewiss in die Arme. Henkel hatte auf der Zielgeraden sogar noch Zeit, die deutsche Fahne spazieren zu führen, bevor Frankreich und Norwegen heranrauschten. "Ich bin stolz auf die Mädels, da kann man eine Träne verdrücken", sagte DSV-Trainer Hönig. "Das ist der Lohn für ein ganzes Jahr harter Arbeit."

Die deutsche Riege hatte sich offenbar vorgenommen, unter allen Umständen den Titel aus dem Jahr 2011 zu verteidigen. Sie trainierte am Donnerstag einen besonders gewagten Wechsel, wobei die Skijägerinnen mit einem herzhaften Klatscher auf den Hintern übergeben sollten. Die eigenartige Technik kam zwar am Samstag nicht zum Einsatz, wohl aber eine neue, offensive Aufstellung.

Tina Bachmann war zum ersten Mal in ihrer Karriere Startläuferin und deshalb "ganz schön nervös". Die Polizeiobermeisterin aus Dresden hatte sich aber schnell im Griff, stapfte tapfer über die Anstiege der Chiemgau-Arena und wechselte mit nur knapp zehn Sekunden Rückstand auf die Spitze. Da lagen die Frauen im Fahrplan. Neuner sollte die Führung erobern und einen Vorsprung herauslaufen. Es kam anders.

Die Biathlonkönigin musste liegend dreimal nachladen und stehend eine Strafrunde drehen. "Es war nicht das Schießen, das ich mir erhofft hatte", entfuhr es Neuner. Überhaupt schien zu diesem Zeitpunkt ihr Karriereabschluss ein wenig getrübt, hatte sie am Mittwoch im Einzel die erhoffte Medaille im Einzel klar verfehlt.

Deutschland lag nach dem zweiten Wechsel nur auf Rang drei, gut zehn Sekunden zurück. Aber diesmal war auf Neuners beste Freundin im Lager der Skijägerinnen Verlass. "Ich war gestern Abend wirklich nervös, aber dann ging es plötzlich. Am Start habe ich überhaupt nichts gespürt", sagte Miriam Gössner, die nach soliden WM-Vorstellungen den Vorzug vor Franziska Hildebrand erhalten hatte. Gössner gelang mit nur zwei Extraschüssen ein Befreiungsschlag.

Bisher galt sie als eine flinke Läuferin mit einer zu breiten Streuung, und die Diskussion über wechselwillige Langläuferinnen zur Stärkung des Biathlonnachwuchses setzten ihr zu. "Das hat die Miri schon sehr verletzt", ließ Neuner durchblicken. Junge Langläuferinnen werden im DSV zu Schießlehrgängen eingeladen, während Gössner zurück zu den Spezialistinnen wechseln wollte, das konnte die Zolloberwachtmeisterin aus Garmisch nur auf ihre Schießschwäche zurückführen.

Gössner gab nicht auf

Da wurde Gössner von Evi Sachenbacher-Stehle, 31, der nächsten Stich versetzt. Auch die zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin erwägt einen Wechsel zu den Skijägern. Jetzt könnte es sich auszahlen, dass sie nicht aufsteckte. Gössner experimentierte schon mit einer Pulsuhr und mit einem Gewicht am Gewehrlauf, um zielsicherer zu werden, auch kontaktierte sie den Mentalcoach, mit dem Magdalena Neuner bereits seit drei Jahren zusammenarbeitet.

Die Junioren-Weltmeisterin von 2009 habe sich besonders beim "zweiten Schießen gut gefühlt" und sich gesagt: "alles oder nichts." Dass sie bei einem Anstieg sogar über eine Werbebande stolperte, brachte sie nicht aus dem Konzept.

Das Lachen ihr WG-Partnerin und Strickfreundin Neuner, das zwischenzeitlich leicht gequält wirkte, kam erst auf Henkels Schlussrunde zurück. Immerhin hat sie vor ihrem letzten WM-Start am Sonntag (16 Uhr) im Massenstart eine wichtige Erkenntnis gezogen. "Ich war zu langsam", analysierte sie die wackligen Einlagen. Sie machte den Fehler, sich an ihre Gegnerin Anastasija Kuzmina zu hängen, statt sie zu überholen. "Der Puls war dann beim Anlegen schon verdammt weit unten."

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