10.02.12

Trauma 9/11

Es gehe ihm gut, ist die letzte Nachricht von Dad

Erster Höhepunkt der Berlinale: "Extrem laut und unglaublich nah" ist ein Drama über einen Jungen, der seinen Vater sucht. Sandra Bullock gibt die hilflose Mutter.

Von Peter Zander

Eines vorweg: Ja, ich bin nah am Wasser gebaut. Ich weine im Kino . Und ich stehe dazu. Auch wenn böse Menschen behaupten, dass das schon bei der Langnese-Werbung beginnt. Das ist schon in Ordnung; überhaupt ist der Nachspann in Filmen ja vermutlich nur deshalb so lang, damit man genug Zeit hat, um sich die Salzkrusten aus dem Gesicht zu wischen. Man muss nur unterscheiden. Es gibt Filme, die derart auf die Tränendrüsen drücken, dass die Zähren zwar an exakt der Stelle kullern, wenn sie kullern sollen, man sich aber noch, während sie kullern, ärgert, dass es passiert.

Und es gibt Filme, da kann man's einfach rennen und fließen lassen. "Extrem laut und unglaublich nah", Stephen Daldrys Verfilmung von Jonathan Safran Foers Bestseller, der am Freitag auf der Berlinale läuft und nächste Woche in unsere Kinos kommt, gehört zur letzteren Kategorie. Man muss sich seiner Tränen nicht schämen.

Ein achtjähriger New Yorker mit dem deutschen Namen Oskar Schell (Thomas Horn) bekommt da gleich zu Beginn, "am schlimmsten Tag", wie es heißt, schulfrei. Zuhause leuchtet der Anrufbeantworter. Fünf Nachrichten sind darauf. Alle von seinem Dad. Das Band beginnt mit mechanischer Stimme: "Erste Nachricht: 11. September, 8:56 Uhr." Da ist Dad in einem der Türme. Er sagt, dass es ihm gut geht. Die Nachrichten werden das Letzte sein, was der Junge von ihm hören wird.

Perspektive eines Unschuldigen

Ein Jahr später stöbert Oskar (den Namen wählte Foer nach Grass' Blechtrommler) in den Sachen seines Vaters und zerbricht dabei eine Vase, in der sich ein Schlüssel und ein Papier finden. Auf letzterem steht "Black". Und weil der Junge mit seinem Dad gern Erkundigungsexpeditionen gespielt hat und Angst hat, seinen Vater zu vergessen, macht er sich auf die Suche. Nach einem Herrn oder Frau Black, die ihm helfen können.

Es gibt Hunderte von Blacks in New York. Der kleine Oskar will sie alle besuchen. Weil er glaubt, dass dieser Schlüssel der letzte Schlüssel zu seinem Vater ist. So beginnt eine Odyssee durch eine traumatisierte Stadt, während der kleine, durchaus egoistische, oft auch altkluge Junge erkennen muss, dass er nicht der einzige ist, der unter einem großen Verlust leidet.

Unverfilmbar. So heißt es gewöhnlich, wenn Bücher sich durch besonders eigenwillige erzählerische Mittel auszeichnen. Unverfilmbar, das träfe dann auch auf Foers Roman zu. Nicht nur, dass er hier mit großen Perspektivensprüngen arbeitet, dass er mal den kleinen Jungen, mal die Oma und mal einen Fremden erzählten lässt.

Nein, der reine Text wird durchbrochen durch Fotos, durch Papiernachrichten des Fremden, der nicht mehr sprechen mag, durch Schrifttypen, die auf den Buchseiten immer kleiner, immer gedrungener werden, bis zur Unkenntlichkeit. Und am Ende gibt es Fotos von einem Menschen, der vom World Trade Center herab in die Tiefe stürzt, als rückwärtiges Daumenkino, als ob der Mann nach oben flöge.

Stephen Daldry hat daraus, das kann man ihm vorwerfen, einen eher konventionellen Film gemacht. Er versucht gar nicht erst, sich ähnliche formale Spielereien auszudenken. Aber die Fotos, die Nachrichten, man kann sie hier wiederfinden, auch das Daumenkino in veränderter Form. Die Geschichte wird aber ganz linear erzählt. Und mit vielen Stars: Sandra Bullock als hilflose Mutter ; Tom Hanks als Vater, der in Rückblenden lebendiger scheint als die Mutter heute. Und Max von Sydow als geheimnisvoller Mieter, der sich bei der Oma eingenistet hat und dem Jungen bei der Suche hilft.

Foer hat in seinem Roman weit ausgeholt, hat auch die Geschichte des Alten miteinbezogen, der ein ähnliches Trauma bei der Zerbombung von Dresden erlebt hat. Daldry hat in seinem Film klug darauf verzichtet, das Grauen vom 11. September in Relation zu setzen zu einer anderen nationalen Narbe. Und auch die bekannten Bilder von den brennenden Türmen zeigt er erst spät und spärlich als sattsam bekannte Fernsehbilder. Nur ein einziges Mal gestattet er sich einen Panoramablick auf das World Trade Center.

Der bessere Eröffnungsfilm

Es gibt, über zehn Jahre nach den Anschlägen, noch immer erstaunlich wenige Filme, die das Geschehen fiktional verarbeiten. Überwiegend geschah das im dokumentarischen Bereich. "World Trade Center" und "Flug 93" waren erste Versuche, dem Grauen auch andere Bilder zu schenken, aber doch nur Ausschnitte von Ereignissen jener Tage.

Foer erzählte in seinem Buch, nur vier Jahre nach dem "schlimmsten Tag" erschienen, von den Anschlägen nur am Rande, aber ganz viel von den Wunden, den Narben, die bleiben, und von den unschuldigsten Opfern, Kinder, die nicht verstehen, nicht verarbeiten können, was da geschehen ist. Und Stephen Daldry hat sich, auch das ist klug, ganz auf diese eine Perspektive konzentriert. Dass er mit Kindern und Jugendlichen gut arbeiten kann, dass er für sie eine besondere Sensibilität findet, hat er schon in "Billy Elliott" und "Der Vorleser", seinem Berlinale-Beitrag vor drei Jahren, bewiesen.

Wie "Leb wohl, meine Königin!", der Eröffnungsfilm über die Französische Revolution, wird hier wieder, das scheint sich wirklich als roter Faden durch das Programm zu ziehen, eine Umbruchsituation aus der Sicht von unmittelbar Betroffenen erzählt. Aber während "Leb wohl" nur die allerersten Ereignisse erzählte und deren ganze Ausmaße noch gar nicht verarbeiten konnte, geht "Extrem laut" sehr viel weiter. Vielleicht wäre dieser Film der bessere Berlinale-Auftakt gewesen.

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