08.11.10

Prozess in Mannheim

Schaulaufen der Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann

Schlank, schön, selbstbewusst – die Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann haben viel gemein. Einige mögen zudem den Presserummel.

Foto: dpa/DPA

... die Staatsanwaltschaft hat Revision gegen das Urteil einlegt. Das hatte zuvor sein Kollege Oskar Gattner (r.) dem SWR bestätigt.

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Auch wenn bisher fast alle Zeugen hinter verschlossenen Türen aussagen durften: Dass das Gericht im Fall Kachelmann ungewöhnlich genau nachfragt und das Verfahren aus dem Ruder zu geraten droht, ist mittlerweile allzu offensichtlich. Über 20 Stunden lang hat die fünfte Strafkammer im Vergewaltigungsverfahren gegen den Wettermoderator das mutmaßliche Opfer vernommen, die Mutter der Zeugin saß mehr als vier Stunden im Zeugenstand, der Vater fast genauso lange.

Kachelmann-Anwalt Reinhard Birkenstock hat daher jetzt erstmals offen ausgesprochen, was viele Prozessbeobachter insgeheim bereits fürchteten: Wegen der Gründlichkeit und Akribie des Gerichts sei "nicht davon auszugehen", dass der Prozess noch in diesem Jahr beendet werde, sagte Birkenstock. Auch Opferanwalt Thomas Franz geht nach eigenem Bekunden davon aus, dass er mindestens noch im Januar, wenn nicht länger, ins Mannheimer Landgericht kommen muss.

Zwar sind bis zum 21. Dezember noch neun Verhandlungstage angesetzt, und immerhin wurde bereits ein halbes Dutzend Ex-Geliebter befragt. Doch die Liste der Affären von Jörg Kachelmann ist damit noch lange nicht abgearbeitet. Außerdem muss so mancher Zeuge wohl ein zweites Mal anreisen, um erneut vernommen zu werden. Die Polizistinnen, welche die Nebenklägerin nach der mutmaßlichen Tat am 9. Februar als erste befragt haben, müssen auf jeden Fall noch einmal kommen, aber selbst das mutmaßliche Opfer selbst ist noch nicht endgültig entlassen.

Es ist wahrlich eine seltsame Parade, die seit Wochen durch Saal eins des Mannheimer Landgerichts marschiert. Durch die linke Seitentür des fensterlosen Raums erscheinen immer wieder neue, attraktive Frauen und nehmen Platz im Zeugenstand, einem schmucklosen Besprechungstisch in der Mitte des Saals.

So unterschiedlich sie in Alter, Haarfarbe, Wohnort oder Beruf auch sein mögen, eins haben alle gemeinsam: Alle Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann sind sehr schlank, fast schon schmal gebaut, ohne ausladende, weibliche Kurven. Viele von ihnen wirkten zudem selbstbewusst und eigenwillig.

An diesem Morgen ist es nun also eine Försterin aus Norddeutschland, die der Vorsitzende Richter Michael Seidling per Lautsprecher in den Raum rufen lässt. 29 Jahre ist sie alt, braunhaarig, dunkel gekleidet, und es scheint fast, als sei sie überaus amüsiert über das Medieninteresse, das Jörg Kachelmanns Vergangenheit und Prozess hervorruft.

Während das Gericht sich zurückzieht, um über ihren Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit zu beraten, dreht sich die studierte Umweltwissenschaftlerin zum Publikum um, mustert lange und offensichtlich belustigt die zwei Dutzend anwesenden Journalisten.

An die Anwesenheit von Presse ist die junge Frau allerdings gewöhnt. Sie hat selbst schon so manche Schlagzeile produziert, einmal etwa, als sie einen Baum besetzte, um gegen eine Abholzungsaktion der Behörden zu protestieren. Dann wieder schauspielerte sie auf Laienbühnen, versuchte sich als Buchautorin, ging einigen skurrilen Hobbys nach oder veröffentlichte in einem Internetblog Naturfotos, die sie auf langen Reisen rund um die Welt gemacht hatte.

Ihre Zeugenaussage dauerte mehrere Stunden an und musste sogar nach der Mittagspause fortgesetzt werden, wohl vor allem deshalb, weil die 29-Jährige am Tag nach der mutmaßlichen Vergewaltigung mit Kachelmann telefoniert haben soll. Von diesem Telefonat hatte Kachelmanns Strafverteidiger Birkenstock selbst berichtet, als er zum Prozessauftakt eine Stunde lang eine Art Plädoyer gehalten hatte.

Birkenstock hatte an diesem sechsten Verhandlungstag mehrere Anträge gestellt, darunter jenen, eine Freundin der Försterin in den Zeugenstand zu rufen. Denn offenbar befürchtete er, eine Mitte August vor der Staatsanwaltschaft gemachte Aussage der Zeugin könnte problematisch für Kachelmann werden. Diese, so Birkenstocks Vorwurf, habe darin einen "Telefonatseindruck nachträglich konstruiert". Um diesen Eindruck zu relativieren, verlangte der Anwalt die Ladung einer weiteren Zeugin.

Die Umweltwissenschaftlerin will also am Tag nach der mutmaßlichen Vergewaltigung mit Kachelmann telefoniert haben, natürlich, ohne Bescheid zu wissen, was sich in jener Nacht zum 9. Februar in einer Schwetzinger Dachwohnung zugetragen haben soll. Ihr zufolge soll Kachelmann bei dem Anruf "gestresst und aufgelöst" gewirkt haben.

Birkenstock zitierte aus den Akten: "So habe ich ihn noch nie erlebt. Ich dachte, es sei was Schlimmes mit den Kindern oder der Mutter." Die genauen Worte des Gesprächs habe die Zeugin allerdings nicht mehr wiedergeben können. Auch sei ihr erst später klar geworden, dass sie mit Kachelmann offensichtlich wenige Stunden nach der angeblichen Tat telefoniert haben musste.

Denn der Kontakt fand kurz vor dessen Abflug nach Kanada statt, von wo aus Kachelmann während der Olympischen Winterspiele Wetterberichte lieferte. Aus der Zeitung erfuhr die Försterin später, dass es in der Nacht vor diesem Abflug zu der folgenschweren Beziehungstat gekommen sein soll.

Anwalt Birkenstock beharrte nun aber darauf, dass die Zeugin ihre Aussage bereits einen Tag später "nachhaltig relativiert" habe, unter anderem in einem Gespräch mit einer Freundin. Daher beantragte der Strafverteidiger, dass auch diese Freundin vor Gericht zitiert werden sollte. Durch diese Zeugin lasse sich nachweisen, dass "weder Inhalt noch Eindruck" des Telefonats sich bestätigen ließen und dass mithin dieser Eindruck im Nachhinein, aus einer fehlerhaften Erinnerung heraus, "konstruiert" worden sei.

Das Gericht setzte daher die besagte Freundin auf die Zeugenliste und wollte sie im Anschluss an die Umweltwissenschaftlerin vernehmen. Der Prozess soll am Mittwoch fortgesetzt werden, geplant ist die Vernehmung dreier Zeugen. Danach ist eine Pause bis zum 1. Dezember angesetzt.

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