22.02.13

Südafrika

Und am Montag soll Pistorius wieder trainieren

Als der Richter den Entschluss verkündet, ertönt ein lautes "Yes". Oscar Pistorius hat seine Freundin erschossen, kommt aber gegen Kaution frei. Für den Prozess gibt es einen taktischen Nachteil.

Von Christian Putsch
Quelle: Reuters
22.02.13 1:21 min.
Das Gericht in Pretoria lässt Paralympics-Star Oscar Pistorius auf Kaution frei. Der wegen Mordes angeklagte Sportler wird nicht unerkannt fliehen können, urteilte der Richter.

Als Richter Desmond Nair am Ende seiner rund zweistündigen Urteilsbegründung den Kautionsantrag bewilligte, war ein lautes "Yes" eines Pistorius-Freundes zu hören, während sich die Familie des Angeklagten zurückhielt.

Man hätte das mit einer Reaktion auf einen Freispruch verwechseln können, wovon natürlich keine Rede sein kann. Der Prozess gegen Pistorius, bei dem über das Maß seiner Schuld an den tödlichen Schüssen auf das Model Reeva Steenkamp entschieden wird, wird sich wohl über viele Monate hinziehen. Nicht einmal die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.

Doch der Paralympics-Star wird vorerst auf Kaution freigelassen. Das Magistratsgericht in Pretoria gab nach einer viertägigen Anhörung dem Antrag der Verteidigung statt. Als Auflage muss Pistorius eine Million Rand (rund 85.500 Euro) in Bargeld oder Bürgschaften hinterlegen.

Zudem muss er seine Pässe abgeben und sich zwei Mal wöchentlich bei der Polizei melden. Als weitere Auflage ordnete der Richter an, dass Pistorius sich weder dem Tatort – seiner Wohnung – noch Zeugen nähern dürfe. Auch darf er keinen Alkohol trinken. Am 4. Juni muss Pistorius erneut vor Gericht erscheinen.

Steenkamps Flucht vor Pistorius?

Während seine Familie jubelte, zeigte der Angeklagte keine Regung. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 26-Jährigen kaltblütigen Mord an seiner Lebensgefährtin Steenkamp vor. Pistorius gestand zwar, die tödlichen Schüsse in der Nacht vor dem Valentinstag abgefeuert zu haben, wies den Mordvorwurf aber zurück.

Er gab an, nur deshalb geschossen zu haben, weil er einen Einbrecher in seiner Wohnung vermutet habe. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Steenkamp vor Pistorius geflüchtet war und sich auf der Toilette eingeschlossen hatte, wo sie dann von seinen Schüssen getroffen wurde.

Richter Desmond Nair hatte vor der Verkündung gesagt, er sei um die Entscheidung "nicht zu beneiden". Staatsanwalt Gerrie Nel hatte den Kautionsantrag in den Zusammenhang mit einer aktuellen Debatte zum Thema "Gewalt gegen Frauen" in Südafrika gestellt. "Sogar Präsident Zuma hat in seiner Rede zur Lage der Nation betont, dass diese Debatte Priorität haben muss", sagte Nel.

Vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria hatten Frauen der Regierungspartei African National Congress (ANC) zu Beginn der Anhörung Plakate mit Aufschriften wie "Pistorius muss im Gefängnis verrotten" hochgehalten – unter den Demonstranten war zwischenzeitlich auch die Ministerin für Gleichberechtigung.

Viele Ungereimtheiten

Richter Nair aber musste bei seiner Entscheidung vor allem abwägen, ob Fluchtgefahr oder eine Gefahr für Dritte besteht. Er folgte letztlich der Argumentation der Verteidigung, die erklärte, Pistorius' Prothesen würden es ihm unmöglich machen, das Land unerkannt über einen Flughafen zu verlassen.

Zudem sei Pistorius nicht vorbestraft, es gebe nicht hinreichend Belege für aggressives Verhalten. Er hinterfragte aber auch die Darstellungen des mordverdächtigen Profisportlers. Es gebe da viele Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten, sagte er in der Begründung seiner Entscheidung. Die Verteidigung des Paralympics-Stars will eine Anklage wegen "fahrlässiger Tötung" erreichen.

Nair kritisierte die Ermittler auch wiederholt für ihre Versäumnisse, ausreichende Belege für ihre Theorie eines vorsätzlichen Mordes vorzulegen. Teilweise sei auch in der Kürze der Zeit verfügbares Material nicht ausgewertet worden.

Chefermittler Hilton Botha musste zugeben, dass er Telefonprotokolle nicht mit Nachdruck beantragt hatte, konnte auch die Entfernung einer Zeugin nicht angeben, die unter Eid von Schreien einer Frau kurz vor den Schüssen berichtet hatte. Die Spurensicherer übersahen zudem ein abgefeuertes Projektil, zu allem Überfluss wurde am Donnerstag bekannt, dass gegen Botha ein Verfahren wegen versuchten Mordes läuft. Er wurde von dem Fall abgezogen.

Ab Montag wieder im Training

Für die Staatsanwaltschaft ist die Anhörung jedoch ein Desaster, wie es derzeit den Anschein hat. Die Abberufung von Chefermittler Botha ist eine Blamage – wie auch die zahlreichen Ermittlungspannen.

Doch wegen der Argumentation von Nel, es habe sich um "vorsätzlichen Mord" gehandelt, mussten Pistorius' Rechtsanwälte nur fünf Tage nach den Schüssen auf das Model Reeva Steenkamp eine umfangreiche Darstellung über den Tathergang vorlegen. Sollten die Beweise Widersprüche in diesen Aussagen offenlegen, könnte dies Pistorius' Position beim Prozess schwächen.

Aufstieg und Absturz des beidbeinig amputierten Pistorius' haben Millionen Menschen weltweit in den Bann gezogen. Mit seinen sportlichen Leistungen auf High-Tech-Prothesen begeisterte er nicht nur die Sportwelt. Die Mordvorwürfe bringen seine steile Karriere nun vorläufig zu einem jähen Ende.

So legte der US-Konzern Nike am Donnerstag seinen Sponsorenvertrag mit dem südafrikanischen Paralympics-Star auf Eis, er hat alle Teilnahmen an Rennen abgesagt.

Sein Trainer aber hat angekündigt, er gehe davon aus, dass Pistorius am Montag wieder trainiere. Das scheint angesichts des gebrochenen Zustands von Pistorius vor Gericht kaum vorstellbar. Aber so ist es mit vielen Details dieses Kriminalfalls.

Quelle: mit AFP, dpa
Quelle: Reuters
19.02.13 1:20 min.
Im südafrikanischen Port Elizabeth fand die Beerdigung der verstorbenen Freundin von Sportstar Oscar Pistorius statt. Der Paralympics-Athlet wird beschuldigt, die 29-Jährige erschossen zu haben.
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