21.02.13

Südafrika

Polizei löst Chefermittler im Fall Pistorius ab

Schwere Vorwürfe gegen den bisherigen Chefermittler im Mordfall Pistorius: Hilton Botha wird des versuchten Mordes beschuldigt. In sieben Fällen. Jetzt wird er abgelöst

Quelle: Reuters
21.02.13 1:37 min.
Gegen den Polizeikommissar Hilton Botha wird wegen siebenfachen Mordversuchs ermittelt. Er wird als Chefermittler im Fall Oscar Pistorius abgezogen. Er soll 2011 auf sieben Menschen geschossen haben.

Der Fall um Oscar Pistorius wird immer skuriler. Erst wurde bei der Kautionsanhörung in Pretoria der Gerichtsaal nach einer vermeintlichen Drohung geräumt. Wenig später setzte Richter Desmond Nair die Anhörung fort, während in den Medien über schwere Vorwürfe gegen den Chefermittler der Polizei, Hilton Botha, berichtet wurde. Nur Minuten, nachdem der Richter dann seine Entscheidung vertagte und die Fortsetzung der Anhörung für Freitag früh ankündigte, bestätigte dann Polizeichefin Mangwashi Phiyega, worüber den ganzen Tag über spekuliert worden war: Dass Hilton Botha, gegen den ein Verfahren wegen versuchten Mordes in sieben Fällen läuft, vom Fall Pistorius abgezogen wird.

Die Vorwürfe gegen Botha stehen in Zusammenhang mit einem Vorfall aus dem Jahr 2011, Botha sei mit zwei Kollegen in einem Dienstwagen gefahren und habe das Feuer auf einen Kleinbus eröffnet.

Gegen alle drei beteiligten Polizisten sei ein Verfahren eröffnet worden, sagte Polizeisprecher Neville Malila. In dem Bus hätten sich bei dem Vorfall vor zwei Jahren sieben Personen befunden, deshalb habe der Vorwurf auf versuchten Mord in sieben Fällen gelautet. Das Verfahren sei zwischenzeitlich eingestellt worden, laufe aber inzwischen wieder.

"Ich war nicht betrunken"

Hilton Botha wehrte sich am Donnerstagmorgen vehement gegen die Vorwürfe, auch gegen die in einigen Medien aufgestellte Behauptung, er sei betrunken gewesen. "Mein Blut wurde nicht auf Alkohol getestet nach den Schüssen, ich war nicht betrunken", sagte er.

Die Schüsse seien gefallen, so Botha, weil der Busfahrer "uns von der Straße abdrängen wollte". Er habe sich in Ermittlungen zu einem Mordfall befunden. Offenbar wurde das Verfahren ausgerechnet am Mittwoch wiederaufgenommen, jenem Tag, an dem er in Pretoria bei der Anhörung zum Fall Pistorius in den Zeugenstand gerufen wurde. Dort gab er Ermittlungspannen zu.

Zur Wiederaufnahme des Verfahrens sagte er: "Ich kann mir das nur so erklären, dass dies mit meinen Ermittlungen im Fall Pistorius im Zusammenhang steht", sagte der erfahrene Polizist. Eine nähere Erläuterung zu dieser Andeutung gab er nicht.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden die Ermittlungen schon mehrere Tage vor dem Tod von Steenkamp wieder aufgenommen.

Ermittler sieht Fluchtgefahr bei Pistorius

Am Mittwoch hatte Botha im Fall des mordverdächtigen Olympia-Stars den Richter vor einer möglichen Flucht von Pistorius gewarnt und von einer Freilassung auf Kaution abgeraten. Bei der Anhörung vor dem Magistratsgericht in Pretoria sagte Botha, er habe schon Leute "wegen einer möglichen Haftstrafe von fünf Jahren" fliehen sehen, und es sei "auf keinen Fall Notwehr" gewesen.

Pistorius droht im Fall einer Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes eine lebenslange Inhaftierung, er hat nach Vermutung der Anklage ein Konto und ein Haus im Ausland.

Pistorius hatte am Mittwochmorgen wie schon am Vortag die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wortlos und unter Tränen angehört. Demnach gebe es eine Zeugin, die unter Eid ausgesagt habe, kurz vor den tödlichen Schüssen des Südafrikaners auf seine Freundin Reeva Steenkamp am vergangenen Donnerstag laute Schreie gehört zu haben, auch von einer Frau.

Die Einschusslöcher in der Tür zum Badezimmer, in dem Steenkamp getroffen wurde, seien zudem so hoch, dass Pistorius seine Prothesen benutzt haben müsse.

Der beidseitig beinamputierte Sportler hatte ausgesagt, er habe Geräusche gehört und sei in Panik in der Dunkelheit auf seinen Stümpfen Richtung Badezimmer gegangen und habe in der Annahme geschossen, hinter der Tür verstecke sich ein Einbrecher. Kann die Staatsanwaltschaft belegen, dass er zunächst die Prothesen angelegt hatte, würde das Pistorius Darstellung widerlegen und für eine vorsätzliche Tat sprechen. Der Richter hatte am Dienstag die Anklage auf "vorsätzlichen Mord" zugelassen, die eine Freilassung auf Kaution in Südafrika erschwert.

Einer der teuersten Verteidiger des Landes

Es sind schwere Vorwürfe, denen sich Pistorius ausgesetzt sieht. Sein Verteidiger Barry Roux, der als einer der teuersten des Landes gilt, wählte am Mittwoch in der Befragung Bothas die Strategie, zunächst den Ermittler und dann dessen Belege unglaubwürdig zu machen. So gab Botha zu, dass er den Tatort betreten habe, ohne eine Schutzbedeckung über seine Schuhe zu ziehen, "es waren nicht genug da".

Zudem haben Pistorius' eigene Forensiker in dem Bad Munition gefunden, die von der staatlichen Spurensicherung übersehen worden war. Die Entfernung des Hauses der Zeugin gab Botha zunächst mit 600 Metern an, später korrigierte er sich auf 300.

Er bestätigte auch, dass sie anstelle der vier abgefeuerten Schüsse von acht gesprochen habe und nicht sicher sagen konnte, ob es sich bei den Schreien um die von Steenkamp und Pistorius gehandelt habe.

Voreilig gingen die Behörden offenbar bei zwei beschlagnahmten Kartons mit Ampullen und Spritzen vor. Gestern wurden sie von der Staatsanwaltschaft als Testosteron-Steroide bezeichnet. Nach Angaben der Verteidigung handele es sich aber um "ein legales homöopathisches" Mittel, "das Pistorius nehmen durfte".

"Es war auf keinen Fall Notwehr"

Botha musste zugeben, dass die Untersuchung der Substanz noch nicht abgeschlossen ist und er dem Gericht einen unbestätigten Beleg als Tatsache präsentiert hatte. Berichte der englischen Zeitung "The Sun" über beschlagnahmte Steroide hatten schon am Montag den Eindruck nahegelegt, Pistorius sei gedopt gewesen und habe Steenkamp womöglich nach der Einnahme von Steroiden getötet. Sie bewirken erhöhte Aggressivität. "Es war auf keinen Fall Notwehr", sagte Botha nach Angaben von Prozessbeobachtern.

Die Anhörung in Pretoria ist ungewöhnlich detailliert, der Beginn des eigentlichen Prozesses ist noch gar nicht bekannt. Ursprünglich sollte noch am Mittwoch über den Antrag entschieden werden, nun gilt es nicht einmal als sicher, dass die Anhörung heute enden wird. Die Forensiker des Staats und der Verteidigung werden Einschätzungen vorlegen. Die Staatsanwaltschaft gab sich zuversichtlich, dass ihr Bericht belegen werde, dass Pistorius aus erhöhter Position geschossen habe. Zudem hat Staatsanwalt Gerrie Nel ein mögliches Mordmotiv angedeutet, das er aber bislang nicht ausgebreitet hat.

Neben der Fluchtgefahr muss Richter Desmond Nair bei der Entscheidung über den Antrag auf Freilassung auf Kaution abwägen, ob von Pistorius Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht. Der 26-Jährige ist nicht vorbestraft, gegen ihn wurde aber mehrfach ermittelt, unter anderem wegen Körperverletzung an einer 19-Jährigen.

Die Ermittlungen wurden eingestellt, Pistorius aber erstattete Anzeige gegen die Polizei, weil er eine Nacht auf der Polizeiwache festgehalten worden war. Einer der Ermittler war ebenfalls Hilton Botha, was Rechtsexperten als Interessenkonflikt zu seiner Rolle als Chefermittler sehen.

Eine Gefahr für die Öffentlichkeit?

Die Staatsanwaltschaft beharrt auch unter dem Eindruck eines anderen spektakulären Falls auf Ablehnung des Antrags. Seit mehr als zwei Jahren fordert sie vergeblich die Auslieferung des Engländers Shrien Dewani, der in Kapstadt den Mord an seiner Frau Anni in Auftrag gegeben haben soll. Dessen Anwälte in England verzögern das Auslieferungsverfahren immer wieder, eine Entscheidung wird frühestens im Sommer erwartet.

Behindertengerechte Gefängnisse, in denen Pistorius während der Untersuchungshaft untergebracht werden könnte, gibt es in Südafrika. Seit Donnerstag befindet er sich in Polizeigewahrsam in Pretoria.

Das Drama um den 26-jährigen Athleten, der mit spektakulären Sprints auf Beinprothesen zum Star wurde, sorgt seit Tagen weltweit für Aufsehen. Bei den Paralympics 2012 gewann Pistorius über 400 Meter Gold und über 200 Meter Silber. Beim 100-Meter-Lauf kam er auf den vierten Platz.

Nike setzt Sponsorenvertrag aus

Unterdessen hat der Sportartikelhersteller Nike seinen Sponsorenvertrag mit Pistorius offiziell ausgesetzt. Das gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. "Wir glauben, dass Oscar Pistorius ein ordentliches Gerichtsverfahren ermöglicht werden sollte, und wir werden die Situation weiter aufmerksam verfolgen", hieß es in einer Erklärung. Nike unterstützt den Sprinter seit 2007. Neben der Laufbekleidung stellte der Adidas- und Puma-Konkurrent Pistorius auch die Sohlen, die dieser bei Rennen unter den Prothesen trug.

Eine Nike-Werbung mit Pistorius zeigte den Athleten beim Start für ein Rennen. Der Slogan hieß: "I am the bullet in the Chamber" (Ich bin die Kugel im Lauf). Die Anzeige wurde inzwischen von der Webseite von Pistorius entfernt.

Seine Sponsorenkontrakte dürften Pistorius Schätzungen zufolge zuletzt zwei Millionen Dollar im Jahr eingebracht haben. Unter Vertrag steht der Sportler auch beim britischen Telekomriesen BT, dem Sonnenbrillenhersteller Oakley und dem französischen Modedesigner Thierry Mugler.

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