18.02.13

Otto Beisheim

Freitod eines Milliardärs, den kaum einer kannte

Wie die Aldi-Brüder war Otto Beisheim einer, über den man wenig wusste. Auf jeden Fall war er einer der reichsten Männer Deutschlands. Am Ende wählte der schwerkranke 89-Jährige den Freitod.

Von Hagen Seidel
Foto: picture alliance / dpa

Otto Beisheim, einer der Metro-Gründer, in jüngeren Jahren
Otto Beisheim, 1924 bis 2013

Er war einer, der sich alles leisten konnte. Einer, der es jahrzehntelang gewohnt war, zu bestimmen, was als nächstes passieren sollte. Nur auf seine Gesundheit hatte der Milliardär letztlich keinen Einfluss. Jetzt hat sich Otto Beisheim, als Gründer des Handelskonzerns Metro einer der reichsten Männer Deutschlands, das Leben genommen. "Er litt an einer nicht heilbaren Krankheit und ist aufgrund der Hoffnungslosigkeit seiner gesundheitlichen Lage aus dem Leben geschieden", teilte die Familie des 89-Jährigen mit. Am Montagmorgen war er tot in seinem Haus in Rottach-Egern am Tegernsee gefunden worden.

Metro-Gründer Beisheim war einer der Unternehmer im Handel, über die wenig bekannt ist und die die Öffentlichkeit mieden. Er wurde am 3. Januar 1924 in Vossnacken bei Langenberg geboren – nicht weit entfernt von Essen, von wo aus die Brüder Albrecht mit dem neuen Geschäftskonzept des Discounts über ihre Kette "Aldi" Milliarden machten. Und ebenso wie die Albrechts kam Beisheim aus einfachen Verhältnissen: Sein Vater war Gutsverwalter und arbeitete auf der Friedrich-Wilhelm-Hütte.

Beisheim trat auch als großzügiger Stifter in Erscheinung, machte allerdings ebenso Schlagzeilen wegen seiner mutmaßlichen SS-Vergangenheit. In den vergangenen Jahren hatte er sich mehr und mehr von der Metro zurück gezogen – wohl nicht ohne Verbitterung. Denn die beiden großen Mitaktionäre Haniel und Schmidt-Ruthenbeck, mit denen er lange Zeit die Geschicke des Düsseldorfer Konzerns bestimmen konnte, hatten ihn aus dem innersten Kreis der Entscheidungsträger ausgeschlossen.

Die beiden kauften sich 2007 die Metro-Mehrheit, die zuvor bei allen drei Großaktionären gelegen hatte, Beisheim war an den Rand gedrängt. Zuletzt hielt er noch rund zehn Prozent der Anteile. Weitere Verkäufe seien jetzt nicht geplant, erklärte eine Sprecherin der Beisheim-Gruppe nach der Nachricht vom Tod des Großaktionärs. Durch den Absturz des Metro-Kurses nach dem Ende des vier Jahrzehnte bestehenden "Dreier-Paktes" hat auch Beisheim hohe Millionensummen verloren.

Ehemalige Kollegen vom Selbstmord schockiert

Manager und Unternehmer, die mit Beisheim zusammen gearbeitet hatten, zeigten sich am Montag geschockt von der Nachricht vom Selbstmord. Die wenigsten wussten, dass der 89-Jährige so schwer erkrankt war. "Otto Beisheim hat mit Innovation, Mut und Ehrgeiz eines der weltweit führenden Handelsunternehmen geschaffen. Er war bis zuletzt der Metro Group eng verbunden", erklärte Metro-Chef Olaf Koch. "Er hat damit ein maßgebliches Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben", ergänzte Aufsichtsratschef Franz Markus Haniel, "wir verlieren mit Otto Beisheim einen großen Unternehmer". Ihn hat aus Sicht seiner Mitarbeiter auch ausgezeichnet, dass er sie an der langen Leine führte und sich nicht ins Tagesgeschäft einmischte.

Mitstreiter beschreiben ihn als einen Unternehmer, der sehr genau gewusst habe, was er wollte. Zudem hatte er einen Sinn dafür, gute Mitarbeiter in seine Unternehmen zu holen, wenn er sich auch später bisweilen mit ihnen überwarf – wie mit seiner langjährigen rechten Hand und Bevollmächtigten, Erwin Conradi. Beisheim war verschwiegen und bisweilen knurrig. Fast schon legendär ist seine Antwort an eine Journalistin, die es vor vielen Jahren – noch vor der Börsennotierung der Metro – gewagt hatte, nach dem Umsatz des Unternehmens zu fragen. Beisheim: "Was geht Sie mein Umsatz an?"

Die finanziellen Angelegenheiten hatte der Senior rechtzeitig geregelt: Sein Erbe geht in die beiden gemeinnützigen Stiftungen, die Prof. Otto Beisheim-Stiftung im schweizerischen Baar und die Prof. Otto Beisheim Stiftung in München. Der Metro-Mann war auch an der Schaffung einer der wichtigsten deutschen Elite-Hochschulen maßgeblich beteiligt, der Otto Beisheim School of Management (WHU) in Koblenz, die unter anderem die Gründer des erfolgreichen Onlinehändlers "Zalando" hervor gebracht hat. "Wir sind noch im Schock", sagte ein Hochschulsprecher, "er war unser größter Mäzen". 1993 hatte er für akademische Ausbildungszentrum künftiger Wirtschaftsführer 50 Millionen D-Mark gestiftet – ohne auf Inhalte Einfluss zu nehmen.

Ein großer Pionier des Handels

In Berlin ist der Unternehmer zudem durch das nach ihm benannten Otto Beisheim Center am Potsdamer Platz bekannt. In dem Gebäudekomplex, mit dem Beisheim 2004 auch seine Verbundenheit zur Hauptstadt zum Ausdruck bringen wollte, sind unter anderem die Hotels Ritz-Carlton und Marriott untergebracht. 450 Millionen Euro hatte Beisheim investiert. Die Vermietung allerdings lief zunächst schleppend.

Beisheim zählt als einer der Gründer der Metro zu den großen deutschen Handels-Pionieren. Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte er auf einer USA-Reise das Cash-and-carry-Prinzip (C&C) im Großhandel kennengelernt, bei dem Gastronomen, Hoteliers oder Kioskbetreiber ihre Ware selber im Großmarkt abholen und sofort bezahlen. Das war neu, in Deutschland lieferte der Großhändler noch und bekam sein Geld erst später.

Die Idee brachte Beisheim nach Deutschland und eröffnete 1964 zusammen mit der Handelsfamilie Schmidt-Ruthenbeck in Mülheim an der Ruhr den ersten Metro-Großmarkt. Ob Beisheim oder die Schmidt-Ruthenbecks nun den Namen erfanden, wurde nie zweifelsfrei geklärt.

Großzügige Einkaufsberechtigungen steigern den Umsatz

Die Großmärkte hatten schon damals bis 21 Uhr geöffnet, als Einzelhandelsgeschäfte um 18.30 Uhr schließen mussten. Einkaufen konnten hier nur Gewerbetreibende, also Wiederverkäufer. Eigentlich. Weil aber die Berechnungen zum Einkauf "in der Metro" sehr großzügig verteilt wurden, gehörten auch Endverbraucher zu den Kunden. Beisheim wird es recht gewesen sein, es trieb ja den Umsatz in die Höhe.

Er hatte zum richtigen Zeitpunkt das Geschäftskonzept ausgerollt, das seine Kunden haben wollten. "Mit seinem Konzept des Selbstbedienungshandels revolutionierte er ab Mitte der sechziger Jahre die ganze Branche und legte das Fundament für die heutige Metro Group", schwärmt der aktuelle Konzernchef Koch.

Tatsächlich erzielte die Metro mit dem neuen Konzept 1970 schon eine Milliarde D-Mark Umsatz, 1975 waren es schon drei Milliarden. Unter dem Namen "Makro" gab es auch Märkte in Holland, Österreich und Frankreich. 1994 gab Beisheim den Vorsitz im Verwaltungsrat der Metro-Holding an Jan van Haeften aus dem Hause Haniel ab. Metro kaufte zu Beisheims aktiven Zeiten unter anderem auch Kaufhof und Horten, sowie Saturn und die Anteile an Media Markt dazu. Kurz nach dem Börsengang 1998 schätzte das US-Magazin Forbes Beisheims Vermögen auf knapp sieben Milliarden US-Dollar.

Beisheim wurde Schweizer Staatsbürger

Beisheim war seit 1988 Schweizer Staatsbürger und hielt über seine Firmen unter anderem die Mehrheit an der Pelikan-Gruppe, eine Beteiligung am Fernsehsender, der später Pro Sieben hieß. Sogar in die Kette des Schönheitschirurgen Mang war er eingestiegen, in Hotels und in Leo Kirchs Filmfirma Constantin. Im Alter hatte er sich ein Gestüt in Irland gekauft – vor allem, weil seine Frau Karin Pferde so mochte. Sie starb deutlich vor ihrem Mann.

Spektakulär war 2005 die Rücknahme seiner bereits zugesagten Zehn-Millionen-Euro-Spende an das Gymnasium Tegernsee, das in "Otto-Beisheim-Gymnasium" umbenannt werden sollte. Als Lehrer der Schule rückhaltlose Aufklärung über die Rolle des berühmten und reichen Nachbarn im Zweiten Weltkrieg – insbesondere sein angebliches Engagement in der Waffen-SS und der "Leibstandarte Adolf Hitler" – forderten, zog Otto Beisheim die Geldzusage zurück. Später hieß, Beisheim habe in der Nazi-Elitetruppe nur "niedere Dienstgrade" bekleidet.

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