14.02.13

Neue Testmethode

15-jähriger Schüler revolutioniert die Krebsmedizin

Wunderkind Jack Andraka hat eine neue Methode zur Krebsfrüherkennung erfunden: 26.000 Mal günstiger, 90 Prozent zuverlässiger und 168 Mal schneller als jedes andere Verfahren. Jetzt lud ihn Obama ein.

Foto: Getty Images
Jack Andraka
Jack Andraka tüftelt, seitdem er 3 Jahre alt war. Seine Eltern gaben ihm einfach keine Antworten auf all seine Fragen, sondern meinten schlicht: "Finde es selbst heraus". Jetzt erfand er einen Teststreifen, der einige Krebsarten in Blut und Urin anzeigt

Da war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Da waren Minister, Senatoren und Abgeordnete. Und da war ein Knabe, gerade 16 Jahre alt geworden, der einen Großteil dieser Honoratioren durch sein Werk bereits in den Schatten stellt.

Als Barack Obama am Dienstag im Kongress seine Rede zur Lage der Nation hielt, saß unter den Ehrengästen in der Loge der First Lady auch Jack Andraka, der aus dem Biologieunterricht heraus die Krebsmedizin revolutionierte: Der Schüler aus Crownsville in Maryland erfand ein preiswertes und zudem sicheres Verfahren zur Früherkennung von Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- und Eierstockkrebs.

"Schon vor der Rede war die ganze Veranstaltung einfach fantastisch", schwärmte Jack mit ungekünstelter Begeisterung nach der Veranstaltung im Kapitol, die er im Gegensatz zu 33,5 Millionen Fernsehzuschauern vor Ort miterlebte. "Die Leute, der Raum, die Geschichte, alles zusammen machte diesen Moment fast unwirklich! Als Präsident Obama seine Rede hielt, war das wirklich bewegend. Ich habe viel gelernt über Politik."

Und im Interview mit "Forbes" lobte das Wunderkind noch, was aus seiner Sicht der Höhepunkt war: "Vor allem erinnere ich mich, dass ich aufsprang und klatschte zu seinen Bemerkungen zu Erfindungen in Wissenschaft und Medizin. Er hat's kapiert!"

Mit 15 den ersten großen Wissenschaftspreis

Jack hat es auf jeden Fall selbst kapiert. Im Mai vorigen Jahres, gerade vier Monate nach seinem 15. Geburtstag, hatte er den mit 75.000 Dollar dotierten Hauptpreis der Internationalen Wissenschafts- und Ingenieursmesse des amerikanischen Halbleiterherstellers Intel in Pittsburgh (Pennsylvania) gewonnen.

Auf YouTube gibt es Filme, die zeigen, wie der Teenager bei der Verkündung der Gewinner mit angespannter Miene im Publikum sitzt. Und dann mit gänzlich ungehemmter Begeisterung jubelnd und kreischend zur Bühne stürmt, als die Moderatorin nur die Siegerdisziplin "Medizin" nennt.

Da wusste Jack, dass er den renommierten Gordon-E.-Moore-Preis bekommen hatte, er lachte, weinte, gestikulierte und vorne ließ er sich auf die Knie fallen, sprang wieder auf, umarmte und drückte alle Umstehenden. Das lief jeder Freudenszene bei Oscar-Verleihungen den Rang ab und wirkte kein bisschen theatralisch.

Für einen Diabetes-Teststreifen hatte der Junge den Preis gewonnen, den man als Goldmedaille der Olympischen Erfinder-Spiele bezeichnen darf. Das Stückchen Papier erkennt das Protein Mesothelin, das bei Krebserkrankungen im Blut und Urin vorkommt.

"Findet es selbst heraus"

Schon als Dreijähriger war Jack zum Tüftler geworden. Die Eltern hatten ihm und seinem älteren Bruder einen Spielzeugbach geschenkt, gefüllt mit echtem Wasser, und die Jungs ließen alles hinein fallen, was sie in die Hände bekamen. Warum schwamm der eine Gegenstand, während der andere unterging? Der Vater, ein Bauingenieur, und die Mutter, eine Anästhesistin, beantworten diese Fragen nicht, sondern sagten: "Finde es selbst heraus."

Und Jack tat das. "Ich fand wirklich zur wissenschaftlichen Methodik, eine Hypothese aufzustellen, sie zu testen, ein Resultat zu bekommen und wieder von vorne anzufangen", sagte er in dem Interview.

Seit dem sechsten Schuljahr nahm er an Erfinderwettbewerben teil und gewann drei Goldmedaillen und eine Silbermedaille. Jack entwickelte Sicherheitsvorkehrungen für Staudämme und Verfahren zur Entdeckung von Toxinen im Wasser durch den Einsatz bestimmter leuchtender Bakterien.

Er bekam rund 200 Absagen

Ein tragisches Ereignis lieferte den Anlass für Jacks bislang wichtigste Erfindung. Ein Onkel starb an Krebs, der zu spät entdeckt worden war. Der Junge begann nach einer sicheren Diagnose zu forschen. Im Biologieunterricht an der North County High School entwickelte er "beim Ausspannen" die Lösung des Problems – und zwar durch das penible Auswerten vorliegender Studien und ein wenig Google-Recherche am Computer.

Doch ein Labor, in dem er seine These hätte überprüfen können, gibt es an der Schule nicht. 200 Professoren der medizinischen Fakultät der Johns Hopkins Universität in Baltimore und des renommierten National Health Instituts im nahen Washington schrieb Jack an mit einem Budgetplan und der Bitte, seine Erfindung in ihren Labors testen zu dürfen.

Rund 200 Absagen bekam er – bis einer der Johns-Hopkins-Professoren, der Onkologe und Biomolekularwissenschaftler Dr. Anirban Maitra, den Jungen zum Gespräch einlud. Der zu übersprudelnden Erklärungen neigende Schüler überzeugte den Professor, er ließ ihn in seinem Labor arbeiten.

Drei Cent kosten die Test-Materialien

Der von Jack entwickelte Teststreifen funktioniert ähnlich wie ein Filterpapier, ist aber getränkt mit einer Flüssigkeit mit Kohlenstoffnanoröhrchen. Diese Zylinder, deren Wände nicht dicker sind als ein einzelnes Atom, binden das Mesothelin und verändern sich dadurch geringfügig.

Drei Cent kosten die Materialien für seinen Krebstest, sagt Jack, und das sei 26.000-mal preiswerter als das gängige Nachweisverfahren, das auf der Erkennung von Antikörpern basiert (Elisa-Test). Der Test habe sich in 90 Prozent der Fälle als zuverlässig erwiesen. An dieses Resultat kommt keine andere Früherkennung heran. Zudem erfordere seine Innovation nur fünf Minuten Zeit und sei damit 168-mal schneller als jedes andere Verfahren.

Wie war es denn nun, als verdiente Ehrung für derartigen Forschungsgeist dem mächtigsten Mann der Welt persönlich zu begegnen?

"Es war zuerst etwas seltsam", sagt Jack in dem "Forbes"-Gespräch. "Ich bin so daran gewöhnt, ihn im Fernsehen zu sehen. Und dann, da war er! Direkt nach seiner Rede haben wir ein paar Minuten miteinander gesprochen. Es war fantastisch! Aber abgesehen davon, ihn überhaupt zu treffen, hatte er einige wirklich gute Fragen, die relevant sind für meine Arbeit."

Obama habe sich interessiert gezeigt, wie man "diese Arbeit vorantreiben kann, damit sie wirklich helfen kann für eine frühe und zuverlässigen Krebsdiagnose."

Jack Andraka – man darf sich den Namen merken.

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