14.02.13

Berlinale-Kritiken

Ach, diese Lateinlehrer kommen uns spanisch vor

Zu viel Zuckerguss, zu langweilig: Bille Augusts Bestsellerverfilmung "Night Train To Lisbon" enttäuscht. "Camille Claudel 1915" wirkt trotz Juliette Binoche einfach nur einschläfernd.

Quelle: Die Welt
13.02.13 4:28 min.
Beeindruckt sind die "Welt"-Kritiker vom bosnischen Wettbewerbsfilm über die traurige Realität einer Roma-Familie. Gelangweilt hat sie die Literaturverfilmung des "Nachtzug nach Lissabon".

"Night Train To Lisbon"

Ach, diese Lateinlehrer. Sitzen abends zu Hause bei einem Glas Wein und spielen mit sich selbst Schach. Wenn sie eine Frau auf der Brücke vor dem Springen bewahren, nehmen sie sie nicht etwa mit nach Hause oder in ein Café, sondern in ihren Unterricht. Und wenn diese Frau dann wegläuft, sucht man nicht etwa nach ihr, sondern liest das Buch, das sie zurückgelassen hat. Und fährt dann auch nicht wegen dieser Frau nach Lissabon, wo sie herkam, sondern wegen des Buches. Und dessen unbekannten Autor. Oder sind hier gar nicht die Lateinlehrer schuld? Sondern die Buchautoren, die sich so etwas ausdenken? Ach, diese Schriftsteller.

Wir müssen an dieser Stelle einmal vorausschicken, dass wir Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" gleich mehrmals geschenkt bekommen haben. Und mehrmals zu lesen begonnen, aber dann immer wieder aufgegeben haben. Wir haben es sogar, im vergangenen Jahr, bei unserem ersten Lissabon-Urlaub mit eingepackt, haben es aber auch da wieder nicht zu Ende gelesen – und einfach dort liegen lassen.

Hinterher erzählten uns mehrere Bekannte, dass es ihnen ganz ähnlich ergangen sei. Merciers Roman ist ein Bestseller, vielleicht ist es das meistverschenkte, meistverkaufte meist ungelesene Buch der vergangenen Jahre. Einer zumindest hat es gelesen: der Filmemacher Bille August. Denn der hat es verfilmt.

Bille August, für all die, die das nicht wissen sollten, ist spezialisiert auf Star- und auf Bestseller-Kino. Eine Bestselleradaption gilt als Nummer Sicher, ein Starfilm tut dies auch, ein Bille-August-Film ist sozusagen die Nummer Supersicher. Heiteres Star-Erraten, das bietet seine "Night Train on Lisbon"-Adaption. Und ist die Rolle noch so klein, guckt mal kurz ein Filmstar rein.

Die Liebe eines Revolutionärs

Bille August hat vor genau 20 Jahren Isabel Allendes "Geisterhaus" verfilmt. Und Merciers Buch ist so etwas wie das "Geisterhaus" auf portugiesisch. Es spielt fast zur gleichen Zeit, 1974 statt 1973, in einer anderen Diktatur, nicht während des Militärputsches in Chile, sondern unter Salazar in Portugal. Aber wieder ist es die Liebe eines Revolutionärs, die die Story in Gang hält. Und wieder spielt Jeremy Irons die Hauptrolle. So viele Déjà-vus: "Night Train to Lisbon" könnte man fast als "Geisterhaus 2" bezeichnen.

Die Geister stecken diesmal jedoch nicht in einem Haus, sondern in dem Buch dieses Amadeu de Prado, eines Arztes und Revolutionärs, der sich als Schriftsteller versucht hat, aber allzu früh kurz vor der Nelkenrevolution gestorben ist. Sein Buch nimmt den Schweizer Lateinlehrer Jeremy Irons derart in Beschlag, das er alles stehen und liegen lässt, selbst die Schüler in seiner Klasse, und, ohne auch nur einen Koffer zu packen, in den titelgebenden Nachtzug steigt. Um alles über den Mann zu erfahren, der hinter diesen Zeilen steckt.

Alle, die Amadeu gekannt haben und die der Lehrer nun aufsucht, scheinen aber etwas zu verbergen zu haben: die Schwester des Toten (Charlotte Rampling), der Pater, der ihn gelehrt hat (Christopher Lee), der Revolutionär, der an seiner Seite gekämpft hat (Tom Courtenay), ja selbst dessen einst bester Freund (Bruno Ganz), der dem Lehrer nicht nur jegliche Aussage, sondern, ach, auch ein Schachspiel verwehrt.

Bern im Regen ist natürlich allemal trister als Lissabon. Das sagen die Festivalbekannten aus Cannes oder Venedig auch über die Berlinale. Und kaum dort angekommen, werden natürlich alle wichtigen Touristenbilder der portugiesischen Hauptstadt in Postkartenbildern abgehakt, vom Castelo de Sao Jorge über den Ponte de Abril bis zu der Anhöhe zur Basílica di Superga mit der unvermeidlichen Tram-Linie. Alles Bilder, die wir vergangenes Jahr auch geschossen haben.

Dem Zufall bleibt hier nichts überlassen

Der Lateinlehrer aber hat gar kein Auge für die Schönheit der Metropole. Sondern nur für die Poesie der Vergangenheit. Und so hebt der Roman und der Film zu einem komplizierten Wechselspiel an zwischen Rahmenhandlung, in der der Lehrer auf Recherche geht, und Rückblende, in der Bruno Ganz wie August Diehl aussieht und sein Mädchen (Mélanie Laurent) an seinen besten Freund (Jack Huston) verliert. Der wiederum kommt als Arzt in seine größte Gewissensnot, als eines Nachts der Schlächter von Lissabon höchstselbst, der finstere aller Geheimdienstler, der all seine Freunde gnadenlos verfolgt, halbtot in seine Praxis gebracht wird. Der Arzt hilft natürlich – und wird fortan vom Volk als "Verräter" verhöhnt.

"Der wirkliche Regisseur unseres Lebens ist der Zufall", lautet eine der Zeilen, die dieser Amadeu de Prado in seinem Buch geschrieben hat. Daran hält sich der Filmregisseur Bille August indes keinen Augenblick. Dem Zufall bleibt hier nichts überlassen. Große, satt ausgeleuchtete Cinemascope-Bilder allenthalben, große Namen in kleinsten Parts, Klaviermusik, wann immer es romantisch, Violinen, wenn es dramatisch, und Trompeten, wenn es traurig wird.

Und doch: Beide Geschichten lassen einen seltsam unberührt. Die Rahmenhandlung, weil hier nur Gewesenes erzählt wird, die Rückblende, weil sie nur das Gesagte bebildert. Beide Handlungsstränge nehmen sich gegenseitig die Kraft. Das war schon eine Schwäche des Buchs, aber das Erzählen kann in einem zu einem eigenen Element werden, im Film ist es mehr eine Notklammer.

Zur Strafe 20 Lateinübersetzungen

Weil uns das Gehörte gezeigt und das Gezeigte gesagt, also alles überdeutlich vermittelt wird, hören wir nicht mehr so genau hin. Und gucken lieber auf Kleinigkeiten, die uns ärgern. Dass der Herr Lehrer keinen Koffer mitnimmt, aber seinem Handy nie der Strom ausgeht, zum Beispiel. Oder dass die deutschen Schauspieler wie Martina Gedeck und Burghart Klaußner, die wegen der Beteiligung von Studio Hamburg auch noch hier auftreten, alle Englisch mit starkem, aber eben nicht portugiesischem Akzent sprechen.

Das kommt uns spanisch vor. Und wenn der Lateinlehrer am Ende gar die Revolutionäre um ihr Leben beneidet – sie lebten zwar in einer Diktatur, lebten aber starke Gefühle – , möchte man den Weltfremden zur Strafe am liebsten schütteln. Oder 20 Lateinübersetzungen aufbrummen.

Auf den Straßen von Lissabon geht Jeremy Irons recht früh die Brille zu Bruch. Martina Gedeck verpasst ihm als Augenärztin nicht nur ein neues Gestell, sondern auch einen neuen Blick auf die Welt. Auch das ist eine Metapher, die im Film viel aufdringlicher wirkt als im Buch. Bille August aber hat dem Stoff seine Brille aufgedrückt. Er kann halt nicht anders, er muss alles mit großem Zuckergusskitsch überziehen. Das ist bei Liebesgeschichten okay, bei Revolutionsgeschichten aber doch immer ein wenig degoutant.

Peter Zander

"Camille Claudel 1915"

Eine Frau sitzt am Herd einer großen Küche und schaut einem Topf beim Kochen zu. Müde sieht sie aus. Im Topf ist Wasser, ein Ei und eine Kartoffel. Sie isst nur Ei und Kartoffel. Sie zu kochen ist ein Privileg. Sie hat Angst, vergiftet zu werden. Sie ist 51 Jahre alt. Vor zwanzig Jahren war sie auf dem besten Weg, die bedeutendste Bildhauerin aller Zeiten zu werden. Seit einem Jahr sitzt sie hier in der Anstalt zwischen schreienden Irren, die sie piesacken. Von Nonnen umstanden, von Ärzten verwahrt. 28 Jahre bis zu ihrem Tod wird das so bleiben.

Ihr Name ist Camille Claudel. Und sie fragt sich, warum sie hier drin sitzen muss zwischen all den Irren. Eine ähnliche Frage stellen wir uns auch, je länger Bruno Drumonts "Camille Claudel 1915" dauert.

Drumonts Film setzt ungefähr da ein, wo Bruno Nuyttens "Camille Claudel" aufhörte, für die Isabel Adjani auf der Berlinale 1989 den Silbernen Bären bekam. Da saß die Bildhauerin, Schülerin und Geliebte Auguste Rodins während der letzten halben Stunde im Kellerloch, zerstörte ihre Werke, wütete und dämmerte dem Wahnsinn entgegen, wurde gegen ihren Willen von Mutter und Bruder (dem Dichter Paul Claudel) in die Anstalt gebracht.

"Es ist langweilig hier drin"

Drumont erklärt nichts. Die Informationslage ist dürftig. Man sieht Juliette Binoche, was ausgesprochen interessant ist. Die Kamera folgt ihren Blicken, zeigt das Licht, wie es durchs Fenstergitter fällt, zeigt karge Flure, karge Landschaft, sieht Camilles Verzweiflung ausbrechen und sie in Agonie versinken. Das Kloster verlässt Drumont nur im Notfall. Musik gibt es gar keine. Hin und wieder weht ein Wind oder ein Vogel singt.

"Es ist langweilig hier drin", sagt der Arzt, als Paul Claudel, der geckenhaft Erleuchtete mit seinem albernen Auto zu Besuch ist. Das stimmt. Für die weggesperrte Bildhauerin in der Anstalt und für die Anwesenden in Drumonts Film. Nicht auszudenken, wenn er noch 28 Jahre dauern würde.

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