12.02.13

IOC-Sitzung

Funktionäre werfen Ringer aus Olympia-Programm

Überraschend hat die Exekutivkommission des Internationalen Olympischen Komitees die traditionsreiche Sportart verbannt. Im Ringer-Lager herrscht ein Schockzustand, andere reagieren erleichtert.

Foto: dpa

Harter Schlag für eine Traditionssportart: Ringen wird vermutlich 2016 letztmals olympisch sein
Harter Schlag für eine Traditionssportart: Ringen wird vermutlich 2016 letztmals olympisch sein

Am Dienstagmorgen war Manfred Werner noch recht entspannt. Beim Frühstück hatte er in seiner Zeitung einen großen Artikel über die bevorstehende Sitzung der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gelesen und war davon ausgegangen, dass seine Ringer nichts fürchten müssen beim Treffen der Funktionäre in Lausanne.

"Da stand überhaupt nichts davon drin, dass wir aus dem olympischen Programm fliegen", sagte Werner der Berliner Morgenpost. "Nichts, kein Hinweis. Auch von unserem Weltverband gab es keine Vorankündigung, dass es knapp werden könnte für uns."

Am Mittag dann war das Erstaunen beim Präsidenten des Deutschen Ringer-Bundes entsprechend groß. Die IOC-Exekutive hatte bei ihrer Sitzung die klassische Sportart völlig überraschend aus dem Programm für die Sommerspiele 2020 gestrichen und damit einen Schockzustand in der nationalen und internationalen Ringerbranche ausgelöst. "Wir sind die älteste Sportart überhaupt", sagte Werner. "Ich kann diese Entscheidung nicht ansatzweise nachvollziehen. Wenn wir eine Vorahnung gehabt hätten, wären sicherlich schon Lösungsvorschläge diskutiert worden. So aber stehen wir erst mal ratlos da."

Finanzielle Einbußen

Die Entscheidung der Exekutivkommission, die die IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires noch bestätigen muss – was aber als Formsache gilt – trifft den Deutschen Ringer-Bund auch deshalb hart, weil er die Sportart ins Abseits befördert. Zwar betreiben noch 68.000 Mitglieder in 480 Vereinen in Deutschland Ringen, aber eine Verbannung aus dem olympischen Programm würde auch zu erheblichen finanziellen Einbußen führen.

"Nicht mehr olympisch zu sein, bedeutet eine Abstufung für uns", so Werner. "Wie hoch die finanziellen Einbußen für den Verband sind, kann ich aber noch gar nicht sagen. Ich habe mich bislang damit ja auch gar nicht beschäftigen müssen."

In ihren Bewertungsrichtlinien hatte die IOC-Exekutive 39 Kriterien berücksichtigt und die Olympiatauglichkeit aller 26 bei den jüngsten Sommerspielen 2012 in London vertretenen Sportarten überprüft. Ursprünglich waren Fachleute davon ausgegangen, dass entweder der Moderne Fünfkampf oder Taekwondo auf der Abschussliste stehen würden, auch das zuletzt nach Skandalen eher schlecht beleumundete Badminton stand auf dem Prüfstand.

Dann traf es aber überraschend die Ringer. Sie hatten offenbar bei einigen wichtigen Punkten wie Fernsehquoten, Ticketverkauf, weltweite Verbreitung, Popularität und Engagement im Antidopingkampf hinter den anderen Sportarten rangiert. Nach aktuellen Stand werden die Ringer nun 2016 bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro letztmals olympisch vertreten sein.

Kein vorzeitiger April-Scherz

Dabei blicken gerade die Ringer auf eine beeindruckende Historie zurück. Schon im antiken Olympia waren sie vertreten, seit den ersten Spielen der Neuzeit 1896 zählte Ringen stets zu den festen Programmpunkten. Auch in London fanden die Kämpfe großen Anklang. "Die Halle war voll, wir hatten eine Klassestimmung und haben packende Zweikämpfe gesehen", erinnert sich Alexander Leipold, der inzwischen demissionierte Bundestrainer.

"Wir sind ein taktisch, technischer Zweikampfsport, der es nicht zum Ziel hat, den Gegner zu verletzen. Gerade in der Gewaltprävention ist diese Sportart so wertvoll. Ringen ist Schach auf der Matte." Deswegen habe er die Entscheidung der Funktionäre zunächst auch nicht glauben wollen. "Ich dachte erst, das ist ein vorzeitiger April-Scherz. Immerhin reden wir hier von der traditionsreichsten Sportart der olympischen Geschichte." In London waren noch 344 Athleten gestartet.

Sollte Ringen 2016 letztmals olympisch vertreten sein, dürfte es für den deutschen Verband erhebliche Probleme bei der Nachwuchsförderung geben. Mühsam habe Deutschland zuletzt wieder den Anschluss an die Weltspitze gefunden, so Leipold. Das Niveau sei nun schwierig zu halten. "Für einen Sportler ist es das Größte, Olympia zu erreichen. Doch wir dürfen jetzt nicht aufgeben, wir sind Kampfsportler."

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