10.02.13

"Lyubov Orlova"

Alle hoffen, dass das Ratten-Schiff endlich sinkt

Die führerlose "Lyubov Orlova" treibt mit Ratten an Bord im Atlantik. Wo immer das ehemalige Kreuzfahrtschiff strandet – es wäre Pech für das jeweilige Land. Verantwortung übernehmen will keiner.

Von Angelika Bucerius
Foto: UIG via Getty Images

Das ehemalige Kreuzfahrtschiff „Lyubov Orlova“ dümpelt ohne Crew und voller Ratten durch den Nordatlantik.

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Schlaflose Nächte – darunter litt die russische Schauspielerin und Namensgeberin des seit Ende Januar führerlos im Nordatlantik treibenden ausgemusterten Kreuzfahrtschiffs "Lyubov Orlova". Das 1976 in Jugoslawien gebaute Expeditionsschiff mit Eisklasse – und damit dafür geeignet, in den Eisregionen von Antarktis und Arktis zu fahren – sollte zur Verschrottung von St. John's in Kanada in die Dominikanische Republik geschleppt werden.

Eine Mannschaft war nicht mehr an Bord, als sich das Schiff noch vor der Küste Kanadas am 23. Januar 2013 in stürmischer See vom Verbindungsseil des Schleppers losriss. Angesichts des hohen Wellengangs sei es nicht möglich gewesen, die "Lyubov Orlova" wieder an den Haken zu nehmen, hieß es von offizieller Seite.

Laut kanadischen Medienberichten sicherte das Versorgungsschiff "Atantic Hawk" am 31. Januar das führerlose Schiff, da es als potenzielle Bedrohung der Bohrinseln eingeschätzt wurde. So gelang es, die "Lyubov Orlova" von Ölplattformen vor der Küste fernzuhalten.

Angeblich keine Bedrohung mehr

Am 4. Februar entschied Transport Canada, die zuständige kanadische Behörde, das schrottreife Expeditionsschiff wieder vom Haken zu lassen. Die Behörde begründete die Entscheidung damit, dass die "Lyubov Orlova" keine Bedrohung mehr für die Sicherheit der Offshore-Öl-Anlagen, deren Personal oder die Meeresumwelt darstelle.

Genau zu dem Zeitpunkt war das Schiff jenseits der 200-Meilen-Zone gelangt und somit in internationale Gewässer. Greenpeace-Sprecher Jörg Feddern bezeichnete es als Skandal, dass die kanadische Behörde das Schiff sich selbst überlassen habe.

"Auf hoher See fühlt sich keiner verantwortlich", kritisiert Feddern. Das Schiff ist zwar manövrierunfähig, sendet aber noch immer Positionsdaten. Inzwischen sollen Tausende Ratten das Schiff bevölkern und sich offenbar hervorragend ernähren – wahrscheinlich vom Restöl an Bord.

"Keine dramatischen Szenarien"

Zur Panik sieht Olaf Mager, Pressesprecher der Germanischen Lloyd (GL), keinen Anlass. "Man muss keine dramatischen Szenarien entwickeln", so Mager. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass Kreuzfahrt- oder Handelsschiffe mit der "Lyubov Orlova" auf hoher See unverhofft zusammenstoßen.

"Gute Seemannschaft, richtig eingestellter Radar und entsprechende Routenplanung werden dafür sorgen, dass es zu keiner Kollision kommt", sagt Mager. Zudem seien die Besatzungen an Bord durch die Medienberichterstattung zusätzlich sensibilisiert.

Auch Gefahren einer Ölverschmutzung durch leckgeschlagene Tanks schätzt der GL-Sprecher als unwahrscheinlich ein: "Da wird nicht mehr viel Treibstoff an Bord sein." Bevor ein Schiff mit einem Schlepper zum Verschrotten abtransportiert werde, stelle in der Regel die Behörde sicher, dass die Tanks möglichst leer seien.

Denn vor der eigenen Küste ist jedes Land darauf bedacht, keine Umweltkatastrophe verantworten zu müssen. Dieses Verantwortungsbewusstsein scheint indes innerhalb weniger Zentimeter zu schwinden – dann nämlich, wenn eine potenzielle Gefahrenquelle die 200-Meilen-Grenze überquert. Denn, so meinte auch Mager, aufgrund des Alters des Schiffes sei es nicht ausgeschlossen, dass es mit umweltschädlichen Substanzen gebaut worden sei.

Irland könnte den Schwarzen Peter bekommen

Über mögliche Umweltschäden wollte auch der Greenpeace-Sprecher nicht spekulieren, da unbekannt sei, wie viel Treibstoff sich noch an Bord befinde und welche Giftstoffe es transportiere. Wenn das Schiff nicht vorher untergehe oder doch noch abgeschleppt werde, habe das Land den Schwarzen Peter gezogen, in dessen Hoheitsgewässer es gerate. Denn dann ist die Regierung gemäß internationalem Abkommen dazu verpflichtet zu handeln. Derzeit treibt die Strömung das Schiff auf Irland oder Schottland zu.

Die "Lyubov Orlova" lag bereits seit 2010 im Hafen von St. John's. Ein iranischer Geschäftsmann erwarb das ausrangierte Schiff im Februar 2012 zu einem Schrottwert von 275.000 Dollar. Ihm gehört es weiterhin – allerdings wird eine Rettungsaktion teurer sein, als er durch den Verkauf von wiederverwendbarem Schrott verdienen könnte.

Aus der Verantwortung entlassen werden dürfe der Eigentümer aus Sicht des Verbands Deutscher Reeder (VDR) nicht. VDR-Sprecher Christof Lauer betonte: "Unabhängig von der Frage, in welchen Gewässern sich ein Schiff befindet, ist zunächst der Eigentümer für sein Schiff verantwortlich." Dies schließe auch die Haftung für Umweltschäden ein.

Für alle scheint die einfachste Lösung zu sein, wenn die "Lyubov Orlova" irgendwo mitten im Nordatlantik sinkt.

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