06.02.13

Sicherheit im Internet

Die Wächter des Internets

Wie man das persönliche Image im Netz polieren lassen kann

Von Sören Kittel
Foto: Massimo Rodari

Kristian Skobic, 41, in seinem Büro am Kurfürstendamm. Mit seiner Firma Webreputation versucht er, Informationen über Firmen online positiv zu beeinflussen
Kristian Skobic, 41, in seinem Büro am Kurfürstendamm. Mit seiner Firma Webreputation versucht er, Informationen über Firmen online positiv zu beeinflussen

Da gibt es einen Berliner, der davon lebt, andere zu beraten. Sein Name ist auch der Name seiner Firma, im Internet gibt es eine Adresse, die so heißt wie er, also "www.thomas-mehfert.de". Dort gibt es ein schönes Foto von ihm im Anzug, mit Schlips, und eine beeindruckende Liste von Kunden, Firmen in Asien, Amerika und ganz Europa.

Nun kommt ein missgünstiger Konkurrent von Herrn Mehfert auf die Idee, ihm eine Mitgliedschaft bei Scientology anzudichten. Es gibt keine Beweise dafür, Mehfert war nie bei der Organisation Mitglied.

Aber wer bei Google "Thomas" und dann die Buchstaben "Me" eingibt, bekommt vorgeschlagen: "Thomas Mehfert Scientology". Der Ruf des Mannes steht auf dem Spiel – und damit seine Karriere. Für Menschen wie ihn, deren Geschäft eng mit ihrem guten Namen zusammenhängt, wie auch bei Schauspielern, Medienvertretern oder Politikern, ist der Ruf entscheidend. Im Internet allerdings ist es nur eine Verbindung von Buchstaben. Letztlich von Nullen und Einsen. Alles ist Information, alles ist im Fluss.

Daten, die nicht gelöscht werden können

Dieser Fall ist genau so passiert in Berlin, auch wenn der Mann nicht Thomas Mehfert hieß. Er ist ein Beispiel dafür, warum es gut ist, dass es den "Safer Internet Day" gibt, einen Tag, an dem es um den sicheren Umgang mit dem weltweiten Netz von Milliarden vernetzten Computern, Servern und letztlich: Menschen geht.

Information kann Leben retten – und zerstören. Die Verbraucherzentralen warnen an diesem Tag regelmäßig davor, mit den eigenen Daten nicht zu locker umzugehen, sie auch vor anderen zu schützen. Experten weisen an diesem Tag im Februar darauf hin, dass Passwörter komplizierter sein müssen als "123456" oder der Name des Ehepartners.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat zudem am Dienstag eine schnelle Einigung auf strenge europaweite Datenschutzregeln gefordert. "Die Auswertung personenbezogener Daten fordert klare Grenzen", sagte sie. Doch das Netz mit seinen – grob geschätzt – rund 50 Billionen Webseiten ist eben schwer zu überwachen. Bei vier Milliarden YouTube-Aufrufen jeden Tag verlieren die Betreiber selbst die Übersicht. Und noch schwieriger ist es, eine gesendete Information wieder aus dem Netz herauszubekommen.

Das schafft für den Nutzer ganz neue Probleme. Da geht es um Fotos, die nur privat verbreitet werden sollten, da gibt es Filme, die niemanden etwas angehen und plötzlich allen zur Verfügung stehen, und es gibt Texte, die Unwahrheiten verbreiten und trotzdem nicht gelöscht werden können. Weil das Internet vor allem Informationen sammelt und nur schlecht vergisst.

In Indonesien kam vor drei Jahren ein Popstar ins Gefängnis, weil schlüpfrige Videos von ihm im Netz auftauchten, in Großbritannien klagt der ehemalige Sportfunktionär Max Mosley gegen die Verbreitung intimer Videos und Fotos und in Deutschland bekam vor zwei Jahren die Gattin des damaligen Bundespräsidenten Probleme, weil Gerüchte über ihr Vorleben auftauchten, die nie bestätigt wurden, aber eben nicht gelöscht werden konnten.

Gerüchte beseitigen wird teuer

In den vergangenen Jahren hat sich deshalb ein spezieller Berufszweig entwickelt, der sich nur darum kümmert, diese Information im Internet zu lenken. Es sind Firmen wie "Dein Guter Ruf", denen Thomas Mehfert einen Auftrag erteilen kann.

Es gibt den Berliner Anwalt Cornelius Renner, der sich auf Medienrechtsfragen spezialisiert hat und zu dem Thema auch an der Humboldt-Universität Seminare leitet. Und es gibt Kristian Skobic, den Mitgründer von Webreputation, einer Firma, die sich ebenfalls auf den guten Ruf spezialisiert hat.

Skobic hat sein Büro am Kurfürstendamm. Der 41-Jährige kennt diese Fälle, er hat immer wieder mit ihnen zu tun, wenn auch eher auf der Ebene von Firmen. Er meint, dass viele ein falsches Bild vom Umgang mit dem Internet haben. "Es gibt keinen Radiergummi im Netz", sagt er.

Dieses Bild, dass manchmal in Werbekampagnen auftauche, das zeige, dass man etwas löschen könne, sei grundsätzlich falsch. "Ich sehe meinen Beruf eher als den eines Schaufenstergestalters." Das Internet kann den ersten Eindruck von einer Firma oder einem Menschen stark beeinflussen.

Es sei zwar nicht unmöglich, etwas für immer zu löschen, aber er rate meist dazu, die unerwünschte Information mit vielen positiven zu übertrumpfen. "Wir kümmern uns nicht um die Beule am Auto", sagt er über seine Firma, "sondern eher darum, dass das Auto einfach gut fährt und das Ziel erreicht."

Es passiert ganz automatisch

Kristian Skobic ist derjenige, der dem Berliner Unternehmensberater Thomas Mehfert helfen konnte, auch wenn das ein langer Prozess war. Er hat über Wochen verschiedene Webseitenbetreiber angeschrieben, er hat um Löschung von Artikeln gebeten, er hat neue Webseiten aufgesetzt, die mehr Informationen über den Berater enthielten, und hat die Technik des Internets und der Suchmaschine Google auf diese soweit "manipuliert", dass man jetzt zumindest "Thomas Mehfert Sc…" eingeben muss, bis in der Suchmaske der Vorschlag mit Scientology auftaucht.

Der Fall von Thomas Mehferts Scientology-Gerücht ist einer, der für die Image-Experten typisch geworden ist. "Wir haben schon häufig genau solche Fälle bearbeitet", sagt Christian Keppel von "Dein Guter Ruf" aus Essen. Es kann bedeuten, dass manchen eine Scientologie-Mitgliedschaft angedichtet wird, manchmal aber auch nur, dass in einem Forum jemand die Frage geäußert hat, ob Thomas Mehfert dort aktiv sei.

Wenn diese Internetseite eine mit vielen Besuchern ist, kann es passieren, dass Suchmaschinen wie Google diese beiden Informationen zusammen anzeigen. Das passiert ganz automatisch, kein böser Wille, aber schwer rückgängig zu machen. Eine einfache Löschung gibt es bei "Dein guter Ruf" schon für rund 30 Euro.

"In diesem Fall", sagt Keppel zu dem Thomas-Mehfert-Problem, "ist es wahrscheinlich eher ein langwieriger Prozess." Das könne bis zu einem Jahr dauern, manchmal auch darüber hinaus. "Sollte der Fall eine intensive Betreuung erfordern, kann es schon sein, dass der Kunde zwischen 400 und 1000 Euro im Monat bezahlen muss."

Bei Bloggern rät Renner zur Vorsicht

Es kann also teuer werden, dem Internet Information zu entziehen. Eine Berliner Schauspielerin hat monatelang 4000 Euro bezahlt, um Nacktfotos von sich nicht mehr online zu sehen. Sie ist vor einigen Jahren Mutter geworden und wollte ihre Kinder davor schützen, auf dem Schulhof auf die Jugendsünden der Mutter angesprochen zu werden. "Es wurden einfach immer mehr", sagte sie der Berliner Morgenpost.

"Manchmal war es nicht einmal mein Körper, sondern nur mein Gesicht, dass auf den Körper digital aufgesetzt wurde." In solchen Fällen kann es Sinn machen, einen Anwalt einzuschalten. Medienanwalt Cornelius Renner, der in seinem Büro am Gendarmenmarkt in Mitte sitzt, bemerkt zumindest, dass sich gerade viele Jura-Studenten an der Humboldt-Universität mit dem Thema auseinandersetzen und später in diesem Bereich arbeiten wollen.

"Es ist ein großes Feld", sagt er, "das sich in den kommenden Jahren noch weiter entwickeln wird." Er weiß aber auch, dass es nicht immer der beste Weg ist, mit dem Rechtsweg zu drohen, wenn im Internet eine Unwahrheit auftaucht. "Man kann auch nicht in jedem Fall eine Abmahnung schreiben", sagt er. Es gebe Fälle, in denen Internetanbieter erst haften, nachdem sie von einem Rechtsverstoß wissen.

Hier bitte er zunächst darum, die Information zu löschen. Sollte dieser freundlichen Aufforderung nicht Folge geleistet werden, kann ein Gerichtsverfahren drohen. Bei Bloggern rät Renner zur Vorsicht. "Es kann sein, dass dieses Anwalts-Schreiben online gestellt wird, vielleicht noch von Bloggern verlinkt wird, und sich das Problem verschlimmert." Häufig geht es schließlich um Grenzbereiche: Was ist Meinungsäußerung, wo beginnt die Schmähkritik, die wissentliche Lüge?

Der "Barbra-Streisand-Effekt"

Diesen Fall nennt man "Barbra-Streisand-Effekt". Die US-Schauspielerin und Sängerin hatte im Jahr 2003 ein Foto ihres Wohnhauses auf einer Internetseite wiedergefunden und versucht, 50 Millionen Dollar Schadenersatz zu erstreiten. Erst dadurch aber wurde das Foto bekannt – und verbreitete sich nach dem Schneeballprinzip, oder "viral", wie es heißt.

Ähnlich erging es vielen Prominenten, die versuchten, gegen Information im Netz vorzugehen, zuletzt dem Papst, der 2012 gegen das Cover der Satirezeitschrift "Titanic" klagte. Am Ende zog die Katholische Kirche die Klage zurück und die Zeitschrift hatte an Aufmerksamkeit und Leserschaft gewonnen. Doch das hilft Thomas Mehfert nicht, der einfach eine Unwahrheit nicht mit seinem Namen bei Google verknüpft haben will.

Der Anwalt Cornelius Renner hält die Haltung von Google zumindest für fragwürdig. "Auf der einen Seite darf Google diese Vervollständigungs-Funktion anbieten", sagt er, das sei tatsächlich ein Teil des legalen Geschäftsmodells. Das Problem beginne für ihn aber dann, wenn Google davon erfährt, dass es sich hier um eine Unwahrheit handele.

"Wenn Google von einer Rechtsverletzung in Kenntnis gesetzt wird und nicht reagiert, verletzt das Unternehmen das Persönlichkeitsrecht." Im Anwaltsdeutsch heißt das: Ab Kenntnisnahme müsste es gelöscht werden können. Sonst könnte jeder etwas Schlechtes über andere behaupten und leicht deren Ruf auf zumindest lange Zeit zerstören. "Diese Löschungspflicht", sagt Renner, "ist für Google auch nicht unzumutbar."

Dem Internet das Vergessen beibringen

Die gute Nachricht an diesem Safer Internet Day ist also: Fehler oder Unwahrheiten sind im Internet zwar schwierig rückgängig zu machen, aber können durch viele gute Nachrichten aufpoliert werden. Einig sind sich die drei Online-Experten in nur einer Angelegenheit: Jeder Fall hat eine individuelle beste Lösung. Diese komplizierten Zusammenhänge in ein juristisches Korsett zu zwängen, bleibt schwierig bis unmöglich.

Ein fahles Gefühl bleibt nur zurück, wenn man einmal die Namen "Paris Hilton" oder "Pamela Anderson" in die Suchmaschine eingibt. Da wird nichts ergänzt, nichts vorgeschlagen. Offenbar hat es da doch irgendjemand geschafft, dem Internet das Vergessen beizubringen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Papua-Neuguinea Vulkan spuckt Feuer, Asche und Gestein
Germanwings Viele Verspätungen durch den Piloten-Streik
Zweites Baby Shakira ist schon wieder schwanger
Uefa-Auszeichnung Cristiano Ronaldo ist Europas Fußballer des Jahres
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Hochzeit in Frankreich

Pitt und Jolie sind verliebt, verlobt – und verhei…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote