04.02.13

Flughafen BER

Ein unbequemer Technikchef legt sich mit allen an

Horst Amann, Technikchef des Flughafens BER, hat bei den Politikern Sympathien verspielt. Seine erste große Schlacht hat er zwar verloren – doch könnte er am Ende der große Gewinner sein.

Von Viktoria Solms
Foto: picture alliance / dpa

Horst Amann, Technik-Chef des Berliner Flughafens BER. Er soll den Airport an den Start bringen
Horst Amann, Technik-Chef des Berliner Flughafens BER. Er soll den Airport an den Start bringen

Abends ist es in Berlin leicht, die wirklich wichtigen von den unwichtigen Akteuren zu unterscheiden. Tagsüber kann sich jeder in eine schwarze Limousine setzen und vorfahren. Doch abends, auf den Partys und Empfängen der Hauptstadt, zeigt sich, wer tatsächlich eine Rolle spielt oder nur Statist ist.

Man erkennt es an dem Menschenknäuel, das sich um einen bildet. Horst Amann ist ein Garant für so ein Knäuel. Dafür muss er sich nicht mal anstrengen. Auf Feiern der Luftfahrtindustrie steht er nicht da, wo man gesehen wird, sucht nicht die Nähe zu den Firmenchefs und Staatssekretären. Er geht auch nicht herum und schüttelt Hände. Amann drückt sich irgendwo am Rand herum. Sie kommen sowieso alle zu ihm.

Horst Amann wurde nach Berlin geholt, um den Flughafen zu retten. Anderen hätte diese Aufgabe schon gereicht. Doch Horst Amann ist ehrgeizig, er wollte mehr. In gewisser Weise wurde er von den Politikern darin sogar bestärkt.

Was Horst Amann sagte, wurde nicht infrage gestellt. Es galt als Gesetz. Hätte man ihm die Leitung der gesamten Flughafengesellschaft angeboten, er hätte sie sicherlich angenommen.

Aber auch der frühere Frankfurter Flughafenchef Wilhelm Bender wird nach Aussage von Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) nicht Flughafenchef in Berlin. "Bender steht zur Verfügung, uns für das Projekt zu unterstützen, aber nicht als CEO" (Vorstandschef), sagte der brandenburgische Regierungschef und Flughafenaufsichtsratsvorsitzende Platzeck in Potsdam. In welcher Form Bender das Projekt unterstützen wird, ließ Platzeck offen.

Technikchef seit August

Gescheitert ist Horst Amann nicht an der defekten Brandschutzanlage oder falsch verlegten Kabeln, sondern an den Strippenziehern in der Politik. Denen wurden seine Ambitionen schlicht zu viel.

Nun sieht es so aus, als ob Horst Amann seine erste große Schlacht verloren hätte. Aber das ist nur bedingt richtig. Denn langfristig könnte er als großer Gewinner aus dem Flughafenprojekt BER hervorgehen.

Seit August vergangenen Jahres ist Horst Amann Technikchef des Flughafens BER. Doch richtig in Berlin angekommen ist er erst am 4. Januar. An dem Tag schrieb er einen Brief an die Gesellschafter des Flughafens und sagte den Eröffnungstermin ab.

Mit der Nachricht hat er zwar keinen überrascht. Seit Monaten wurde nicht mehr darüber spekuliert, ob, sondern nur noch, wann der Start verschoben wird. Doch die Art, wie er die Nachricht überbrachte, löste in Berlin ein Beben aus, das den Regierenden Bürgermeister den Vorsitz des Aufsichtsrats kostete und beinahe zu Neuwahlen geführt hätte.

Amann schreibt einfach einen Brief

Er informierte nämlich nicht als Erstes den Aufsichtsrat. Er überbrachte die schlechte Nachricht den Gesellschaftern auch nicht mündlich in einer Sitzung, sondern schickte einen schnöden Brief.

Damit hat Amann in sechs Monaten geschafft, wofür der mittlerweile geschasste Flughafenchef Rainer Schwarz mehrere Jahre brauchte. Er hat es sich mit der Mehrzahl der Gesellschafter verdorben. Diese wollten zwar einen Mann, der Klartext spricht. Aber sie hatten Angst, dass er ihnen zu mächtig wird.

Spätestens jetzt muss Amann klar geworden sein, worauf er sich in Berlin wirklich eingelassen hat. Dass es nicht einfach nur darum geht, ein Milliardenprojekt zum Erfolg zu bringen. Von seiner Leistung hängen politische Karrieren ab. Und das lassen ihn die Beteiligten jetzt auch spüren.

Zerstörtes Vertrauen

In der Berliner Senatskanzlei ist es schwierig geworden, jemanden zu finden, der sich noch lobend über Amann äußert. Für Klaus Wowereit (SPD) war Horst Amann einmal der Beste, den sie für den Job des Technikchefs kriegen konnten. Das dürfte sich mittlerweile anders anhören.

Und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) soll den Technikchef angewiesen haben, unter den Mitarbeitern "Gräben zu schließen", um die schlechte Stimmung im Unternehmen nicht noch mehr anzuheizen.

Allein der Bund ist nach wie vor vollauf zufrieden mit seiner Leistung. Nach Ansicht von Staatssekretär Rainer Bomba aus dem Bundesverkehrsministerium mache "Horst Amann einen großartigen Job." Er habe sein "vollstes Vertrauen".

Dabei ist es genau diese enge Verbindung mit dem Bund, die den Verantwortlichen in den Landesregierungen von Berlin und Brandenburg zunehmend auf die Nerven geht. Sie bestand nicht von Anfang an, baute sich erst langsam auf.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hatte schneller als die anderen Gesellschafter verstanden, dass er bei dem verkorksten Projekt nur mit der Flucht nach vorne gewinnen kann.

Ramsauers "Soko BER"

Nach der Absage der für Juni 2012 geplanten Eröffnung warf er den Managern vor, dass sie es hier mit einem Großflughafen und "nicht mit dem Bau einer Pommes-Bude" zu tun hätten. Damit düpierte er Klaus Wowereit und Matthias Platzeck.

Dass der Bund mit Rainer Bomba und Staatssekretär Werner Gatzer aus dem Finanzministerium ebenfalls Vertreter im Aufsichtsrat sitzen hat, ging in der Debatte weitgehend unter.

Ramsauers Coup war allerdings die "Soko BER". Unter der Leitung von Staatssekretär Michael Odenwald soll sie sich seit vergangenem Sommer um den aktuellen Flugverkehr in Tegel und Schönefeld kümmern und gleichzeitig die Vorgänge am BER aufklären.

Die Soko und Amann arbeiteten sich dabei indirekt gegenseitig zu. Denn Amann verbrachte die ersten Monate damit, sich auf der Baustelle einen Überblick zu verschaffen. Dabei soll er regelmäßig mit dem damals noch amtierenden Flughafenchef Rainer Schwarz aneinandergeraten sein. Die Soko wiederum nutzte Amanns Erkenntnisse, um damit gegen Schwarz zu feuern.

Zunächst war Amann der Held

Horst Amann war damals noch der unbestrittene Held. Er deckte die falsch verlegten Kabel auf und wies die Arbeiter an, auf der Baustelle auch mal einen Besen in die Hand zu nehmen. Wer die Baustelle besuchte, sah gleich, dass Amann hier für Ordnung sorgte.

Dass er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Manfred Körtgen in klaren, direkten Sätzen sprach und keine verschwurbelten Technikdetails zum Besten gab, machte ihn vertrauenswürdig. Amann hatte zu der Zeit freie Hand. Er holte neue Ingenieure und Manager nach Berlin. Im Dezember fiel ihm auf, dass er für den Weiterbau 250 Millionen Euro zusätzlich braucht. Die Gesellschafter gewährten es ihm notgedrungen. Etwas anderes blieb ihnen auch nicht übrig.

In der Zeit muss Amann der Gedanke gekommen sein, dass er vielleicht auch gleich ganz die Leitung der Flughafengesellschaft übernehmen könnte. Auf der Baustelle in Schönefeld war er sowieso sein eigener Herr. Rainer Schwarz hatte sich in seinen letzten Wochen als Flughafenchef weitgehend in seinem Büro verbarrikadiert.

Der Bund war fein heraus

Ob ihn der Bund bei dieser Idee noch zusätzlich angestachelt hat, ist die große Frage. Unmittelbar nach der jüngsten Terminabsage kam das Gerücht auf, Horst Amann habe mit dem Verkehrsministerium einen Deal eingefädelt – was man dort entschieden abstreitet. Als Amann allerdings klar wurde, dass der Eröffnungstermin im Oktober 2013 nicht mehr zu halten war, schrieb er an die drei Gesellschafter einen Brief, den er ihnen per Boten zustellen ließ. Die Nachricht sickerte durch und blamierte erneut Wowereit und Platzeck.

Etwas anders wäre die Terminabsage in der Öffentlichkeit angekommen, wenn Amann als Erstes Wowereit informiert und ihn gebeten hätte, die Mitglieder des Aufsichtsrats zu einer Sondersitzung zusammenzutrommeln. Dann hätte Rainer Bomba neben Wowereit und Platzeck vor der Presse stehen müssen. Doch so, wie es stattdessen gelaufen ist, war der Bund fein heraus. Mal wieder.

Obwohl der Bund zu ihm hält, sind Amanns Chancen, Chef der Flughafengesellschaft zu werden, derzeit gering. Und daran ist er zu einem gewissen Teil auch selbst schuld. Matthias Platzeck nahm neulich an einer Mitarbeiterversammlung in Schönefeld teil.

Platzeck erntet nur Schweigen

Als neuer Chef des Aufsichtsrats wollte er sich selbst ein Bild von der Stimmung dort machen. Etwas mehr als 200 Leute versammelten sich in dem Raum, berichtete ein Teilnehmer hinterher. Platzeck redete etwa eine Viertelstunde und forderte die Leute auf, Fragen zu stellen. Doch sie blieben stumm, wirkten wie paralysiert. Platzeck hatte wohl mit allem gerechnet. Mit Zorn und Unmut. Aber nicht mit Schweigen.

Anschließend soll er Amann angewiesen haben, die Leute nicht mehr vor den Kopf zu stoßen, sondern zu motivieren. Ob das Amann, der eher für seine aufbrausende Art bekannt ist, leichtfallen wird, ist fraglich.

Allerdings wäre dies sogar für den sanftmütigsten Menschen eine schwer zu lösende Aufgabe. Amann muss richten, was andere vor ihm verbockt haben. Dabei kann er nicht um die Sache herumreden, sondern muss die Probleme klar benennen.

Aber wie soll man Mitarbeitern schonend beibringen, dass ihre Arbeit der vergangenen Jahre Murks war? Dass sie Kabel falsch verlegt, Bäume falsch gepflanzt und Pläne falsch gezeichnet haben? Hier prallen automatisch zwei Fronten aufeinander, die keine Freundschaften mehr zulassen.

Missstände aufgedeckt

Horst Amanns Fehler war, dass er die Politiker beim Wort genommen und genau das gemacht hat, was von ihm erwartet wurde. Er hat die Probleme aufgedeckt und angesprochen. Die Zustände auf der Baustelle bezeichnete er als "gravierend, fast grauenhaft". Das nehmen ihm einige der Verantwortlichen rund um den BER nun übel.

Doch wer Amann abends auf Veranstaltungen beobachtet, dem fällt es schwer zu glauben, dass er am BER alle Mitarbeiter verprellt haben soll. Mit einem Bierglas in der Hand prostet Amann auf solchen Empfängen ehemaligen Kollegen zu, die ihn noch aus Frankfurt kennen.

Dort hat er die umstrittene Landebahn Nordwest durchgesetzt. Ärger ist er daher gewohnt. Wäre er dabei tatsächlich so unbeliebt gewesen, wie manche in Berlin nun streuen, würden sie wohl kaum zu ihm kommen, um zu erfahren, wie es ihm in der Hauptstadt denn so geht.

Derzeit sieht es ganz danach aus, als ob Horst Amann bald Gesellschaft aus seiner hessischen Heimat bekommen würde. Der ehemalige Chef des Frankfurter Flughafens, Wilhelm Bender, ist Favorit für den Chefposten. Die beiden kennen sich gut, da sie schon einmal eng zusammengearbeitet haben.

Amann ist Gegenwind gewohnt

Als Bender Fraport-Chef war, führte Amann als Bauleiter den Ausbau des Frankfurter Flughafens durch. Auch dieses Projekt lief nicht reibungslos, da die Anwohner heftig gegen die neue Landebahn protestierten. Vor drei Jahren ging Bender in den Ruhestand.

Sollte der 68-Jährige jetzt die Aufgabe in Berlin übernehmen, wäre das sicher nur ein Posten für die Übergangszeit. Amann könnte sich währenddessen ganz und gar auf die Baustelle konzentrieren, Bender den Flughafen an den Start bringen und dann abtreten.

Und wenn es bis dahin gut gelaufen ist, könnte Horst Amann am Ende doch noch als Sieger dastehen. In Berlin wäre das nicht ungewöhnlich.

Quelle: DWTV
11.01.13 5:32 min.
Es sollte das Prestige-Projekt für Berlin und seinen regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit werden: der neue Flughafen BER. Doch jetzt wird der Start erneut verschoben.
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