21.01.13

Psychologie

Wann Selbstgespräche krankhaft werden

Jeder redet mal mit sich selbst. Denn der Dialog mit uns selbst hilft beim Konzentrieren und Lernen. Doch manchmal können Selbstgespräche auch ein Anzeichen für eine psychische Störung sein.

Von Rebecca Winkels
Foto: picture alliance / Bildagentur-o

„Und jetzt muss ich mir noch die Zähne putzen, weil die Mama das gesagt hat…“ – Schon im Alter von drei Jahren fangen Kinder an, mit sich selbst zu reden
"Und jetzt muss ich mir noch die Zähne putzen, weil die Mama das gesagt hat…" – Schon im Alter von drei Jahren fangen Kinder an, mit sich selbst zu reden

Montagmorgen 8:00 Uhr los geht es zur Arbeit, aber habe ich auch wirklich alles was ich brauche? Schlüssel? Ja. Handy? Mist, wo ist das denn schon wieder. Ah, da. Oh es regnet, da brauche ich wohl besser noch einen Regenschirm. Gedanken die jeder kennt, der es morgens eilig hat.

Aber bei vielen bleibt es nicht bei Gedanken, stattdessen sprechen wir leise mit uns selbst über all die Dinge, die wir noch schnell erledigen müssen bevor es los geht.

Ein typisches Selbstgespräch eben. Auf andere wirken diese Gespräche häufig befremdlich, dabei sind sie aus psychologischer Sicht ganz normal und können sogar hilfreich sein. "Manche Leute können sich Sachen besser merken, wenn sie vor sich hinreden.

Der Merkeffekt ist ein anderer, als wenn es sich alles nur in Gedanken abspielt", sagt der Psychiater und Psychotherapeut Dirk Wedekind von der Universität Göttingen.

Gedanken und Gefühle ordnen

Selbstgespräche in dieser Form können also hilfreich sein, wenn es darum geht sich zu strukturieren, Gedanken zu ordnen, sich über Gefühle klar zu werden und sich zu fokussieren.

Auch bei wichtigen Entscheidungen kann der innere Dialog Wedekind zufolge helfen: "Der Dialog mit uns selbst oft dazu, dass wir bessere Entscheidungen treffen".

Forschungen zufolge fördern Selbstgespräche die Konzentration und steigern mitunter sogar die Leistungsfähigkeit.

Ein Mittel zur Motivation

Ein gutes Beispiel dafür sind Leistungssportler, die man vor Wettkämpfen häufig im inneren Dialog sieht. Leichtathleten etwa sind häufig am Start zu beobachten wie sie etwas vor sich hinmurmeln und wer Bobfahrern oder Skispringern bei den Vorbereitungen zusieht, sieht sie häufig im Dialog mit sich selbst einen bestimmten Bewegungsablauf oder Streckenteil durchgehen.

Fast in allen Bereichen des Spitzensports wird das Selbstgespräch genutzt, um Motivation und Konzentration zu steigern.

Um die Gründe warum wir mit uns selbst reden genauer zu charakterisieren hat der Psychologe Thomas Brinthaupt von der Middle Tennessee State Universität in Murfreesboro (USA) eine "Self-Talk"- Skala entwickelt, die vier Hauptfunktionen von Selbstgesprächen beschreibt.

"Selbstgespräche können unter anderem dazu dienen, Selbstkritik zu üben, sich selbst zu managen, soziale Situationen einzuschätzen und sich selbst zu bestätigen", sagt Brinthaupt.

Dreijährige besprechen vieles mit sich selbst

Doch nicht nur Erwachsene sprechen mit sich selbst. Vor allem bei Kindern sieht man, dass Selbstgespräche sinnvoll und vollkommen normal sind. Mit etwa zwei Jahren fangen sie an, das Selbstgespräch von sich aus zu kultivieren.

Im Alter von drei bis fünf Jahren reflektiert etwa jedes zweite Kind vor dem Schlafengehen die Erlebnisse des Tages indem es mit sich selbst spricht.

Die Wissenschaftler glauben, dass das zum einen mit der intensiveren Fantasie von Kindern und zum anderen mit der Entwicklung des Gehirns in diesem Alter zu tun hat.

"Das Sprechen mit sich selbst übernimmt eine Verarbeitungs- und Strukturierungsfunktion", sagt Peter Falkai, Past-Präsident der deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) und Psychiater und Psychotherapeut von der Universität München. "Die intensiven Erlebnisse der Welt, die auf sie einströmen und zu viel für das Gehirn sind müssen schließlich eingeordnet werden".

Reden hilft beim Rätsellösen

Bereits 2007 veröffentlichten der Psychologe Adam Winsler von der George Mason University Fairfax in Virginia (USA) eine Studie, die zeigte, dass drei- bis fünfjährige Kinder die mit sich selbst sprechen ihnen gestellte Rätsel schneller lösen, als Kinder denen das Selbstgespräch verwehrt blieb.

Kinder nutzen Selbstgespräche also zum selben Zweck wie Erwachsene. Da ihr Gehirn sich erst noch entwickelt nutzen sie diese Methode stärker als die meisten Erwachsenen, denen zusätzlich häufig auch ein gewisses Schamgefühl im Wege steht.

Dieses scheint auch Kindern irgendwann antrainiert zu werden, denn Winsler und seine Kollegen beobachteten, dass sich etwa vom sechsten Lebensjahr an ihre Gedanken zunehmend für sich behalten. Sollen sie im Beisein anderer eine Aufgabe lösen, flüstern sie zunehmend.

Wie viel jemand im Erwachsenenalter noch mit sich selbst spricht, lässt sich dahingegen nicht generalisieren. Erfahrungen die wir im Leben gemacht haben und wie wir aufgewachsen sind, scheinen dafür eine große Rolle zu spielen.

"Wie konnten zeigen, dass zum Beispiel Einzelkinder als Erwachsene mehr mit sich selbst sprechen als Kinder mit Geschwistern. Auch Erwachsene die früher einen imaginären Freund hatten, neigen später eher zum Selbstgespräch", sagt Brinthaupt.

Obwohl Selbstgespräche in der Psychologie vielfach als positiv angesehen werden und jeder sie führt, schämen wir uns häufig dafür. Sie werden eben häufig doch noch eng mit psychischen Störungen verknüpft.

Häufiges Symptom bei Depression und Demenz

"Bestimmte psychische Erkrankungen im Bereich der Psychosen beispielsweise haben als Kernsymptom eine Störung der Denkabläufe", sagt auch Wedekind. Auch bei Patienten mit schweren Depressionen oder Demenzkranke kommen Selbstgespräche häufig vor.

Wiederholen Menschen ständig dieselben Sätze, schimpfen laut vor sich hin oder reden in öffentlichen Räumen, wie etwa der U-Bahn, laut mit sich selbst, so ist häufig von einer psychischen Erkrankung auszugehen.

Wirkliche Selbstgespräche sind das aus Sicht von Peter Falkai allerdings nicht, ganz im Gegenteil zumeist sprechen diese Menschen aus ihrer Sicht mit anderen. "Sie hören meistens Stimmen oder sprechen beispielsweise mit einem Verstorbenen. Sie selbst nehmen es also nicht als Selbstgespräch war, obwohl es von außen so wirkt", erklärt Falkai.

Stimmenhören ist ungesund

Dieser Unterschied ist aus seiner Sicht der entscheidende. "Wenn was man hört als fremd wahrgenommen wird, dann ist die Grenze vom gesunden zum krankhaften Selbstgespräch überschritten", so Falkai. Normalerweise können Menschen klar unterscheiden ob ein Laut von außen oder von innen kommt. Kommen Töne von außen, so werden neuronale Mechanismen im Gehirn unterdrückt.

"Diese Fähigkeit des Umschaltens ist beim pathologischen Stimmenhören im Kopf ausgeschaltet. Menschen mit dieser Krankheit können nicht mehr unterscheiden ob Töne von innen oder von außen kommen", sagt Falkai fort. Die Funktion die eigenen Gedanken zu ordnen entfällt vollkommen.

Der positive Effekt des Selbstgesprächs entfällt, kann aber für die Therapie genutzt werden. "In der kognitiven Verhaltenstherapie können wir dysfunktionale Selbstgespräche beispielsweise erkennen und reprogrammieren. Dazu bringen wir den Betroffenen bei Selbstgespräche positiv zu nutzen und können ihnen damit manchmal helfen Ängste zu überwinden oder ihre Stimmung zu verbessern", sagt Brinthaupt.

Überhaupt kommt es bei Selbstgesprächen den Experten zufolge vor allem auf das richtige Maß an. Hin und wieder und in den richtigen Situationen mit sich selbst zu sprechen ist positiv, wohingegen unkontrollierte Selbstgespräche häufig mit Krankheiten in Verbindung stehen.

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