18.01.13

Geiseldrama

Zwei Stunden im Kugelhagel, flach auf dem Boden

Mehrere Norweger konnten sich vor den Geiselnehmern auf dem Gasfeld In Amenas in Sicherheit bringen. Sie flohen durch ein Loch in ihrem gekaperten Bus – und rannten dann um ihr Leben.

Quelle: Reuters
18.01.13 1:31 min.
Das algerische Fernsehen hat Bilder von befreiten Geiseln aus der Gasförderanlage in Amenas gezeigt. Die Männer verschiedener Nationalitäten waren in Bussen an einen Sammelplatz gebracht worden.

Die erlösende, wohl wichtigste SMS ihres Lebens kam Ingrid S. (Name geändert) zunächst merkwürdig vor. Am Mittwochmorgen um 9.32 Uhr schrieb ihr Mann: "Bin aus dem Lager evakuiert worden. Alles in Ordnung bei mir. Bin in Sicherheit in einem Militärlager."

Eine Stunde später rief sein Arbeitgeber Statoil bei der Frau aus dem norwegischen Ort Lindaas bei Bergen an und fragte, ob sie eine nahestehende Angehörige sei. Die Norwegerin bekam Angst, aber hielt sich an die SMS – ihr Mann war in Sicherheit.

Dann stellte sie den Fernseher an – und sah fassungslos, was sich tausende Kilometer entfernt am Arbeitsplatz ihres Gatten abspielte. Islamistische Terroristen beschossen den Shuttle-Bus, der ihren Mann (57) und 17 weitere Angestellte von der Wohnanlage zum nahe gelegenen Statoil-Gasfeld im algerischen In Amenas bringen sollte.

Sechs Begleitfahrzeuge beschützten den Bus; die Sicherheitsmänner erwiderten das Feuer. Kurz vor der Fabrik brach eine wilde Schießerei los. "Die Passagiere im Bus lagen zweieinhalb Stunden flach auf dem Boden, während ihnen die Kugeln um den Kopf flogen", berichtet Ingrid S. Rund 60 schwer bewaffnete Männer stürmten die Gemeinschafts-Anlage von Statoil und BP und nahmen mehr als 650 Geiseln, darunter etwa 190 Ausländer.

"Spezieller Tag in vielerlei Hinsicht"

Der 57-jährige krabbelte mit drei weiteren Norwegern durch ein Loch im Bus ins Freie und rannte um sein Leben. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 17 Statoil-Angestellte auf der Anlage, davon 13 Norweger. Um 16.30 Uhr rief der Statoil-Ingenieur bei seiner Frau an. "Seine Stimme zitterte, er hatte Angst um seine Kollegen, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hatte", erzählt Ingrid S. der Zeitung "Bergens tidene".

Es sei ein sehr "spezieller Tag in vielerlei Hinsicht gewesen", sagt die Frau. "Ich hatte noch gar nicht die Zeit, über alles nachzudenken. Es ist so unwirklich", sagt die Norwegerin.

Sie spricht auch regelmäßig mit der Frau eines Kollegen ihres Mannes, der wohl noch unter den Geiseln ist. "Mit wird immer klarer, wie unglaublich viel Glück wir hatten."

Statoil hat unterdessen mehrere Flugzeuge gechartert, um alle 40 Angestellten aus Algerien auszufliegen. Einige wurden nach London-Gatwick gebracht, andere nach Las Palmas; sie treffen nach und nach in Bergen ein.

Dutzende Familien suchen Informationen und Trost

Die norwegische Luftwaffe hat am Freitag eine Hercules-Transportmaschine mit speziell ausgebildetem Sanitätspersonal Richtung Algerien geschickt. Die Maschine soll zunächst in Sizilien landen und dort auf ihren Einsatz in Algerien warten. Die Zeitung "Verdens Gang" spekulierte, dass auch militärische Spezialkräfte an Bord seien. Das Verteidigungsministerium wollte dies nicht kommentieren. Ein Lazarettflugzeug ist bereits am Freitagmorgen in Algerien eingetroffen.

In Bergen kümmern sich Ärzte und Therapeuten derweilen um Angehörige. Im Bergener Flughafen-Hotel hat Statoil eine Anlaufstelle eingerichtet, in der Dutzende Familien, die Informationen und Trost suchen, betreut werden.

Noch werden acht Norweger vermisst. In der Nacht zum Freitag meldete sich ein Vermisster in einem algerischen Krankenhaus, ihm gelang offenbar die Flucht. Näheres über die Umstände ist noch nicht bekannt. Für Außenminister Espen Barth Eide ist das eine "gute Nachricht in einem düsteren und unübersichtlichem Bild".

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