07.01.13

Nationalmannschaft

Rassismusdebatte – Asamoah kritisiert Ballack

Nach dem Fall Kevin-Prince Boateng hat sich nun auch Gerald Asamoah in die Rassismusdebatte eingeschaltet. In seiner Autobiografie kritisiert er seine ehemaligen Teamkollegen in der DFB-Auswahl.

Foto: Bongarts/Getty Images
Asamoah
Gerald Asamoah steht bei Greuther Fürth unter Vertrag

Bundesligaprofi Gerald Asamoah hat früheren Nationalmannschaftskollegen vorgeworfen, sich vor Jahren nicht deutlich genug gegen Rassismus in deutschen Fußballstadien positioniert zu haben.

In seiner Autobiografie ("Dieser Weg wird kein leichter sein - Mein Leben und ich"), aus der die "Bild"-Zeitung vorab zitiert, beschreibt der Routinier ein Erstrundenspiel im DFB-Pokal 2006 mit Schalke 04 bei Hansa Rostock II, bei dem er massiv rassistisch beleidigt wurde.

"Schon beim Warmmachen spürte ich den Hass, der mir von den Rängen entgegenschlug", schreibt der gebürtige Ghanaer in seinem Buch. "Die Zuschauer schienen sich abgesprochen zu haben, als wollten sie ein Zeichen setzen nicht gegen, sondern für Rassismus. Bei jedem meiner Ballkontakte waren Affengeräusche, Sprechchöre und Beleidigungen zu hören."

Keine Reaktion von Ballack

Danach habe er von den Auswahlkollegen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und in erster Linie von Kapitän Michael Ballack vergeblich auf eine Reaktion gewartet. "Fest steht, dass ich mir damals gewünscht hätte, dass aus dem Kreis der ehemaligen Spieler der Nationalmannschaft und vor allem vom Kapitän eine Reaktion gekommen wäre. Eine eindeutige Stellungnahme gegen solche Vorkommnisse", schreibt der 34-Jährige. "Dass dies nicht passiert ist, hat mich sehr enttäuscht und machte mich doch sehr nachdenklich."

Wenige Wochen nach dem umjubelten dritten Platz bei der Heim-WM habe er damals auch an einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft gedacht, verrät Asamoah. "Was macht es für einen Sinn, dachte ich, für ein Land zu spielen, dessen Fans mich nicht wollen."

Darf ein Spieler einen Spielabbruch herbeiführen?

Dass Rassismus in den Fußballstadien allgegenwärtig ist, wurde zuletzt auch bei einem Freundschaftsspiel des AC Mailand deutlich. Vor und während des Testspiels beim Viertligaverein Pro Patria hatten Fans Kevin-Prince Boateng und weitere dunkelhäutige "Milan"-Spieler rassistisch mit Affenlauten beleidigt.

Daraufhin unterbrach Boateng in der 26. Minute das Spiel, schoss den Ball in Richtung der Zuschauer und verließ den Platz. Seine Teamkollegen folgten Boateng ("Das macht mich stolz"), das Spiel wurde anschließend abgebrochen.

Der gebürtige Berliner bekam daraufhin viel Zuspruch für seine Aktion. Derweil fragen sich zum Wiederbeginn der Serie A am Wochenende immer mehr Trainer und Verantwortliche: Darf ein Spieler vom Platz gehen und damit einen Spielabbruch herbeiführen? Beobachter fürchten, dass dies rassistische Unruhestifter nur noch mehr motiviert und gezielt provozierte Spielabbrüche zum Alltag werden.

Blatter ist dagegen

Wie im Testspiel am Donnerstag gegen Pro Patria will Boateng in Zukunft immer das Spielfeld verlassen, wenn Fußballspieler rassistisch verhöhnt werden: "Wir dürfen Rassismus nicht mehr tolerieren. Ich hätte das auch in der Champions League beim Spiel gegen Real Madrid gemacht – und werde es immer wieder tun", betonte der Sohn eines Ghanaers.

Präsident Joseph Blatter vom Weltverband Fifa ist damit nach einem Bericht der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden Zeitung "The National" nicht einverstanden: "Ich denke, dass ein Spieler nicht einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung", sagte der Weltverbandschef am Rande einer Veranstaltung in Dubai. Sonst könne man schließlich bei einer drohenden Niederlage einfach vom Platz. Blatter betonte aber auch: "Rassismus darf nicht toleriert werden."

Pressestimmen aus Italien zum Fall Boateng

 

Gazzetta dello Sport

"Rassistische Schande. Wir sind alle Boateng! Wir beneiden ihm nicht das Talent, den Ruhm, das Gehalt oder die schöne Freundin: Seine Geste, seine Revolte gehören uns allen. Wir sind schwarz wie er, schwarz im Gesicht, in der Seele, schwarz vor Wut wegen einer riesigen Beleidigung gegen die Vernunft und das zivile Verhalten."

 

 

Repubblica

"Das ist ein Rekord der Schande, der uns bisher noch fehlte. Rassismus wächst in Italien und in Europa. Jetzt hat der AC Mailand auf eine Weise reagiert, die vorbildhaft ist."

La Stampa

"Jetzt ist keine Rückkehr mehr möglich. Jetzt gibt es kein Alibi mehr für Klubs, die sich in der Meisterschaft aus Angst, oder aus Bequemlichkeit bei rassistischen Schmährufen taub stellen. Von jetzt an kann man nicht mehr so tun, als würde es Rassismus im Fußball nicht geben."

 

 

Tuttosport

"Der AC Milan verdient größtes Lob. Der Klub zeigt, dass man keine Aggressionen, nicht einmal verbale, seitens von Personen tolerieren darf, die sich in der Gruppe stark machen, um ihre unakzeptablen Meinungen auszudrücken. Der Beschluss Milans, das Spiel abzubrechen, ist vorbildhaft."

 

Corriere dello Sport

 

"Ein großer Klub, eine große Lehre. AC Milan ist nicht nur der italienische Klub, der auf internationalem Gebiet am meisten gewonnen hat. Er ist jetzt auch der erste Klub Italiens, der auf dem Spielfeld eine Gruppe von rassistischen Idioten besiegt hat. Milan ist ein großer Verein und er hat es auch bewiesen, indem er gestern seinen Spieler Boateng vor rassistischen Beleidigungen in Schutz genommen hat."

Quelle: dpa, DW
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