03.01.13

Ständige Angst

Sexuelle Belästigung in Indien ist allgegenwärtig

Auf der Straße, im Büro, selbst im privaten Umfeld: In Indien ist sexuelle Gewalt allgegenwärtig. Grund: die patriarchalische, frauenfeindliche Kultur. Jetzt wollen die Frauen nicht länger schweigen.

Foto: dpa

Inderinnen fordern Gerechtigkeit nach der Massenvergewaltigung und Tötung einer 23-jährigen Frau in Delhi
Inderinnen fordern Gerechtigkeit nach der Massenvergewaltigung und Tötung einer 23-jährigen Frau in Delhi

Ich habe 24 Jahre lang in Neu-Delhi gelebt, einer Stadt, in der sexuelle Belästigung so normal ist wie das tägliche Brot. Und immer wieder, jeden Tag und an allen möglichen und unmöglichen Orten dieser Stadt, wird dabei die Grenze zur Vergewaltigung überschritten.

Schon als Teenager lernte ich, mich selbst zu schützen. Ich stand niemals alleine irgendwo herum, wenn ich es vermeiden konnte, und stets ging ich schnellen Schrittes meiner Wege, die Arme über meiner Brust verschränkt. Ich achtete darauf, niemals Blickkontakt aufzunehmen oder gar jemanden anzulächeln. Durch Menschenmassen schob ich mich nur mit den Schultern voraus.

Nach Einbruch der Dunkelheit vermied ich es, das Haus zu verlassen, wenn kein Privatwagen zur Verfügung stand. In einem Alter, in dem andere junge Frauen an anderen Orten dieser Welt gern mit gewagten Stylings herumexperimentieren, trug ich Kleider, die mir zwei Nummer zu groß waren. Bis heute fällt es mir schwer, mich attraktiv zu kleiden, ohne das Gefühl zu bekommen, dass ich damit mein Leben gefährde.

Nirgendwo konnte ich entkommen

Auch als ich erwachsen wurde, änderten sich die Dinge nicht. Pfefferspray war damals nicht zu bekommen, und meine Freundinnen, die alle wie ich der Mittelschicht oder der oberen Mittelschicht angehörten, trugen Sicherheitsnadeln oder andere behelfsmäßige Waffen auf dem Weg zur Uni oder zum Arbeitsplatz.

Eine hatte sogar immer ein Messer bei sich und bestand darauf, dass ich es ihr gleichtäte. Ich aber lehnte das ab, denn an manchen Tagen war ich so wütend, dass ich ein Messer vielleicht auch benutzt hätte. Und wer weiß, am Ende hätte das vielleicht dazu geführt, dass ich es hinterher selbst zwischen den Rippen gehabt hätte.

Das ständige Begleitgeräusch von Pfiffen, Schnalzen, Zischen, sexuellen Anzüglichkeiten und offenen Drohungen sollte nicht abebben. Männergruppen zogen durch die Straße, und sie teilten sich ihrer Umgebung mit, indem sie Lieder aus Hindi-Filmen sangen, die reich an Doppeldeutigkeiten waren. Um ihr Anliegen zu unterstreichen, drückten sie ihre Hüften gegen vorbeigehende Fußgängerinnen.

Wenn es doch nur öffentliche Räume gewesen wären, in denen Frauen Belästigung ausgesetzt waren! Doch nirgendwo, weder in meinem Büro bei einem bekannten indischen Nachrichtenmagazin noch in der Arztpraxis und nicht einmal auf einer privaten Party bei Bekannten, konnte ich dieser Art der Einschüchterung entkommen.

Um sie zu sehen, müssen Frauen nur in einen Spiegel schauen

Am 16. Dezember waren, wie die ganze Welt nun weiß, eine 23-jährige Frau und ihr Freund auf dem Heimweg, nachdem sie den Film "Life of Pi" in einem Einkaufszentrum im Südwesten Delhis angeschaut hatten. Sie stiegen in einen scheinbar regulären Omnibus ein, wo die Frau ein unsägliches Martyrium erwartete. Sechs Männer vergewaltigten und misshandelten sie so brutal, dass ihre inneren Organe zerstört wurden. Der vermeintliche Bus war nur eine Falle gewesen. Die Vergewaltiger schlugen den Freund der Frau zusammen, warfen dann beide aus dem Bus und fuhren weg. Die sterbende Frau ließen sie auf der Straße liegen.

Die junge Frau hatte ihr Schicksal nicht herausgefordert. Sie hatte den Abend damit begonnen, einen Film über einen zu sehen, der eine Katastrophe überlebt hat. Auch sie selbst bewies einen erstaunlichen Lebenswillen, mit dem sie gegen ihre schweren Verletzungen ankämpfte.

Ohne Zweifel hat die 23-Jährige für ein Wunder gesorgt. In Delhi, einer Stadt, in der die Herabsetzung von Frauen Alltag ist, zogen Zehntausende auf die Straßen und ließen sich auch durch Polizeikräfte, Tränengas und Wasserwerfer nicht davon abhalten, ihre Empörung auszudrücken. Es war der lauteste Protest gegen sexuelle Übergriffe und Gewalt in Indien, den es je gegeben hat. Ihm folgten Demonstrationen im ganzen Land.

Um ihre persönliche Sphäre zu schützen, wurde der Name des Opfers nicht der Öffentlichkeit preisgegeben. Doch auch wenn die junge Frau namenlos bleibt, so bleibt sie keineswegs gesichtslos. Um sie zu sehen, müssen Frauen nur in einen Spiegel schauen. Endlich ist verstanden worden, was es für Frauen heißt, ständig mit dem Risiko leben zu müssen, verletzt zu werden.

Patriarchalische, frauenfeindliche Kultur

Als ich 26 war, zog ich ins damalige Bombay, das heutige Mumbai. Als Handels- und Finanzmetropole hatte die Stadt durchaus ihre Probleme, aber in kultureller Hinsicht war Mumbai weltläufiger und liberaler als Delhi. Wie im Taumel angesichts dieser neu gewonnenen Freiheit begann ich aus den Rotlichtbezirken zu berichten und spät nachts durch raue Vorstädte zu streifen – immer ganz allein und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Etwas Gutes schien Delhi also doch gehabt zu haben: Ich war letztlich dankbar für diesen Kontrast, denn so konnte ich die Möglichkeiten Mumbais in vollen Zügen ausschöpfen.

Der jungen Frau aber wird die Erfahrung solcher Freiheit für immer verwehrt bleiben. Zweifellos wird auch sie, die angehende Physiotherapeutin aus Delhi, von einem besseren Leben geträumt haben. 13 Tage nach der Vergewaltigung verlor sie ihren Kampf, sie starb an mehrfachem Organversagen.

Es gibt auch in Indien Gesetze gegen Vergewaltigung. In öffentlichen Bussen sind eigene Plätze für Frauen reserviert, es gibt weibliche Polizisten und spezielle Notrufnummern. Doch all das ist nichts angesichts der patriarchalen, frauenfeindlichen Kultur in unserem Land. Es ist eine Kultur, die glaubt, das Schlimmste an einer Vergewaltigung sei es, dass das Opfer seine Unbeflecktheit verliert – und dass sich am Ende kein Mann mehr fände, der eine derart beschmutzte Frau heiraten würde. Nicht wenige sehen es deshalb als einfachste Lösung an, wenn das Opfer seinen Vergewaltiger ehelicht.

Solche Überzeugungen hört man nicht nur in irgendwelchen Wohnzimmern, sie werden auch laut und öffentlich vorgetragen. Wenige Monate vor der Vergewaltigung in dem Bus haben bekannte indische Politiker die ansteigenden Zahlen in den Vergewaltigungsstatistiken darauf zurückgeführt, dass immer mehr Frauen Mobiltelefone benutzten und sich deshalb auch trauten, abends ausgehen. Der Führer der Kongress-Partei im Bundesstaat Andhra Pradesh lieferte sogleich eine Erklärung. Bezug nehmend auf den Gründungsmythos der vor 65 Jahren entkolonialisierten Nation sagte Botsa Satyanarayana: "Nur weil Indien um Mitternacht seine Freiheit erlangt hat, bedeutet noch lange nicht, dass Frauen sich nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus wagen sollten."

Der Überfall markiert einen Wendepunkt

Wandel ist möglich, aber die Polizei muss endlich beginnen, Anzeigen von Vergewaltigungen und sexuellen Überfällen zu dokumentieren. Ermittlungen müssen sofort erfolgen. Und es darf nicht mehr Jahre dauern, bis ein Fall vor Gericht kommt. Von mehr als 600 Vergewaltigungen in Delhi, die im Jahr 2012 angezeigt wurden, kam es in nur einem einzigen Fall zu einer Verurteilung.

Nur wenn die Opfer annehmen können, dass sie Gerechtigkeit erfahren, werden sie überhaupt bereit sein, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Nur wenn potenzielle Vergewaltiger Folgen ihrer Tat befürchten müssen, werden sie aufhören, Frauen auf der Straße zu belästigen.

Die Wucht der öffentlichen Empörung hat deutlich gemacht, dass dieser Überfall einen Wendepunkt markiert. Die unaussprechliche Wahrheit ist, dass diese junge Frau, die am 16.Dezember überfallen wurde, gegenüber so vielen anderen vergewaltigten Frauen einen Vorteil hatte: Sie gehört zu den wenigen Fällen, denen immerhin so etwas wie Gerechtigkeit zuteil wurde. Sie kam zumindest ins Krankenhaus, ihre Zeugenaussage wurde aufgenommen, nach wenigen Tagen waren alle sechs mutmaßlichen Vergewaltiger festgenommen, nun droht ihnen die Todesstrafe.

So viel juristische Effizienz ist für indische Maßstäbe beinahe unerhört. Im Rückblick kann man sagen, dass es nicht die Brutalität dieses Überfalls auf die junge Frau ist, die ihren Fall so ungewöhnlich erscheinen lässt. Was ihre Tragödie so einzigartig macht, ist vielmehr dies: dass auf einen Überfall endlich eine öffentliche Reaktion erfolgt.

© New York Times. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Annette Prosinger.

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