27.12.12

Anatomie

"Brüste sind ein Meisterwerk der Evolution"

Für weibliche Brüste interessieren sich vor allem Männer. Aber nicht nur. Auch US-Journalistin Florence Williams wollte mehr darüber wissen. Das Fazit ihres Buches: Brüste spielen immer eine Rolle.

Foto: Getty Images

Geheimnisvoll, ästhetisch, attraktiv – die weibliche Brust.

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Die US-Journalistin Florence Williams hat ein Buch über die Evolution der Brust geschrieben. Ob beim Stillen oder bei der Partnersuche – die Brüste spielen immer eine Rolle. Ein Interview mit der Autorin über das "Meisterwerk der Evolution".

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über die weibliche Brust zu schreiben?

Florence Williams: Erstmals interessiert für das Thema habe ich mich, als ich mein zweites Kind stillte. Damals las ich einen Bericht über Giftstoffe in der Muttermilch. So kam ich auf die Idee, meine eigene Muttermilch analysieren zu lassen. Anschließend habe ich darüber als Umweltjournalistin geschrieben.

Berliner Morgenpost: Warum hat die Evolution überhaupt Brüste hervorgebracht?

Williams: Die Evolution des Säugens begann vor über 200 Millionen Jahren und war ein großer Fortschritt. Sie hat es Säugetieren ermöglicht, ihre Jungen an verschiedensten Orten großzuziehen. Weil die Mütter ihre Kinder mithilfe ihres Körpers füttern konnten, wurden sie unabhängig von ortsgebundenen Nahrungsquellen. Die Entwicklung von Brüsten ermöglichte also vor allem mehr Flexibilität.

Berliner Morgenpost: Die menschliche Brust ist aber doch etwas ganz Besonderes, nicht wahr?

Williams: Ja, denn sie wird von der Pubertät an größer. Das ist ungewöhnlich. Der Busen von Primaten beispielsweise wächst nur, während die Tiere auch wirklich stillen.

Berliner Morgenpost: Warum ist das so?

Williams: Da gibt es verschiedene Theorien. Jahrzehntelang wurde angenommen, dass die Brüste vor allem ein Signal für die Partnerwahl sind. Doch die Theorie, dass der Busen vor allem für die Männerwelt entstanden ist, ist mittlerweile umstritten. Viele Wissenschaftler sind heute vielmehr der Ansicht, dass Brüste in erster Linie für die Frauen selbst und die Säuglinge wichtig sind. Dafür spricht etwa, dass nicht alle Männer gleichermaßen an Brüsten interessiert sind. Ihr Interesse variiert zwischen Kulturen, Zeitperioden und Individuen.

Berliner Morgenpost: Es muss also einen anderen Grund geben…

Williams: Ja. Eine Möglichkeit ist, dass die Brüste notwendig sind, um den Körper mit Fett, also Energie, zu versorgen. Denn hauptsächlich sind sie ja Fettablagerungen. Frauen brauchen, zumindest wenn man ihre Entwicklung betrachtet, mehr Fett als andere weibliche Lebewesen, um in die Pubertät zu kommen und stillen zu können. Und auch Kinder brauchen mehr Fett als die Nachkommen anderer Säugetiere. Vor allem ist das menschliche Gehirn – im Verhältnis zum gesamten Körper – viel schwerer als bei allen anderen Lebewesen. Deshalb benötigt es auch besonders viel Energie.

Berliner Morgenpost: Doch einen Beweis gibt es für diese Erklärungsansätze nicht?

Williams: Nicht wirklich. Das ist alles sehr schwer zu überprüfen. Aber die Debatte über die Funktion der Brüste ist wichtig. Sie beeinflusst, wie wir Brüste wahrnehmen. So wird beispielsweise in den USA und vielen anderen Ländern Müttern abgeraten, ihre Babys zu stillen.

Berliner Morgenpost: Doch Stillen sollte gefördert werden?

Williams: Ja, auf jeden Fall. Wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig, dass das Stillen sowohl für die Kinder als auch für die Mütter positive Auswirkungen hat.

Berliner Morgenpost: Welche?

Williams: Stillen senkt das Risiko für Krebs und Herzerkrankungen bei der Mutter. Für die Kinder zeigen sich die positiven Auswirkungen vor allem in den Entwicklungsländern. Da dort häufig das Wasser, das für das Anmischen von Muttermilchersatz genutzt wird, verunreinigt ist, ist Stillen gut für die Gesundheit. Aber auch in der westlichen Welt gibt es Vorteile. Kinder, die gestillt wurden, haben ein geringeres Risiko für Erkrankungen der Atemwege, sie sind weniger anfällig für Ohrinfektionen und Allergien.

Berliner Morgenpost: In Muttermilch reichern sich allerdings auch Umweltgifte an…

Williams: Das war ja meine Ausgangsfrage und ich habe mich viel damit beschäftigt. Es scheint so zu sein, dass die Vorteile des Stillens dessen Risiken bei weitem übersteigen. Die toxischen Chemikalien in der Muttermilch sind sehr gering konzentriert. Allerdings wissen wir noch immer zu wenig über die sich daraus möglicherweise ergebenden Risiken.

Berliner Morgenpost: Um welche Chemikalien handelt es sich denn da?

Williams: Bei mir wurden unter anderem Brandhemmer, Spuren von Pestiziden und Bestandteile von Flugturbinentreibstoff gefunden. Aber es gibt durchaus noch viele andere Chemikalien, die in Muttermilch nachgewiesen worden sind. Einige dieser Substanzen können das Hormon Östrogen nachahmen.

Berliner Morgenpost: Ihr Buch über Brüste trägt den Untertitel "Meisterwerk der Evolution". Kann man das wirklich so sagen?

Williams: Auf jeden Fall. Die Brüste haben es den Säugetieren ermöglicht, die Welt zu erobern. Wir sind damit eine unglaublich erfolgreiche Tierklasse geworden. Ich finde, Säugen ist ein sehr unterschätzter Fortschritt in der Evolution. Außerdem haben Brüste ja auch bei der Entwicklung vieler anderer menschlicher Eigenschaften eine wichtige Rolle gespielt. Die Form und Funktion der Brustwarzen hat etwa die Entwicklung der Mundmuskulatur gefördert, die uns ja schließlich das Sprechen ermöglicht. Außerdem dürfen wir uns in gewisser Weise bei den Brüsten dafür bedanken, dass wir küssen können.

Berliner Morgenpost: Meisterwerke sollten doch perfekt sein. Brustkrebs dürfte es demnach eigentlich nicht geben?

Williams: Naja, also wirklich perfekt waren Brüste wohl nie. Dennoch waren sie wesentlich näher an der Perfektion, bevor die Industrialisierung begonnen hat. Das moderne Leben hat unsere Brüste verschlechtert. Dabei spielt aber nicht nur die Industrialisierung eine Rolle, sondern auch unser moderner Lebensstil. Dass wir weniger Kinder haben und sie später bekommen, verändert die Brustkrebsrate. Nachteilig wirken sich auch die Antibabypille, Hormonersatztherapien und die moderne Ernährung aus. Perfektion ist schwer zu erreichen, aber wir haben die Situation deutlich verschlimmert und das Meisterwerk quasi ein bisschen verunstaltet.

Berliner Morgenpost: Jede achte Frau erkrankt heutzutage an Brustkrebs…

Williams: Ein Grund dafür ist, dass die Brüste sehr empfindliche Organe sind. Sie stehen in ständigem Kontakt mit der Umwelt. Verändert sich diese, beeinflusst das auch die Brüste. Verschiedene Umweltchemikalien können Brustkrebs verursachen.

Berliner Morgenpost: Gibt es einen Trend zu größeren Brüsten?

Williams: Ja, ganz eindeutig. Die Brüste der Frauen sind heute im Schnitt größer und sie entwickeln sich auch früher.

Berliner Morgenpost: Warum?

Williams: Da auch dünne Mädchen heutzutage früher Brüste entwickeln und diese ebenfalls größer werden, ist es wohl ein Zusammenspiel aus zwei Faktoren – der Umwelt einerseits sowie einer veränderten Ernährung.

Berliner Morgenpost: Sind größere Brüste aber nicht von Vorteil, weil sie ja noch mehr Fett speichern können?

Williams: Nein, auf gar keinen Fall. Die Versorgung mit Fett ist ja heute längst kein Problem mehr. Wir haben durch unseren modernen Lebensstil eher zu viel Körperfett als zu wenig. In der Vergangenheit war es wesentlich schwieriger, ausreichend Fett zu erhalten. Heute verhält es sich umgekehrt. Zuviel Fett erhöht aber beispielsweise das Brustkrebsrisiko. Was natürlich nicht automatisch bedeutet, dass größere Brüste immer gefährdet sind. Doch alles in allem sind größere Brüste sicher kein Gesundheitsvorteil.

Berliner Morgenpost: Aus medizinischer Sicht sind größere Brüste also nicht von Vorteil. Doch im sozialen Kontext sieht die Sache offenbar anders aus. Denken wir zum Beispiel nur an die Werbung, in der eher prallbusige Frauen auftreten.

Williams: Stimmt, es gibt durchaus die Annahme, dass sich alle Männer für große Brüste interessieren. Das ist aber nicht der Fall. Studien haben gezeigt, dass manche Männer überhaupt kein Interesse an Brüsten haben und es im Hinblick auf die Größe deutliche Unterschiede gibt, was Männer bevorzugen. Das Konzept "größer ist besser" ist ein Mythos.

Berliner Morgenpost: Hat dieser Mythos irgendwelche negativen Folgen?

Williams: Ja, es ist schon sehr schade, dass wir sehr früh lernen, bestimmte Erwartungen an das Aussehen unserer Brüste und eigentlich des ganzen Körpers zu haben. Aus diesem Grund sind Frauen mit ihrem Körper unzufrieden und lassen sich ihre Brüste vergrößern. Vor allem junge Frauen sind da sehr leicht beeinflussbar. Und das, obwohl doch auch kleine Brüste einen großartigen Job beim Stillen machen.

Berliner Morgenpost: Haben Brustimplantate einen Einfluss auf die Funktion der Brüste?

Williams: Ja. Zumindest können sie einen haben. Es gibt eine Studie die zeigt, dass 14 Prozent der Brustimplantate zu einem Verlust der Brustwarzenempfindung führen. Schon irgendwie ironisch, denn schließlich versucht man ja durch die Operation an sexueller Anziehungskraft zu gewinnen. Stattdessen verliert man einen sexuellen Reiz. Außerdem sind sich viele immer noch nicht über die Risiken eines solchen Eingriffs bewusst. Diese werden oft heruntergespielt. Frauen müssen in dieser Hinsicht die Augen weiter öffnen.

Berliner Morgenpost: Gab es bei der Recherche zu Ihrem Buch Erkenntnisse, die Sie wirklich überrascht haben?

Williams: Oh ja, eine ganze Reihe. Ich wusste nicht, dass unsere Brüste im Tierreich so einzigartig sind. Auch, dass Brüste immer größer werden, war mir nicht bewusst. Außerdem habe ich herausgefunden, dass Muttermilch auf dem Schwarzmarkt 262-mal soviel kostet wie Erdöl. Und wussten Sie, dass Muttermilch Substanzen enthält, die dem Rauschmittel Cannabis sehr ähnlich sind?

Die Welt: Wirklich? Unsere Kinder kommen also in einen Rauschzustand, wenn wir sie mit Muttermilch füttern?

Williams: Ja, ein klein bisschen schon. Wir glauben, dass Cannabis zwei Funktionen in der Muttermilch erfüllt: Es regt den Appetit an und lässt die Babys danach ruhiger werden. Nach dem Essen werden sie schläfrig und so wird verhindert, dass sie zu viel essen. Babys, die mit Muttermilch gefüttert wurden, können später ihren Appetit besser kontrollieren als solche, die Muttermilchersatz erhalten haben.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Williams: Dass Brüste so unglaublich komplex sind und dass Muttermilch eine so einzigartige und einfach geniale Substanz ist.

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