27.12.12

Bagatellkündigung

Kassiererin "Emmely" gibt heutzutage Autogramme

Ihr wurde wegen eines Pfandbons gekündigt, doch sie kämpfte sich zurück in den Job. Heute strotzt Kassiererin "Emmely" vor Selbstbewusstsein, schreibt ein Buch und ist "Kaiser's" sogar dankbar.

Foto: dapd

Die Kaiser’s-Kassiererin "Emmely" mit einem Exemplar ihres Buches "'Emmely' und die Folgen". Die Kassiererin war im Jahr 2009 von ihrem Arbeitgeber Kaiser’s Tengelmann gekündigt worden, nachdem sie einen nicht ihr gehörenden Flaschenpfandbon im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte.
Die Kaiser's-Kassiererin "Emmely" mit einem Exemplar ihres Buches "'Emmely' und die Folgen". Die Kassiererin war im Jahr 2009 von ihrem Arbeitgeber Kaiser's Tengelmann gekündigt worden, nachdem sie einen nicht ihr gehörenden Flaschenpfandbon im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte.

"Emmely" geht es gut. Soeben hat sie ihre Frühschicht in einer Berliner Kaiser's-Filiale beendet. Jetzt sitzt die 54-Jährige mit dem Klarnamen Barbara Emme in Prenzlauer Berg bei ihrem Anwalt Benedikt Hopmann. Jenem Juristen, der für sie die Rückkehr an den Arbeitsplatz erkämpfte und damit deutsche Rechtsgeschichte schrieb. Beide haben jetzt ihren gemeinsamen Weg in ein Buch gepresst.

"Emmely" war im Februar 2008 nach 31 Dienstjahren von der Supermarktkette Kaiser's fristlos gekündigt worden, weil sie zwei Leergutbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte, die jemand in der Filiale in Hohenschönhausen liegen gelassen hatte. Der Fall sorgte bundesweit ein kontroverses Medienecho und gesellschaftliche Diskussion zum Thema Bagatellkündigungen. Im Juni 2010 erklärte das Bundesarbeitsgericht in Erfurt diese Kündigung für unwirksam. Kaiser's musste die Kassiererin weiter beschäftigen.

Barbara Emme strotzt vor Selbstbewusstsein

Es ist eine neue "Emmely", die da heute sitzt. Wer sie während des zweieinhalb Jahre währenden Arbeitskampfes daheim im Plattenbau besuchte, begegnete einer durch zwei Kündigungen verunsicherten Person, die von einer Seite als Diebin und Aufwieglerin am Arbeitsplatz dargestellt wurde. Und aus der auf der anderen Seite zunehmend links orientierte Gruppierungen eine Gallionsfigur formten.

Heute strotzt Barbara Emme vor Selbstbewusstsein. Die Kassierin hat argumentieren und beobachten gelernt. Aus relativer Zurückgezogenheit ist aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geworden. Zur schlagfertigen Berliner Schnauze ist ein geschärftes politisches Bewusstsein hinzugekommen. Dabei macht sie beruflich "nur" das, was sie auch vor der Kündigung tat: kassieren.

Emme muss Kunden Bescheid sagen

Mit ein paar Unterschieden. "Wenn ich einmal längere Zeit nicht im Betrieb bin, muss ich mich bei meinen Kunden abmelden", sagt sie schmunzelnd. Regelmäßig werden Autogrammwünsche und auch kleine Präsente an sie herangetragen. Die Kunden wollen manchmal ausdrücklich von ihr bedient werden. "Das ist toll. Daran haben sich auch die Kollegen gewöhnt, das ist Alltag", berichtet Emme. Inzwischen werde die Kundschaft in Sachen Pfandbons an sie verwiesen. "Das gehört jetzt dazu. Das wird mir wohl ein Leben lang anhängen", sagt Emme.

Aber die Unterstützung der neuen Kollegen in der Filiale im Lindencenter nahe dem S-Bahnhof Hohenschönhausen unweit ihrer Wohnung war nicht immer selbstverständlich. "Am Anfang reagierten sie sehr verhalten auf mich. Die Kollegen wussten ja nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Immerhin waren Gerüchte gestreut worden, unter anderem, dass ich Kollegen anschwärze. Da habe ich einfach nur gezeigt, dass ich arbeiten kann. Ich habe einfach nur mit meiner Person überzeugt", sagt die Kassiererin und fügt gerührt an: "Seitdem ist alles wieder in Sack und Tüten."

Aus Skepsis der neuen Kollegen wurde Anerkennung

Beispielsweise haben die Kollegen neidlos akzeptiert, dass Emme ein gefragter Diskussionsgast ist, wenn es um soziale Fragen geht. Oder dass sie regelmäßig Frauen zu Gerichtsterminen begleitet, die ähnliche Schwierigkeiten haben wie sie einst.

Auch Hopmann profitiert als Anwalt für solche Fälle. Emmes Aktivitäten reichen von einer Anfrage für die Betriebsratswahlen als Vertrauensfrau bis zu einer Reise nach Venezuela, wo sie auf der Weltfrauenkonferenz sprach.

Die alte Kaiser's-Filiale gibt es nicht mehr

"Eigentlich müsste ich sagen: Danke schön, Herr Kaiser, dass ich so viel erleben durfte. In meinem normalen Arbeitsalltag hätte ich das nie geschafft", sagt Emme. Hopmanns Fazit zum Sieg lautet: "Dieser Erfolg hat Emmely gutgetan und mir gutgetan. Das ist ein bedeutsamer Fall: Bis dahin wurden Bagatellkündigungen genutzt, um besonders ältere und missliebige Kollegen aus dem Betrieb zu werfen." Dem sei nun ein Riegel vorgeschoben.

Emmes alte Kaiser's-Filiale gibt es übrigens nicht mehr. Und noch etwas hat sich geändert: Hopmann und "Emmely" zufolge ist auf den Pfandbons der Supermarktkette inzwischen genau ablesbar, woher sie stammen. Die originalen Belege als Auslöser für all den Ärger und die Veränderungen hängen an der Wand der Kanzlei – gerahmt unter Glas.

Emmely und die Folgen. VSA-Verlag. 95 Seiten. ISB-Nummer: 978-3-89965-516-2

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Eine alte und eine neue Fassade in Prenzlauer Berg
07:23Wohnungsmarkt
Der neue Mietspiegel für Berlin – was Sie wissen sollten

Das Berliner Mietniveau bleibt hinter anderen Großstädten zurück. Doch die Entwicklung zeigt nach oben, wie der Mietspiegel belegt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Wohnlagen und Preisen. mehr...


Rammstein-Frontman Till Lindemann auf der Bühne in Moskau
23.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Freitag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 24. Mai. mehr...

Kristall Sauna Therme   Ludwigsfelde in Brandenburg bei Berlin   das grov¸e Angebot fv r Baden Wellness und Sauna vor. FKK und Sportbad.
23.05.13Ludwigsfelde
Freizeitbad vor den Toren Berlins warnt vor Sextätern

Die Kristall Saunatherme in Ludwigsfelde geht nach sexuellen Übergriffen in dem FKK-Bad in die Offensive: In Zusammenarbeit mit der Polizei installierten die Verantwortlichen Videokameras. mehr...


Morgenpost-Autorin Jennifer Hinz vor einer begehrten Wohnung im Prenzlauer Berg
07:16Mietpreise
Wie die Wohnungssuche in Prenzlauer Berg zum Kampf wurde

Der Wohnungsmarkt in Prenzlauer Berg ist heiß umkämpft. Morgenpost-Autorin Jennifer Hinz begab sich dennoch auf die Suche. Sie traf auf schimpfende Makler und angebliche Rückzugsoasen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
USA Bär spaziert durch Vorort von Los Angeles
London Islamisten töten britischen Soldaten
Deutsche Welle In Norditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote