24.12.12

Bundespräsident

Gauck setzt neue Maßstäbe bei Weihnachtsansprache

Gaucks erste Weihnachtsansprache als Bundespräsident: Seine theologische Prägung kann er nicht verbergen, eine christliche Botschaft verkündet er nicht. Es geht um Zuwendung, Solidarität und Liebe.

Foto: dapd
Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten
Die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck wird am ersten Weihnachtsfeiertag von verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt, unter anderen vom ZDF ab 19.08 Uhr und von der ARD ab 20.10 Uhr

Es handelt sich um die erste Weihnachtsansprache, die Joachim Gauck kurz vor dem Fest im Schloss Bellevue hielt und die am Abend des ersten Feiertags ausgestrahlt wird. Das mediale Interesse an Gaucks Worten indes ist weitaus geringer, als es vor einem Jahr war; damals hatte soeben die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff begonnen. Sollte sich Wulff während der Weihnachtsansprache in eigener Sache äußern? Er vermied dies, und es war einer kluger Entschluss.

Vergleichsweise unbefangen konnte sein Nachfolger Gauck ans Werk gehen, und doch setzt das Vorhaben Weihnachtsansprache jeden Präsidenten unter einen gewissen Druck. Millionen Menschen verfolgen die Aufzeichnung, weitaus mehr als seine Zuhörer sonst.

Seine Herkunft und seine Prägung als Theologe sind Gaucks Ansprache deutlich zu entnehmen, auch wenn das Staatsoberhaupt keine christliche Botschaft verkündet oder gar in einen Predigt-Duktus verfällt. Die Wortwahl aber entspricht nicht den gestanzten Floskeln, wie sie in Parlament und Parteien üblich sind.

Gauck dankt Soldaten für ihren Einsatz

Gauck überträgt die Kernbotschaft des christlichen Weihnachten auf alle Menschen. Die Geschichte des Kindes aus der Krippe begegne nicht nur religiösen Menschen, sagt Gauck und zitiert die ermunternden Rufe "Fürchtet euch nicht!" und "Friede auf Erden!" aus dem Evangelium nach Lukas.

Hier wird es dann sogleich politisch. Der Bundespräsident verweist auf seine jüngste Reise nach Afghanistan. Wie seine Vorgänger seit Johannes Rau würdigt er das Wirken der deutschen Soldaten im Ausland und dankt ihnen für den Einsatz.

Den Frieden in Europa habe die "europäische Idee" gesichert, sagt Gauck, und zu Recht habe die EU den Friedensnobelpreis erhalten. Auf die europäische Krise, auf die Widersprüche zwischen süd- und nordeuropäischen Staaten geht der Bundespräsident nur knapp ein, und dies auch nur mit einer rhetorischen Frage: "Wird unser politischer Wille zusammenhalten können, was ökonomisch und kulturell so unterschiedlich ist?" Auf ein offensives Bekenntnis, geschweige denn ein Leitmotiv Deutschlands für Europa verzichtet Gauck. Es überfrachtete wohl auch diese Ansprache.

Die wichtige Rolle der Zuwendung

Kurz spricht er – nach dem Hinweis, Deutschland habe die Krise bisher "gut gemeistert" – Defizite an, denen er sich bislang nicht gewidmet hat: die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, den Klimawandel, die alternde Gesellschaft und die Gewalt, nicht zuletzt gegen Migranten.

Ein Grundgedanke Gaucks ist, dass Menschen wie Nationen nur stark und "erwachsen" handeln können, wenn sie sich selbst kritisch prüfen, ihnen Kraft zuteilwird, die sie "ermächtigt" – was wiederum Kraft spendet. In seiner Weihnachtsansprache klingt das so: "Wer keine Zuwendung erfährt und keine schenkt, kann nicht wachsen, nicht blühen."

Diese Zuwendung sei doch das Wichtigste an Weihnachten, und hier greift der protestantische Theologe weit aus: Für Christen sei das Fest "das Versprechen Gottes, dass wir Menschen aufgehoben sind in seiner Liebe". Aber auch für Muslime, Juden, Menschen anderen Glaubens und Atheisten sei Weihnachten "ein Fest des Innehaltens, ein Fest der Verwandten und Wahlverwandten". Bei allen Geschenken rage doch die Zuwendung heraus.

Die drei Synonyme

Gleich drei Synonyme führt Gauck an, beschränkt sich also keineswegs auf politisches oder theologisches Vokabular. Zuwendung – "in der Sprache der Politik heißt das Solidarität, in der Sprache des Glaubens Nächstenliebe, in den Gefühlen der Menschen Liebe". "Ja, wir wollen ein solidarisches Land", sagt Gauck.

Kürzlich habe ihm eine Afrikanerin in einem Flüchtlingsheim ihr Baby in den Arm gelegt, berichtet er. Deutschland könne "nie alle Menschen aufnehmen", analysiert er, um sogleich für Weltoffenheit zu plädieren: "Verfolgten wollen wir mit offenem Herzen Asyl gewähren und wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht."

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