23.12.12

Ex-Boxer

Hartz-IV-Empfänger Rocchigiani macht jetzt in Mode

Zuletzt lief es nicht gut für Graciano Rocchigiani: Der Ex-Boxweltmeister hat keinen Job, keine Wohnung, bezieht Stütze vom Staat. Im Berliner Morgenpost-Interview spricht er über seinen Neuanfang ohne Millionen.

Foto: dapd
Graciano Rocchigiani
Eine soziale Ader hatte Graciano Rocchigiani schon immer. Der ehemalige Boxweltmeister servierte auch in diesem Jahr wieder in einem Berliner Hotel den Gästen der von Musiker Frank Zander organisierten Weihnachtsfeier für Obdachlose das Weihnachtsessen

Berliner Morgenpost: Herr Rocchigiani, ist Ihr Optimismus wirklich echt?

Graciano Rocchigiani: Eigentlich geht es mir auf die Nerven, dass sich alle möglichen Leute einen Kopf um meine Angelegenheiten machen. Aber ein bisschen zeigt das ja auch, dass du nicht vergessen bist. Also Klartext: Ich bin zufrieden, weil ich sehe, wie schlecht es anderen Menschen geht. Weil ich ein paar, wirklich nur ein paar, aber dafür richtig gute Freunde habe. Und eine Familie, die zu mir hält.

Die Welt: Sie verbringen Weihnachten unterm Weihnachtsbaum also bei den Eltern?

Graciano Rocchigiani: Genau so wird es laufen. Weihnachten bei meinen Eltern mit meinem Bruder Ralf und meiner Schwester Claudia.

Berliner Morgenpost: Mit Wehmut oder mit Wut?

Rocchigiani: Was ist denn das für ein Käse? Wir feiern wie Tausende andere auch. Bisschen quatschen, bisschen was essen und trinken. Und wir werden keine Trübsal blasen. Ich erst recht nicht, denn ich habe ein paar ganz gute Pläne für 2013.

Berliner Morgenpost: Es heißt, Sie werden es der Modewelt zeigen. Mit einer Rocky-Kollektion für Aufsehen sorgen. Aber bitte mal ehrlich: Interessiert Sie Mode wirklich, oder ist das ein gangbarer Versuch, wieder in einen anderen Alltag zurückzukehren?

Rocchigiani: Ich glaube nicht, dass ich es irgendwem zeigen werde. Das interessiert mich auch nicht. Ich will klein anfangen, mit meinem Partner eine Kollektion zuerst im Internet anbieten und wenn es optimal läuft wäre ein kleiner Laden am Kudamm geil. Aber deswegen bin ich ja kein Designer.

Berliner Morgenpost: Trotzdem, Graciano Rocchigiani hinter einem Ladentisch. Irgendwie seltsam.

Rocchigiani: Kann sein, ist mir aber egal. Außerdem ist es ja noch nicht so weit. Wir wollen im Frühjahr richtig loslegen.

Berliner Morgenpost: Und im September 2013 soll die Revanche "Rocky" gegen den "Tiger" steigen. Glauben Sie wirklich, dass Sie und Dariusz Michalczewski (44) noch die Kraft für zwölf Boxrunden aufbringen? Mit denen auch die Zuschauer zufrieden sind? Es heißt, jeder von Ihnen will eine Million Euro kassieren.

Rocchigiani: Da haben auch viele Leute ihren Senf dazu gegeben. Es wäre sicher ein Spektakel für das Fernsehen. Und mal ehrlich, die Fans wollen bei so einem Kampf doch nur sehen, dass ich ihm oder er mir in die Fresse haut. Mehr nicht.

Die Welt: Glauben Sie, dass es dazu wirklich kommt?

Rocchigiani: Mittlerweile nicht mehr. Das Theater läuft ja eigentlich schon seit 2008. Ich habe mir das abgeschminkt. Dariusz kneift, es gibt keinen Kontakt, auch keinen TV-Vertrag oder eine fest gebuchte Halle.

Berliner Morgenpost: Sie sehen für einen Hobbysportler recht fit aus. Allerdings eher wie ein recht fitter Schwergewichtler.

Rocchigiani: (lacht) Die dicken Jungs sehen die Leute doch sowieso lieber. Ich wiege 97 Kilo und mache regelmäßig Krafttraining, Gymnastik, was für die Bauchmuskeln.

Die Welt: Und joggen für die Kondition?

Rocchigiani: Wir wollen mal nicht übertreiben.

Berliner Morgenpost: Hoffen Sie, dass es doch zu einem dritten Kampf gegen den Tiger kommt?

Rocchigiani: Wenn Sie das Angebot kriegen, eine Million zu verdienen, hoffen Sie dann dass es klappt? Also.

Berliner Morgenpost: Womit wir endgültig beim Boxen wären. Warum sind Sie eigentlich kein Trainer?

Rocchigiani: Es hat ja ein paar Versuche gegeben. Zuletzt mit Manuel Charr, der von Vitali Klitschko Prügel bezog. Eigentlich ein ganz guter Junge, aber er wird nie Erfolg haben, weil er glaubt, alles besser zu wissen. Er hat Talent, er hat Kraft und Mut – aber nicht wirklich Ahnung. Das Problem ist aber, du kannst von einem Boxer nicht leben, es sei denn er ist Weltmeister.

Die Welt: Und die arbeiten alle für große Teams.

Rocchigiani: Ein großes Team reicht nicht, du brauchst auch einen TV-Sender, der Kohle gibt. Der will dann aber mitbestimmen. Und der will nut Titelkämpfe. Also hat heute jeder irgendeinen Mondtitel.

Berliner Morgenpost: Das könnte Ihnen als Coach doch egal sein.

Rocchigiani: Vielleicht bin ich zu blöd. Oder zu ehrlich. Aber Boxen ist was Besonderes. Darum verstehe ich auch nicht, warum es so läuft, wie es läuft. Alle wollen sich die Taschen voll machen. Es gibt WM-Kämpfe, die lächerlich sind. Und es gibt andere Pseudo-Titel die genauso lächerlich sind. Deswegen verliert alles andere an Wert. Eine Europameisterschaft zählt doch heute nichts mehr. Und ich weiß gar nicht, wie viele Deutsche Meister es noch gibt. Heute kommt einer und kriegt einen irren Kampfrekord verpasst. Lauter Siege, bloß nicht verlieren. Die wirklich größten Boxer haben verloren und sind wiedergekommen. Und haben auch gut verdient.

Berliner Morgenpost: Die Boxer klagen nicht.

Rocchigiani: Die müssen ja auch verdammt gut aufpassen, was sie sagen. Es gibt überall Schleimer, weil es so gewünscht wird. Bloß nicht anecken, sonst gibt es Ärger. Überall werden angepasste Typen ran gezogen.

Berliner Morgenpost: Das Geldverdienen funktioniert aber.

Rocchigiani: Abwarten. Wenn es so weiter geht, bin ich nicht so optimistisch. Als das ZDF keinen Bock mehr auf Boxen hatte, war Universum pleite. In Deutschland gibt es noch die ARD, die Wilfried Sauerlands Stall finanziert. RTL macht die Klitschkos. Dann noch ein bisschen Sat.1 mit Felix Sturm. Wie lange die aber wirklich noch mitmachen, weiß ich nicht. Bei der ARD gibt es Leute, die Boxen nicht so prickelnd finden. Bei RTL muss man sehen, was nach den Klitschkos kommt. Und Felix wird wahrscheinlich scheitern.

Berliner Morgenpost: Warum das?

Rocchigiani: Er hat seinen WM-Titel verloren, hat seine Ankündigung, nur noch gegen Top-Leute anzutreten, nicht eingehalten. Er ist sein eigener Manager. Da übernimmt er sich, statt sich auf seine Karriere zu konzentrieren. Wenn es stimmt, dass er 2013 acht Veranstaltungen auf die Beine stellen soll, dann gute Nacht. Der kann doch nicht jedes Mal selbst in den Ring.

Berliner Morgenpost: Sie denken viel ans Boxen?

Rocchigiani: Ich habe mein ganzes Leben irgendwie mit Boxen zugebracht. Da kann ich nach 30 Jahren doch nicht so tun als wäre mir alles egal. Aber ich will auch nicht, dass mich einer zutextet, der weniger Ahnung hat als ich. Also bin ich für einen Trainerjob zu schwierig. Ich bin keinem böse, werde mich aber auch nicht ändern.

Berliner Morgenpost: Sie gelten als einer, der Gerechtigkeit will. Engagieren Sie sich deswegen beim Kinderhilfswerk "Arche" in Hellersdorf?

Rocchigiani: Ja. Da sehe ich nämlich Menschen, denen es wirklich dreckig geht. Und da sehe ich auch, wie gut es mir geht. Ich bin Schirmherr fürs Boxen und werde Kinder trainieren. Viele von denen kennen kaum was anderes als Ärger. Ich will denen keine Moralpredigten halten, aber zeigen, dass es sich lohnt, immer wieder aufzustehen, wenn man auf die Schnauze gefallen ist.

Die Welt: Sie sind ein Engel.

Rocchigiani: Nee. Aber ich habe Zeit gehabt nachzudenken. Man ist ja nicht mehr der Jüngste und da verschieben sich dann schon mal ein paar Ansichten.

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