15.12.12

Abrahams WM-Kampf

"Bei einer Niederlage ist vielleicht Schluss"

Arthur Abraham verteidigt gegen den Franzosen Mehdi Bouadla seinen Box-Weltmeistertitel im Supermittelgewicht. Der Kampf entscheidet über seine Karriere. Ein Misserfolg könnte das Ende bedeuten.

Foto: dapd
Pressekonferenz Arthur Abraham vs. Mehdi Bouadla
Arthur Abraham (r.) mit seinem Gegner Mehdi Bouadla

Nichts deutete beim letzten Trainingsdurchgang von Profibox-Weltmeister Arthur Abraham darauf hin, dass ihn am Sonnabend in Nürnberg (ab 22.15 Uhr in der ARD) gegen den Franzosen Mehdi Bouadla eine besondere Situation erwartet.

Im Gegenteil: Abraham hatte Besuch. Zu Gast war Eishockeyprofi Constantin Braun vom deutschen Meister EHC Eisbären. Und der 32-jährige Box-Weltmeister amüsierte sich köstlich über die Bemühungen des acht Jahre jüngeren Berliner Verteidigers beim Beweglichkeitstest: "Constantin ist richtig gut mit den Beinen, aber mit dem Oberkörper geht gar nichts."

Braun hatte Spaß und stellte ganz pragmatisch fest: "Wenn wir Eishockeyspieler eine Rauferei haben, brauchen wir den Oberkörper nicht. Es reicht eine trockene Gerade."

Wichtiger Sieg gegen Stieglitz

Amüsierter Beobachter war Abraham- Trainer Ulli Wegner. Der hatte Zeit, das Jahr 2012 Revue passieren zu lassen. "Im Januar in Offenburg gegen Pablo Narias stand Arthur am Abgrund. Er hatte seinen letzten Kampf im Super-Six-Turnier gegen Ward verloren, und keiner wusste, wie er das verarbeitet hatte." Vergleichsweise gut, denn der Argentinier war in Runde fünf reif für den Gang in die Umkleidekabine.

Ein mit viel Mühe, wenn auch ungefährdet erkämpfter Punktsieg gegen den Polen Piotr Wilczewski folgte im März in Kiel. Dann löste Abraham im August in Berlin mit einem klaren Erfolg über Robert Stieglitz, den Champion der World Boxing Organization (WBO), sein Ticket für die Beletage im Supermittelgewicht. Er war wieder Weltmeister.

"Und jetzt muss Arthur gegen Mehdi Bouadla beweisen, dass er auch im Supermittelgewicht in die Weltspitze gehört", stellt Wegner die finale 2012er-Hürde für seinen Schützling auf. Wie optimistisch der mittlerweile 70-Jährige ist, zeigte sich daran, dass er sich die Zeit nahm, Constantin Braun in das Box-Alphabet einzuweihen. "Ein Schlag", so der Trainer-Routinier zum Teilzeit-Box-Eleven, "ist wie ein Buchstabe. Eine Kombination ist wie ein Wort. Ein kompletter Angriff ist wie ein Satz und der Kampf ist wie ein Buch." Abraham musste lächeln, er kennt die Geschichte aus unzähligen Wiederholungen.

Keine Zweifel

Die besondere Situation, die sich aus seiner ersten Titelverteidigung in der 76-Kilo-Klasse ergibt, ist "König Arthur" trotz aller gezeigten Lockerheit bewusst. "In jedem Kampf in diesem Jahr ging es um meine Karriere. Das war vorher nicht so krass. Gegen Bouadla geht es wieder um meine Karriere. Bei einer Niederlage wäre vielleicht Schluss", sagt der Publikumsliebling. Und relativiert sofort: "Aber ich denke nicht an Niederlagen. Trainer Wegner und ich haben super gut gearbeitet. Bouadla ist ein Boxer, der immer nach vorn geht. Ich werde sehen, dass ich ihn stoppe. Wir haben eine gute Taktik für so einen Kämpfer."

Eine Taktik, die in stundenlangen Gesprächen in wochenlangen Trainingslagern geschmiedet wurde. Vorbei scheinen alle Zweifel. "Wenn er das vergeigt hätte, hätte ich auch keinen Rat mehr gewusst", hatte Wegner nach dem WM-Erfolg über Stieglitz gesagt. Ihm war definitiv eine Zentnerlast von den Schultern genommen worden. So ehrlich hatte der Coach noch nie über die damals durchaus problematische Beziehung gesprochen. Problematisch, weil von Misserfolgen und Missverständnissen geprägt.

Abraham: "Natürlich habe ich mit meinem Trainer über die Kritik gesprochen. Oder besser gesagt: Er hat mich kritisiert und dann nicht lockergelassen. Ich musste mit ihm reden – ob ich wollte oder nicht. Er hat die Dinge auf den Tisch gebracht, die ihm nicht gefallen haben. Er ist schließlich mein Trainer. Wir haben keine Probleme miteinander. Nicht mehr. Die Probleme sind durchgestanden, jetzt kommen die ganz tollen Zeiten."

Wunschgegner Froch

Dafür muss die Hürde Bouadla muss genommen werden, denn Arthur Abraham hat "noch immer eine kleine Narbe auf der Seele". Ihn treiben die Niederlagen aus dem Turnier der vermeintlich weltbesten Supermittelgewichtler um.

Die Disqualifikation gegen den Amerikaner Andre Dirrell ist kein Thema mehr. Aber die desolate Leistung im Dezember 2010 in Helsinki gegen den Engländer Carl Froch und die fast ebenso desaströse Schlappe im Mai 2011 in Kalifornien gegen den späteren Turniersieger Andre Ward (USA) will er vergessen machen.

"Ich wünsche mir wirklich, dass es zu Rückkämpfen kommt. Am liebsten zuerst gegen Froch", sagt Abraham, wohl wissend, dass das nicht ganz einfach wird. Froch und Ward sind Weltmeister. Der Brite bei der International Boxing Federation (IBF) und der Amerikaner sogar beim World Boxing Council (WBC) und der World Boxing Association (WBA). Schon um auf Augenhöhe zu bleiben, muss ein Abraham-Sieg gegen Bouadla her. Zeitliche Probleme sieht Abraham, der sich (vorerst) das Limit gesetzt hat, bis zum 35. Lebensjahr zu boxen, nicht.

Stolz wichtiger als Geld

"Titelvereinigungen sind doch für alle gut. Die Fans wollen das, für die Fernsehsender und Manager ist das auch interessant und über das Geld kann man sich einigen", sagt der Berliner. Geld als Motivation spiele aber nicht die wichtigste Rolle. "Ab einem bestimmten Erfolg ist Geld nicht mehr das Wichtigste. Ich weiß, dass die meisten Menschen das nicht wirklich glauben, wenn es ein Sportler sagt. Aber es stimmt trotzdem."

So wie Abraham es vorträgt, möchte man ihm glauben. Der Mann ist Millionär, müsste nicht mehr in den Ring steigen. Vielleicht wird der Stolz ja umso wichtiger, je mehr Geld man hat. Denn Gründe, stolz zu sein, kann man nicht kaufen. Und Arthur Abraham genießt es, wenn er auf sich stolz sein kann.

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