06.12.12

Nordsee-Unglück

"Danach verschwand das Schiff vom Radar"

Nach der Kollision mit einem Containerschiff sank der Frachter "Baltic Ace" in der Nordsee, 65 Kilometer vor der niederländischen Küste bei Rotterdam. Für elf Seeleute kam jede Hilfe zu spät.

Foto: dapd

Touristen beobachten in Bremerhaven am Containerterminal "Wilhelm Kaisen" das Anlegen des Autofrachters "Baltic Ace" (Archivfoto), der in der Nacht zu Donnerstag gesunken ist
Touristen beobachten in Bremerhaven am Containerterminal "Wilhelm Kaisen" das Anlegen des Autofrachters "Baltic Ace" (Archivfoto), der in der Nacht zu Donnerstag gesunken ist

Der niederländische Fischer René Sperling hatte den letzten Funkspruch der "Baltic Ace" als Erster gehört. "Der Käpt'n klang angeschlagen", erinnerte er sich am Donnerstag im niederländischen Fernsehen. "Danach verschwand das Schiff vom Radar."

Sperling war mit dem Fischkutter "Zeldenrust" schnell zur Stelle, etwa 65 Kilometer vor der niederländischen Küste südwestlich von Rotterdam. Doch von dem unter der Flagge der Bahamas fahrenden Auto-Frachter war kaum mehr etwas zu sehen.

Der Aufprall mit dem Containerschiff "Corvus J" aus Zypern muss ein gigantisches Leck in die Schiffswand geschlagen haben. Innerhalb von 15 Minuten sank die "Baltic Ace". Die 24 Seeleute an Bord müssen total überrascht gewesen sein, meinte Kees Brinkman von der königlichen niederländischen Rettungsgesellschaft KNRM. "Das ist zu wenig Zeit, um die Überlebensanzüge anzuziehen", sagte er im Radio. Ohne Schutzkleidung aber hat man in dem eiskalten Wasser kaum eine Chance. "Die Überlebenschancen sind gleich Null."

Die Hälfte der Crew des Frachters kam aus Polen, die übrigen aus Bulgarien, der Ukraine und den Philippinen. Insgesamt 13 Seeleute konnten gerettet werden von den Rettungsflößen oder aus der eisigen Nordsee. Elf wurden unterkühlt in Krankenhäuser von Rotterdam und Belgien geflogen. Fünf Leichen wurden bislang geborgen. Sechs Menschen werden noch vermisst.

"Da waren nur noch Trümmer, Rettungswesten, Flöße"

Hilfe kam schnell. Nicht nur die "Zeldenrust", auch andere Schiffe waren rasch zur Stelle. Auch das nur leicht beschädigte Containerschiff "Corvus J" half bei den Rettungsarbeiten. Die Küstenwache setzte Helikopter und Boote ein, zwei Schiffe der Marine halfen bei der Suche und auch ein belgischer Rettungshubschrauber war im Einsatz. Mit Infrarotkameras und Scheinwerfern suchten sie in den schwarzen Wellen nach Überlebenden.

Kapitän Eric Rodenhuis erreichte mit seinem Rettungsboot zwei Stunden nach der fatalen Kollision die Unglücksstelle. "Da waren nur noch Trümmer, Rettungswesten, Flöße, Bojen", sagte er dem niederländischen Fernsehen. Sie konnten einen Toten bergen. "Das ist bitter. Man kommt doch, um zu retten."

Inzwischen hat die Küstenwache die Suche nach weiteren Opfern eingestellt "und wir werden sie morgen nicht wiederaufnehmen", sagte Sprecher Peter Westenberg bei Einsetzen der Dämmerung. Die Chance, die sechs Vermissten lebend zu finden, liege bei "null".

Eine der meistbefahrenen Strecken der Welt

Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist unklar. Der starke Seegang dürfte für die großen Schiffe kein Problem gewesen sein. Der gesunkene Frachter war 148 Meter lang. Möglicherweise hatten beide Kaptitäne zu spät das andere Schiff gesehen, meinen Experten.

Dieser niederländische Teil der Nordsee ist eine der meistbefahrenen Strecken der Welt. "Wie eine Autobahn", sagte Sprecher Brinkman von der Rettungsgesellschaft. Hier verläuft der Schiffsverkehr von Nord und Süd zwischen den beiden größten Häfen Europas, Rotterdam und Antwerpen. Gekreuzt wird dieser Verkehr von der stark befahrenen Route nach England im Westen.

Das Containerschiff kam aus Schottland und fuhr in süd-östliche Richtung nach Antwerpen. Dabei kreuzte es die Route der "Baltic Ace", die mit einer Ladung von bis zu 2 000 Autos vom belgischen Zeebrügge nach Nord-Westen fuhr mit dem Ziel Finnland.

Immer mehr Ölplattformen und Windmühlenparks machen die Nordsee noch enger. Um den Verkehr sicherer zu gestalten, hatte das niederländische Ministerium für Verkehr- und Wasserwirtschaft neue Routen vorgeschlagen. Erst in der vergangenen Woche war dieser Plan von der Internationalen Seefahrtsorganisation abgesegnet worden. Ab August sollen die neuen Routen gelten.

Quelle: dpa/mak
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