03.12.12

DJ Paul Kalkbrenner

"Ich gehe ja selber überhaupt nicht mehr feiern"

Paul Kalkbrenner ist legendärer DJ, auch sein neues Album wird wohl wieder Platinstatus erhalten. Ein Gespräch über nervige Clubgänger, den Sound von S-Bahn-Türen und die Stille beim Komponieren.

Foto: dpa

DJ Paul Kalkbrenner (35) hat privat genug vom wilden Nachtleben
DJ Paul Kalkbrenner (35) hat privat genug vom wilden Nachtleben

Im 15. Stock mit Blick über den Berliner Alexanderplatz hält Paul Kalkbrenner Hof. Halb liegend, die Beine auf dem Tisch, während er sich den Bauch krault. Interviews mit ihm gelten als seltenes Privileg. Nötig hat er sie nach eigener Ansicht nicht, denn sein neues Album "Guten Tag" wird sowieso Platinstatus erreichen, da ist er sich sicher.

Berliner Morgenpost: Es gibt im Film "Berlin Calling" eine Szene, in der Sie in Ihrer Rolle als DJ Ickarus mit der S-Bahn fahren und sich vom Geräusch der schließenden Türen zu einem Song inspirieren lassen. Ist das realistisch oder nur der Fantasie des Regisseurs entsprungen?

Paul Kalkbrenner: So mache ich viele Sachen. Im Film ist es offensichtlicher, weil man im Song das Geräusch wiedererkennt. Ich mache das unauffälliger, so dass man das Originalgeräusch nicht erkennt. Wenn ich durch die Stadt laufe, nehme ich viel mit einem Mini-Mikrofon auf.

Berliner Morgenpost: Bei Ihrem erfolgreichsten Song "Sky and Sand" hat Ihr Bruder Fritz die Lyrics beigesteuert, "Guten Tag" ist ein rein instrumentales Album. Haben Sie schon mal selbst einen Song geschrieben?

Kalkbrenner: Nein, noch nie. Ich bin mit Sprache sehr gut und mit Musik. Aber sobald die beiden zusammenkommen, fällt mir gar nichts mehr ein. Dafür bin ich nicht der Typ.

Berliner Morgenpost: Nicht mal für eine Frau?

Kalkbrenner: Dafür bin ich viel zu unromantisch.

Berliner Morgenpost: Sie haben vor kurzem geheiratet. Was bedeutet Ehe für Sie, wie passt sie mit Ihrem Lebensstil zusammen, bei dem Sie immer unterwegs und auf Partys sind?

Kalkbrenner: Ich finde das gut. So soll es im Leben sein. Natürlich ist das traditionell. Und ich gehe ja selber überhaupt nicht mehr feiern. Wenn ich frei habe, würde es mir nicht im Traum einfallen, in irgendeinen Club zu rennen. Das ist für mich heute auch nicht mehr so schön. In den USA geht das noch besser, weil ich dort nicht so viel erkannt werde, aber hier ist das nicht mehr so angenehm. Das wäre kein privates Ausgehen mehr. Man wird ein bisschen menschenscheu bei dem ganzen Rummel. Viele Leute haben da leider überhaupt keine Scheu mehr mir gegenüber.

Berliner Morgenpost: Wer macht für Sie gerade die beste elektronische Musik in Deutschland?

Kalkbrenner: Das weiß ich nicht, weil ich keine Musik höre, damit ich meine eigene Musik nicht aus den Augen verliere. Wenn ich zum Beispiel ein Album mache, muss um mich herum absolute Stille herrschen. Dann gibt es kein Fernsehen, nichts. Keinen audiovisuellen Input, sonst höre ich meins nicht mehr. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, sondern lenkt mich einfach ab. Meine Musik kommt von innen heraus und wenn ich selber Musik höre, dann ist es, als wenn sich eine Staubschicht darüber legt. Das muss ich vermeiden.

Berliner Morgenpost: Sie spielen auf Ihrer Tour live, entstehen dabei noch unvorhersehbare Momente?

Kalkbrenner: Da entstehen Songs. Manchmal fragen mich die Leute: Hey, der Song "Gigahertz" von deiner DVD, wo gibt es den? Und den gibt es halt nicht. Das gibt es nicht als File. Das passiert immer wieder. Seltener als früher – vielleicht, weil ich nicht mehr so betrunken bin wie früher.

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