23.11.12

"Krekeler killt"

Durbridge ist, wenn es schießt und kracht

Er brachte die junge Republik beinahe um den Verstand: Die Begeisterung für den Francis Durbridge erzählt viel von der Sehnsucht der Deutschen. Vor 100 Jahren wurde der Krimi-Autor geboren.

Foto: dpa, akg, Montage: Infografik Die Welt

Für Francis Durbridge (Jg. 1912) wurde der Begriff Straßenfeger erfunden. In den Sechzigern liefen Episoden seiner Krimiserien wie „Das Halstuch“ auf bis zu 89 Prozent der wenigen Fernseher. Durbridges Hörspiele und Serien brachten Weltläufigkeit und Verbrechen in deutsche Wohnzimmer
Für Francis Durbridge (Jg. 1912) wurde der Begriff Straßenfeger erfunden. In den Sechzigern liefen Episoden seiner Krimiserien wie "Das Halstuch" auf bis zu 89 Prozent der wenigen Fernseher. Durbridges Hörspiele und Serien brachten Weltläufigkeit und Verbrechen in deutsche Wohnzimmer

Es ist kaum mehr als ein halbes Jahrhundert her, da wäre diese Republik um ein Haar einem Serienkiller zum Opfer gefallen. Seine Methode war besonders perfide. Er tötete durchs Radio, mittels Schallwellen. Später bediente er sich des jungen Mediums Fernsehen. Und er drohte die sich ihm freiwillig hingebende deutsche Kulturnation vermittels dramatisch verknoteter Plotlinien zu erwürgen. Vor hundert Jahren wurde er geboren. Und sein Name war Durbridge, Francis Durbridge.

Zu Abermillionen ließ sich die frühe Bundesrepublik jede Woche wieder in seinen Wohnzimmern an Cliffhanger hängen, einer absurder als der andere.

Francis Durbridge fegte deutsche Straßen leer

Bis hinein in die Sechziger, als Durbridges Kriminalserien im Monopolfernsehen das öffentliche Leben lahm legten (Einschaltquote für Durbridges "Halstuch", den ultimativen Straßenfeger: 89 Prozent), steigerte sich Deutschland in ein Durbridgefieber, wie es bei keinem anderen Land diagnostiziert werden musste (nicht einmal im Vereinigten Königreich galt Durbridge soviel).

Sie wollten wissen, wie es mit Durbridges berühmten Dauerermittler und Alter ego Paul Temple, dem schriftstellenden Detektiv aus Passion, weiterging und seiner süßen Frau Steve. Kaum hörten sie Hans Jönssons rauschende Blechbläser-Fanfare, war es um sie geschehen.

Der britische Krimikunsthandwerker stieß in aberwitzigem Tempo Stoff aus für die Träume eines Landes, dessen Bedarf an, dessen Hunger nach Ablenkung groß war und danach, endlich auch in der Unterhaltung, in der Genreliteratur Anschluss zu bekommen an die Gegenwart.

So wurde die Sehnsucht nach Normalität befriedigt

Er bastelte die verwinkelten, blutigen Geschichten für die große Sehnsucht nach Normalität, nach Unterhaltung, nach Mord und Totschlag, nach Abenteuer und Weltläufigkeit. Logik, literarische Brillanz, dramaturgische, akustische Finesse spielten da eine untergeordnete Rolle.

Das Volk, von dem das Dunkel ausgegangen war kaum anderthalb Jahrzehnt zuvor, wollte sich entspannen. Durfte sich entspannen, weil der Mord von einem Meister aus England kam.

Durbridge war ein Meister, ein Handwerksmeister. Er lieferte den Erwachsenen, was Enid Blyton den Kindern lieferte. Anspruchslose, jeder moralischen, gesellschaftspolitischen Zuspitzung oder Ambition freie Unterhaltungsware. Das Tempo war so überwältigend für die Ohren und Köpfe der Fans, dass sie all die psychologischen Schwächen, schiefen Konstruktionen, die lose bleibenden Fäden gar nicht wahrnahmen.

Hier haben die Geräusche noch Hand und Fuß

Immer wieder stolpern Paul und Steve, die Detektivdilettanten im Dienste von Scotland Yard, und der Yard-Chef Sir Graham Forbes in finstere Fälle. Es geht um Schmuggel und um Geheimnisverrat, Verbrecherbanden und Jazzkneipen. Man fährt an die schönsten Küsten Englands und Frankreich. Es knallt gern, die Geräusche haben noch Hand und Fuß, Autos explodieren. Menschen schreien.

Es wird Martini Dry getrunken und Gin mit Tonic. Dass es mit dem Englisch der Sprecher nicht weit her war, ist sehr lustig (Mister Dönkänn!), wurde bei den frühen Wallace-Filmen, deren Erfolg sich nicht zuletzt Durbridges Vorarbeit verdanken, aber nicht besser.

Mit McGuffins, also mit Geheimnissen aufgeladenen Dingsymbolen – Kricketschlägern oder Handtaschen – wirft Durbridges geradezu um sich. Kaum ist einer verdächtig, ist er auch schon beinahe tot. Es gibt mehr falsche Fährten als ein Indianerstamm verfolgen könnte (selbst Durbridge verlor regelmäßig die Übersicht). Für einen ordentlichen Cliffhanger hätte Durbridge vermutlich seine Mutter verkauft.

Die Hörbücher gehen immer noch weg wie gute Martinis

Ein typischer Paul Temple (dank dem Hörverlag und dem Audioverlag sind sie als Hörbücher mühelos in jeder besser sortierten Buchhandlung zu haben, sie gehen immer noch weg wie gut gerührte Martinis) geht zum Beispiel so wie "Der Fall Lawrence": Paul und Steve machen Urlaub an der britischen Kanalküste. Es ist schön. Sie sind auf dem Meer.

Da wird auf Steve, gesprochen von der bis zur Unerträglichkeit dauergutgelaunten Annemarie Cordes, geschossen. Eine Handtasche verschwindet. Die Tochter eines großen Tiers des britischen Geheimdienstes ebenso.

Sie taucht wieder auf und wird in der Folge ziemlich vergessen. Männer sterben, Handtaschen verschwinden, Bentleys werden gefahren. Die Harald Banter Media Band swingt und schreit. René Deltgen darf als Paul Temple sein berühmtes "Bei Morpheus" vom Stapel lassen und knarzen und nach Whisky und Zigarren klingen.

Bei Morpheus, ist das laut

Mehrere Morde und unfassbare Verwicklungen später lässt Durbridge alle Verdächtigen nach alter Christie-Art in Temples Wohnung versammeln. Dann geht alles sehr schnell. Glas splittert. Die Blechbläser explodieren. Es wird still.

Als der Pulverdampf sich legt, perlt die Harfe und im Kamin prasselt das Feuer. Garantiert ist draußen Nebel. Steve schenkt Tee aus. Die Herren Graham und Temple lassen für alle, die den Überblick verloren haben (also alle), den Fall noch einmal Paroli laufen. "Mein Gescheites", sagt Paul und streichelt seinem Dummchen an der Teekanne übers Haar.

Das kann man nicht lernen. Das muss man mögen. Keine Ahnung mehr, wer der Täter war. Man schlummert dazu herrlich ein. Bei Morpheus. Gute Nacht.

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