19.11.12

Anthropologie

Von fremden Kulturen "konstruktive Paranoia" lernen

Jared Diamond hat bei den Papuas in Neuguinea, den Inuit der Arktis und den Yanomami in Brasilien gelebt. Von den ursprünglichen Kulturen habe er viel gelernt - etwa, wie man Kinder erzieht.

Foto: dapd

Ein Stammesangehöriger der Huli auf Papua Neuguinea mit greller Bemalung.
Ein Stammesangehöriger der Huli auf Papua Neuguinea mit greller Bemalung.

Selbst mit Mitte 70 zieht es Jared Diamond, der Autor des Bestsellers "Kollaps", noch in die wildeste Region der Welt: Neuguinea. Ein Dutzend Expeditionen hat er seit Anfang der 60er-Jahre auf die Insel unternommen. Die Menschen leben dort vielfach noch in Stammesverbänden und haben kaum Kontakt zur Zentralgewalt.

Was den Geografen und Anthropologen von der University of California in Los Angeles fasziniert, ist die Vielfalt der dortigen Kulturen und Lebensweisen. Nirgendwo sonst kann man auf (relativ betrachtet) so engem Raum so viele Völker studieren. Diamond hat dieser Tage sein neues Buch "Vermächtnis" vorgestellt. Darin beschreibt er, "was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können". Er analysiert darin nicht nur das Leben der Neuguineer, sondern auch Stammesgesellschaften wie die der !Kung, Jäger in der afrikanischen Kalahari, der Inuit in der Arktis oder der Yanomami in Brasilien und Venezuela.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie von den fremden Völkern gelernt?

Jared Diamond: Ich habe vor allem gelernt, vorsichtig auf Ereignisse zu achten, die zwar selten sind, aber sich oft wiederholen, so dass sie viele Lebensjahre kosten können, wenn man sie ständig ausblendet. Ich nenne das "konstruktive Paranoia". Beispielsweise passe ich auf, in der Dusche nicht auszurutschen, weil das zu den größten Gefahren für ältere Menschen gehört. Meine Frau hat zwei Mitarbeiter, die ausgerutscht sind, und es ist gut möglich, dass sie nie wieder laufen können. Das andere, was ich gelernt habe, ist die Art, Kinder zu erziehen. Zum einen: keine körperliche Bestrafung, auch nicht ein einziges Mal! Und es den Kindern zu überlassen, was sie wollen. Es geschah selten, dass wir sie von etwas abhalten mussten. Beispielsweise hat sich ein Sohn mit drei Jahren furchtbar in Schlangen verliebt. Es ging so weit, dass er am Ende 167 Schlangen, Frösche, Eidechsen und Schildkröten als Haustiere hatte. In traditionellen Gesellschaften denkt man, dass Kinder selbstständig und für sich verantwortlich sind. Das führt auch dazu, dass sie mit scharfen Messern und Feuer spielen können. So weit bin ich nicht gegangen, aber wenn ich mit meinen Kindern einen Spaziergang gemacht habe, habe ich sie nicht an die Hand genommen. Sie liefen 20 Meter vor mir, und ich benahm mich wie ein neuguineischer Vater: Ich lief hinterher, und wenn ein Tiger aus dem Gebüsch sprang, war ich bereit.

Berliner Morgenpost: Gibt es ein Grundprinzip des Lebens in traditionellen Gesellschaften?

Diamond: Es gibt Dutzende Grundprinzipien. Ein wichtiges ist, die Welt generell in Freunde, Feinde und Unbekannte einzuteilen. Ein anderes: Das Individuum unterwirft sich dem Stamm. Ein einzelnes Mitglied darf nicht reich werden, ohne den Reichtum mit den Stammesmitgliedern zu teilen. Ein weiteres Prinzip: Die sozialen Beziehungen haben höchste Priorität, und kein Mitglied darf einsam sein.Und schließlich: Man weiß, dass das Leben kurz ist. Man rechnet damit, dass dieser Tag oder diese Reise die letzte sein könnte.

Berliner Morgenpost: Diese Gesellschaft sind also eher nicht vereinbar mit unseren Werten von Freiheit und Individualismus?

Diamond: Das ist sehr interessant, wo ich doch jetzt gerade in Europa bin. Die traditionellen Gesellschaften sind Europa ähnlicher als den USA. In den USA legen wir großen Wert auf die Freiheit des Individuums – Gewehre zu tragen, Fische zu fangen, wo es einem gefällt, um nur wenige Beispiele zu nennen. Den Müll zu trennen, das wäre in den USA ein Verstoß gegen die Freiheit. In diesem Sinne ist Deutschland den traditionelle Gesellschaften ähnlicher, wo das Individuum weniger gilt. In Europa ist die Gesellschaft wichtiger.Ich bewundere vieles in Europa. Ich bewundere, dass Ihr nicht überall ein Gewehr greifen und schießen könnt, wenn ein Mensch den eigenen Garten betritt.Aber in den Vereinigten Staaten bewundere ich es, dass es so viel soziale und ökonomische Beweglichkeit gibt. Man kann, wenn man arm geboren ist, am Ende Milliarden verdienen.

Berliner Morgenpost: In traditionellen Gesellschaften kann ein Mensch seinen vorgegebenen Rang nicht verlassen?

Diamond: Nein, so kann man das nicht sehen. Der Rang muss dort ständig errungen und bewahrt werden. Wenn man sich nicht verteidigt, wenn es zu einem Streit kommt, geht man nicht zur Polizei, man muss auf den eigenen Rechten beharren. Das kann man nur, wenn man Alliierte zusammenberingt. Man muss für den eigenen Platz immer kämpfen.

Berliner Morgenpost: Stammesgesellschaften sind immer kriegerisch?

Diamond: Sie sind meist kriegerisch, weil keine Zentralregierung für Frieden sorgt. Es gibt immer Hitzköpfe, eine Zentralregierung und ihre Organe können sie an die Leine legen, aber nicht eine traditionelle Gesellschaft, deshalb brechen dort immer Kriege aus. Es mag verrückt klingen, aber Stammesgesellschaften sind kriegerischer als die Europäer im 20. Jahrhundert.Deutschland hat zwei große Kriege geführt, und die Verluste waren furchtbar. Aber durchschnittlich über das 20. Jahrhundert sind weit weniger Deutsche im Krieg umgekommen als der durchschnittlichen Sterblichkeit in der traditionellen Gesellschaft entspricht. Dort ist Krieg der Hauptgrund für Todesfälle. Im Zweiten Weltkrieg nahmen die Gegner Gefangene, man konnte sich meist ergeben und überleben. In einer traditionellen Gesellschaft kann man sich nicht ergeben – jeder weiß, dass er gefoltert und getötet wird.

Berliner Morgenpost: Was können wir lernen?

Diamond: Eine gute Ernährung: In traditionellen Gesellschaften stirbt niemand an Krankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt und Bluthochdruck, allerdings an Infektionen und Krieg. Wir essen regelmäßig zu viel, zu viel Salz und Zucker und tierisches Fett. Wir bewegen uns weniger, und das Ergebnis sind die berühmten Krankheiten der modernen Gesellschaft. Ich habe gar kein Salz in der Küche, ich nehme keinen Zucker, ich essen viele Früchte und Gemüse.Das heißt nicht, dass ich miserabel von karger Nahrung lebe. Ich trinke deutsche Weine, esse italienischen und französischen Käse. Meine Diät und mein Lebensstil sind aber vernünftig. Das habe ich von traditionellen Gesellschaften gelernt.Wir können auch etwas über das Leben der älteren Menschen lernen. Zwar gehen einige sehr grausam mit ihnen um, setzen sie aus oder bringen sie aktiv um, wenn sie nicht mehr produktiv sind. Aber andere achten sie und nutzen ihre Fähigkeiten. Wenn man alt wird, hat man dort immer die alten Freunde und die Verwandten um sich.In unseren modernen Gesellschaften ist das Leben der Älteren eine Katastrophe. Üblicherweise wohnen sie weit von den Kindern entfernt und oft in Altenheimen, weil beispielsweise der typische Amerikaner alle fünf Jahre umzieht. Was mit den Pensionären in Deutschland passiert, ist für mich eine Schande. Hier ist es fast die Regel, dass man mit 65 in Ruhestand geht. Wenn man das will, dann ja, bitte schön.Aber ich habe deutsche Freunde, die gerne länger arbeiten wollten, weil ihnen die Arbeit und die Freunde bei der Arbeit lieb waren. In Deutschland heißt das, die erfahrensten Mitarbeiter zu zwingen, die Arbeit aufzugeben. Für Deutschland und die Deutschen ist das schlecht. Das könnt ihr Deutschen von den traditionelle Gesellschaften lernen.

Berliner Morgenpost: Oft sind es die Unternehmen, die Ältere nicht wollen, weil sie vermeintlich nicht mehr so effizient arbeiten.

Diamond: Natürlich mangelt es den älteren Mitarbeitern an Körperkräften, aber sie haben einen Überfluss an anderen Kräften. Sie haben unter anderem mehr Erfahrung mit den sozialen Beziehungen und dem Beraten, ohne dass das eigene Ego dazwischenfährt. Sie haben mehr Erfahrung zu Vorgängen, die vor 20 oder 40 Jahren passiert sind.Neuerdings habe ich mit der Hedgefonds-Industrie zu tun. Die meisten dort sind 30- oder 35-Jährige, und in fünf Jahren generieren sie Milliarden Dollar. Ich kenne einen Manager, der mit 35 Jahren in einem Jahr vier Milliarden Dollar verdient hat. Dann kam ein schlechtes Jahr, und er hatte keine Erfahrungen, die ihm hätten helfen können, die Krise zu bewältigen. Die Älteren haben diese Erfahrungen noch.

Berliner Morgenpost: Unsere Wirtschaft braucht permanent Wachstum. Das kann nach den Naturgesetzen nicht gut gehen. Können wir hier etwas lernen?

Diamond: Viele Idealisten bei uns glauben, dass traditionelle Gesellschaften vernünftig mit der Umwelt umgehen. Aber es gab eine Menge Beispiele für Gesellschaften, die ihre Ressourcen vollkommen zerstört haben, unter anderem die Kultur der Osterinseln. Darum geht es in meinem Buch "Kollaps". Und es gibt traditionelle Gesellschaft, die sehr vorsichtig mit Ressourcen umgehen – wie auch die heutigen Staatsregierungen. In Norwegen und Finnland beispielsweise ist man sehr auf den Waldbestand bedacht, in Russland weniger. Aber wir können sicher von vielen traditionellen Gesellschaften lernen, wie Ressourcen zu handhaben sind, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben werden können.

Berliner Morgenpost: Besteht die Gefahr, traditionelle Gesellschaften zu idealisieren?

Diamond: Das ist eine aktuelle Gefahr. Viele Anthropologen heute idealisieren sie und verneinen die Existenz des Stammeskrieges. Dieses Jahr wurde ein Buch veröffentlicht, worin Anthropologen darüber streiten, ob sie ehrlich den Krieg und die Zerstörung der Ressourcen bei traditionellen Gesellschaften beschreiben oder vertuschen sollen. Ich finde es unglaublich, darüber zu debattieren, ob man die Wahrheit erzählen soll oder nicht.

Berliner Morgenpost: Wir sollten also nicht versuchen, diese Gesellschaften zu kopieren?

Diamond: Nein, wir sollten das Gute aus beiden Welten vereinen. Wir sollten das Schlechte aus den traditionelle Gesellschaften bleiben lassen, also nicht die alten Menschen aussetzen oder Babys umbringen, wenn sie behindert sind, und nicht ständig Krieg führen. Andererseits sollten wir nachahmen, was von Wert ist. Wir sollten einfach sehen, was sinnvoll ist.

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