16.11.12

Gaza-Konflikt

Weder Israel noch die Hamas wollen Waffenstillstand

Israel bereitet eine Bodenoffensive vor, Zehntausende Reservesoldaten bekommen ihren Einberufungsbefehl. Aus Gaza fliegen Raketen auf Jerusalem. Ein heimlicher Vermittlungsversuch Ägyptens scheiterte.

Foto: Getty Images

Ein israelischer Reservesoldat kommt mit seinem Sohn zur Armeebasis. Israel mobilisiert Reservisten für eine mögliche Bodenoffensive in Gaza
Ein israelischer Reservesoldat kommt mit seinem Sohn zur Armeebasis. Israel mobilisiert Reservisten für eine mögliche Bodenoffensive in Gaza

Ein Solidaritätsbesuch sollte es sein, doch das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hatte Ägyptens Präsident Mohammed Mursi seinen Ministerpräsidenten Hischam Kandil wohl auch in den Gazastreifen geschickt, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Zumindest für den drei Stunden währenden hohen Besuch sollten schon einmal die Waffen schweigen.

Als Kandil am Morgen eintraf, lagen noch dichte Rauchwolken über Gaza-Stadt: Innerhalb von nur 45 Minuten hatte die israelische Luftwaffe 85 Raketen abgefeuert. Man habe vor allem unterirdische Abschussvorrichtungen unter Feuer genommen, hieß es aus Armeekreisen. Auch Teile des Hamas-Innenministeriums seien zerstört worden.

Israels Premier Benjamin Netanjahu hatte dann aber zugesagt, die Angriffe auf den Gazastreifen zeitweilig einzustellen, wenn auch die Hamas für diesen Zeitraum keine Raketen auf israelische Städte abfeuern würde. Die Raketen gen Israel flogen trotzdem, um die ohnehin angespannten Beziehungen zu Ägypten nicht zu gefährden, sah Israel eigenen Angaben zufolge von einer Reaktion ab.

Neue Eskalationsstufe

Am Freitagnachmittag aber war alles beim Alten: Ein Armeesprecher sagte, Israel habe seit Beginn der Offensive rund 500 Ziele getroffen. Die Hamas habe seitdem 550 Raketen nach Israel abgefeuert, von denen mehr als 100 vom Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" zerstört worden seien. Anderen Angaben zufolge waren es 300 Raketen.

Nachdem am Donnerstag drei Israelis von einer Rakete getötet worden waren, berichtete die Armee am Freitag von drei verletzten Soldaten. Auf palästinensischer Seite sind bisher mehr als 20 Menschen getötet und etwa 150 verletzt worden.

Nicht nur im Süden des Landes, auch in Tel Aviv und Jerusalem schrillten am Freitag die Sirenen. Zwei Fajr-5-Raketen iranischer Produktion hatten am Donnerstagabend in Tel Aviv erstmals seit dem Golfkrieg vor mehr als 20 Jahren einen Alarm ausgelöst. Auch wenn die Geschosse nicht im Stadtgebiet einschlugen und keinen Schaden anrichteten, war damit eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Jetzt leben Tel Aviv und Jerusalem in Angst

Eine halbe Stunde nachdem die Hamas am späten Freitagnachmittag eine "Überraschung" angekündigt hatte, kreischten die Sirenen auch in der Heiligen Stadt. Man habe das israelische Parlament, die Knesset, mit M75-Raketen heimischer Produktion beschossen, hieß es in Gaza. Getroffen hatte man ein unbewohntes Gebiet nahe dem Siedlungsblock Gusch Etzion etwa 14 Kilometer südlich von Jerusalem.

Nun müssen also nicht mehr nur die Bewohner von Beerscheba, Aschdod, Aschkelon und Sderot in Angst leben, sondern auch die Einwohner der beiden größten Städte des Landes, Tel Aviv und Jerusalem.

So mehren sich dann auch die Zeichen, dass die Offensive trotz der ägyptischen Bemühungen um einen Waffenstillstand längst noch nicht vorbei sein könnte. Der Kommandeur der Heimatfront, Generalmajor Ejal Eisenberg, forderte die Kommunen auf, sich auf eine Kampfdauer von sieben Wochen vorzubereiten. Auch die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive laufen weiter: 16.000 Reservesoldaten haben ihren Einberufungsbescheid bekommen, Panzer und Militärfahrzeuge werden ins Grenzgebiet gebracht. Am Abend sagte Kabinettssekretär Zvi Hauser, es werde die Mobilisierung von 75.000 Reservisten angestrebt. Allerdings müssen noch alle Kabinettsmitglieder zustimmen.

Der Islamische Dschihad in Gaza wiederum drohte, im Falle einer Bodenoffensive werde man noch nördlich von Tel Aviv gelegene Ziele unter Beschuss nehmen. Auch in Israel gibt es Stimmen, die vor einer Bodenoffensive warnen. Die möglichen Verluste seien nicht vorherzusagen, das Risiko sei groß und der Nutzen unklar.

In der Armeeführung ist man mit dem bisherigen Verlauf der Offensive zufrieden. Die Kritik der internationalen Gemeinschaft am israelischen Vorgehen fällt bisher gemäßigt aus, auf ein Ende der Offensive drängen momentan nur die arabischen Staaten und Russland.

Mursi steht zwischen den Stühlen

Besonders Ägyptens Präsident Mohammed Mursi hat viel zu verlieren: Der ehemalige Muslimbruder weiß nur zu gut, dass nichts die Massen der arabischen Welt so entflammt wie der Nahost-Konflikt. Am Freitag demonstrierten schon Tausende auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen das israelischen Vorgehen.

Mursi steht zwischen den Stühlen: Die Muslimbrüder, die Opposition und der Mann auf der Straße fordern harsche Maßnahmen gegen Israel, doch den diplomatisch unverfänglichen Handlungsspielraum hat Mursi ausgeschöpft. Ein Abbruch der Beziehungen oder eine Aufkündigung des Friedensabkommens würde Ägypten selbst zu sehr schaden.

Nur wenige Stunden nach den ersten Angriffen rief die Regierung in Kairo den ägyptischen Botschafter in Tel Aviv, Atef Salem, zu Beratungen zurück. Der Präsident verfasste ein Protestschreiben an den israelischen Botschafter in Kairo und forderte zügig diplomatische Sanktionen im UN-Sicherheitsrat und der Arabischen Liga.

Bisher vergeblich – der Sicherheitsrat tagte ohne Ergebnis, und die Arabische Liga hat eine Dringlichkeitssitzung erst für Samstag angesetzt. So mobilisiert Ägypten nun die Verbündeten: Man sei bereit, mit der Hamas nach dem Ende der Feindseligkeiten langfristige Absprachen zu treffen, sollen die von Mursi vorgeschickten Jordanier der israelischen Regierung versichert haben.

Hamas schlägt sich mit Konkurrenten herum

In Jerusalem hat man interessiert und unverbindlich genickt. Saudi-Arabien soll sich im Auftrag der Ägypter in Washington dafür eingesetzt haben, eine israelische Bodenoffensive zu verhindern.

Doch die USA scheinen den Israelis momentan freie Hand lassen zu wollen. In den ägyptischen Medien wird berichtet, die militanten Gruppen in Gaza seien zur Einstellung des Feuers bereit, wenn Israel ebenfalls die Angriffe und gezielte Tötungen beende.

Hamas-Sprecher Mohammed Abu-Schaar sieht das allerdings genau andersherum: Israel habe nach den Angriffen auf Tel Aviv erstmals bei den Ägyptern um die Vermittlung eines Waffenstillstandes gebeten, sagte er. Die Hamas habe jedoch abgelehnt.

Während Israel nun die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und so viele Waffenlager und Abschussvorrichtungen wie möglich zerstören möchte, hat die Hamas ein anderes Problem: Viele Raketen werden von anderen, noch radikaleren Fraktionen abgefeuert. Ehe die Hamas-Kämpfer im Rahmen eines Waffenstillstands die Konfrontation mit ihren Konkurrenten eingehen können, müssen sie sich vorher als die härtesten Kämpfer gerieren.

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