14.11.12

Tina K.

Damit niemand ihren Bruder Jonny vergisst

Erst vor wenigen Wochen hat Tina K. ihren Bruder Jonny K. durch Gewalt am Berliner Alexanderplatz verloren. Nun will sie helfen, so etwas in Zukunft zu verhindern. Die Täter sind auf freiem Fuß.

Foto: Sergej Glanze

Tina K. kämpft gegen das Vergessen ihres Bruders Jonny K. Darum will sie einen Verein gründen, der sich gegen Gewalt einsetzt
Tina K. kämpft gegen das Vergessen ihres Bruders Jonny K. Darum will sie einen Verein gründen, der sich gegen Gewalt einsetzt

Als das Thema auf ihre Auftritte bei Talk-Shows kommt, muss sie dann doch mit den Tränen kämpfen. "Ich habe Angst, dass ich da falsch rüber komme", sagt Tina K. Im Fernsehen lächelt sie.

Lächeln sei die einzige Chance, diese Situation zu überstehen und reden zu können. Lächeln, um nicht zu weinen, und um den Angehörigen von anderen Gewalt-Opfern zu zeigen, dass sie sich in ihrem Schmerz nicht verkriechen müssen dass man schreien kann: "Ich werde etwas gegen diese Gewalt unternehmen!"

Tina K. und ihr Freund Kaze C. sitzen im Büro des Berliner Opferbeauftragten Roland Weber. Tina ist die Schwester von Jonny K., der in der Nacht auf den 14. Oktober auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt wurde. Kaze C. war dabei, wurde ebenfalls Opfer des brutalen Angriffs und wird im anstehenden Strafprozess der wichtigste Zeuge sein. Am 5. November wurde er noch einmal operiert. Seine linke Hand ist noch immer verbunden.

Tina K. und Kaze C. wollen mit Hilfe von Roland Weber in den nächsten Tagen einen gemeinnützigen Verein gründen. Er soll "I am Jonny" heißen. Geplant war eigentlich die Bildung einer Stiftung. Doch das, sagt Weber, hätte Monate gedauert. Deswegen zunächst dieser Verein. "Damit nicht so viel Zeit vergeht und das Schicksal meines Bruders nicht in Vergessenheit gerät", sagt Tina K. Die 28-Jährige hat auch schon viele Ideen: "Wir wollen in Schulen gehen und mit den Kids über die Vermeidung von Gewalt reden", sagt sie. "Und darüber, dass alle Menschen gleich sind. Berlin ist eine Multi-Kulti-Stadt, wir sollten alle friedlich miteinander leben können."

Benefizveranstaltung im Heimathafen Neukölln

Es habe sie sehr geärgert, sagt Tina K., dass es nach dem Tod ihres Bruders "sofort wieder ausländerfeindliche Sprüche" gegeben habe, weil einige Täter offenbar aus der Türkei stammen. "Ich habe viele Freunde", sagt sie, "unter ihnen sind auch einige Türken. Das sind gute Menschen, die den Angriff auf Jonny genauso verurteilen wie die meisten anderen. Man darf das nicht verallgemeinern."

Zur Arbeit des Vereins soll es auch gehören, mit Firmengründern ins Gespräch zu kommen, die einen Migrationshintergrund haben. "Um positive Beispiele zu suchen und mit Leuten zu reden, die erzählen können, wie sie erfolgreich geworden sind", sagt Tina K. Es gebe so viele Möglichkeiten in diesem Land, "sie müssen an die Jugendlichen aber auch herangetragen werden. Das soll ebenfalls eine Aufgabe unseres Vereins und später unserer Stiftung sein."

Die erste größere Aktion des "I am Jonny" e.V. soll voraussichtlich am 21. Januar 2013 ein Benefizkonzert im Heimathafen Neukölln sein. Mit der Sängerin Jocelyn B. Smith, die schon auf Jonny K.s Beerdigung gesungen hatte, und mit anderen bekannten Künstlern. Tina K. betont das Wort "voraussichtlich", weil noch vieles abgestimmt werden müsse, auch die Bezahlung für die Örtlichkeiten. Sponsoren seien da herzlich willkommen. Einige hätten bereits Hilfe angeboten. So auch der Verein "Aufbruch Neukölln", eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer. Der Vorsitzende Kazim Erdogan habe sich Gesprächen mit ihr sehr betroffen gezeigt, sagt Tina K.

Auch Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hat schon angekündigt, die Aktivitäten unterstützen zu wollen. Der Opferbeauftragte Roland Weber ist mit weiteren Persönlichkeiten im Gespräch, "ohne jetzt schon konkrete Namen nennen zu wollen". Aber es werde deutlich, so Weber, "dass viele über diese Gewalttat nicht nur entsetzt sind, sondern gleichzeitig auch sagen: Jetzt ist es Zeit, dass wirklich mal was passiert!"

Demnächst erneut Gedenkgottesdienst für das Opfer

Tina K. und Kaze C. werden nach dem Gespräch im Büro des Opferbeauftragten zum Alexanderplatz gehen und sich an Jonnys Todesort an der Mahnwache beteiligen. So wie fast jeden Tag. "Ich muss das tun", sagt sie. "Wenn die Leute denken, dass ich ihn vergesse, werden sie ihn erst recht vergessen." Die Arbeit in ihrer Werbeagentur für Mode haben sie und ihr Freund erst einmal auf Eis gelegt.

Tina K.s Mutter ist derzeit mit Mönchen ihres thailändischen Tempels in Tschechien. Der Vater ist zu Hause, mag die Wohnung nicht mehr verlassen. Aber sie wollen ihn überreden, am Buß- und Bettag am 21. November mit in die St. Marienkirche zu kommen. Das Gotteshaus steht nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem Jonny K. zu Tode geprügelt wurde. Dort soll ein Gedenkgottesdienst abgehalten werden, für Menschen, die in Berlin Opfer von Gewalt geworden sind. Auch Tina K. möchte dann reden und gleich den Verein "I am Jonny" ins Gespräch bringen.

Über die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter weiß Tina K. nur wenig. Sie legt auf diese Informationen auch wenig wert. "Es ist nicht meine Art, da jeden Tag anzurufen. Ich bin überzeugt, dass bei Polizei und Staatsanwaltschaft jeder macht, was er kann", sagt sie. Von ihrem Anwalt hat sie erfahren, dass es gegen den mutmaßliche Haupttäter Onur U., der sich nach Erkenntnissen der Ermittler in die Türkei abgesetzt hat, inzwischen ein Auslieferungsersuchen der Staatsanwaltschaft an die türkischen Behörden gibt.

Mögliche Täter befinden sich auf freiem Fuß

Als erster Tatverdächtiger war am 23. Oktober Osman K. festgenommen worden. Der 19-Jährige ist seither wegen des Vorwurfs der Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft. Die Tatverdächtigen Bilal K. und Hüseyin I., beide Freunde von Osman K., halten sich vermutlich in Griechenland auf. Nach der Festnahme von Osman K. hatten sich zudem zwei weitere Verdächtige der Polizei gestellt: Für Melih Y. wurde Untersuchungshaft angeordnet, die aber erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft vollstreckt wurde.

Zunächst hatte ein Richter den Vollzug für den 21-Jährigen ausgesetzt. Diese Entscheidung hatte heftige Kritik ausgelöst – auch von Tina K. und Kaze C. Dem 19-Jährigen Memet E., der in der Tatnacht Kaze C. angegriffen und schwer verletzt haben soll, wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Er befindet sich auf freiem Fuß.

Sie ärgere sich, dass diese Beschuldigten bei der Polizei "immer nur lavieren und behaupten, sie hätten nur Kaze getreten", sagt Tina K. Da falle es ihr auch schwer, an wirkliche Reue zu glauben. "Die sollten einfach mal Stellung beziehen und ganz ehrlich sagen, was sie wirklich getan haben."

Mitarbeit: Peter Oldenburger

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