13.11.12

TV-Film

Action, Intrigen und Sex beim Finale der Wanderhure

"Pretty Woman" meets Mittelalter – ein drittes Mal schickt Sat.1 Alexandra Neldel als Wanderhure an die Quotenfront. Das Ergebnis strotzt vor monumentaler Bildgewalt, der Plot gerät zur Nebensache.

Foto: obs

Letzter Teil der erfolgreichen "Wanderhuren"-Trilogie mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle: ...

6 Bilder

Ästhetisch gesehen gibt es kaum eine unappetitlichere Szene als eine Geburt. Aber, Herrgott, wir befinden uns im Jahr 1430, im dritten Teil des Sat.1-Events "Die Wanderhure", mit Marie, der Hofdame von Hohenstein (Alexandra Neldel), wie sie leibt und gebiert.

Zum Glück ist dieses Fernsehereignis von der Wirklichkeit ungefähr so weit entfernt wie Hohenschönhausen von Hollywood. Marie bringt ihr zweites Kind in einem Kerker zur Welt, unter einem Rock, der so voluminös ist, dass er im Fall einer Naturkatastrophe auch als DRK-Zelt herhalten könnte. Man hört nur ihre Schmerzensschreie. Dann plumpst ein Säugling ins Stroh.

Man kann sagen, Sat.1 gelingt in dieser Szene die Quadratur des Kreises. Der Sender versöhnt die Zuschauer handstreichartig mit den katastrophalen Hygienebedingungen des Mittelalters, mit Alexandra Neldel und den Ansprüchen an die beste Sendezeit.

Mittelalterlicher als das Mittelalter

Es ist eine Leistung, die nicht unterschätzt werden sollte. In Zeiten, da das Fernsehen die fiktionale Unterhaltung nahezu kaputtgespart hat, prescht ausgerechnet der kriselnde Bällchen-Sender mit einem historischen Mantel-und-Degen-Film vor, der mittelalterlicher ist als das Mittelalter je war.

Wallende Röcke, wehende Mähnen, schnaubende Rösser, Ritter, die von Lanzen aufgespießt werden. "Das Vermächtnis der Wanderhure" setzt auf monumentale Bildgewalt. Der Plot gerät zur Nebensache. Tragischerweise ist das in diesem Fall nicht einmal ein Verlust, denn die Story entbehrt jeder Logik. Man merkt ihr an, dass sie nur alleine zu dem Zweck konstruiert wurde, Profit aus der Popularität der Protagonistin zu schlagen.

Und so gibt Alexandra Neldel ein drittes Mal die Rolle der Wanderhure, die gar keine Wanderhure mehr ist, auch wenn Sat.1 sie immer noch als solche tituliert – Sex sells. Dabei endete doch schon Teil eins der Trilogie damit, dass ein echter Ritter (Bert Tischendorf) die tapfere Marie aus dem horizontalen Gewerbe rettete.

Ein Happy-End, zu schön, um wahr zu sein. "Pretty Woman" meets Mittelalter. Knapp zehn Millionen Zuschauer wollten das 2010 sehen. Es war der erfolgreichste Sat.1-Film des Jahres.

Ohne Schminke vor die Kamera

Wie es danach weiterging, wollte man eigentlich gar nicht wissen. Die Wanderhure war ja jetzt in festen Händen. Was ihre Darstellerin von der Aufgabe entband, auch nur den leisesten Hauch von Sex-Appeal zu versprühen. Man tritt Alexandra Neldel nicht zu nahe, wenn man sagt, ihre größte Leistung habe darin bestanden, dass sie sich bis zum Ende ohne Schminke vor die Kamera traute, käsebleich und von der Vergangenheit gezeichnet.

Die Wanderhure war eine Marke. Ihr Name stand für Peitschenhiebe, Sex und Vergewaltigungsszenen. Doch die hohen Erwartungen an diese Marke löste schon der zweite Teil nicht ein. Man erlebte, wie Marie ihren totgeglaubten Mann im Krieg suchte, "immer dem Geruch der abgehackten Arme nach."

Im dritten Teil setzt Sat.1 wieder auf den bewährten Mix aus Action, Intrigen und Sex, nur wurde die Story jetzt noch rasanter geschnitten. Der Ritter folgt seinem König (Götz Otto) in die Schlacht gegen die Tataren, statt die Geburt seines zweiten Kindes abzuwarten.

Prompt wird seine Frau von der schein-schwangeren Mätresse des Königs (Julie Engelbrecht) gekidnappt. Sie raubt Marie den neugeborenen Sohn, um ihn dem König als ihren eigenen zu verkaufen. Der testosteron-gesteuerte Ziehsohn des Tatarenfürsten (Michel Steinocher) taucht auch noch auf und laviert zwischen den Frauen. Warum, bleibt bis zum Ende im Dunkeln. Finsteres Mittelalter eben.

Noch frische Tünche auf der Zivilisation

Iny Klocke (63) fasziniert diese Epoche, eben gerade wegen der noch frischen Tünche auf der Zivilisation. Sie hat die Trilogie zusammen mit ihrem Ehemann Elmar Wohlrath (60) unter dem Pseudonym "Iny Lorentz" geschrieben. Fotos zeigen einen Mann und und eine Frau, beide mit eisgrauem Haar und roten Bäckchen, beide tragen sie dasselbe T-Shirt, mit einem Schneeleoparden auf der Brust. Sie sehen aus wie Zwillinge.

Dabei, versichert Elmar Wohlrath, unterliege ihre Teamarbeit einer strikten Arbeitsteilung. "Ich baue das Gebäude – meine Frau schmückt es aus."

Über 35 Bücher haben die beiden unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht, seit sie, die Organisationsprogrammiererin, und er, der Landwirt, sich Ende der Siebzigerjahre über einen Club für Fantasy-Literatur kennengelernt haben.

Doch keine ihrer Geschichten war so erfolgreich wie die der Wanderhure Marie. Es sei eine fiktive Figur, sagt Iny Klocke, doch eine mit historischen Vorbildern.

Sie stieß in einer Chronik der Stadt Konstanz auf diese Frauen, auf den Aufstand der Wanderhuren. Man schrieb das Jahr 1414, vier Jahre lang tagte in Konstanz das Konzil. 800 bis 1600 Prostituierte aus ganz Europa holte der König dafür in die Stadt, um die Besucher bei Laune zu halten, Kardinäle und Bischöfe.

Prostitution aus Armut

Es seien Frauen gewesen, die sich aus Armut prostituieren mussten. Null Rechte hätten sie gehabt. Kleider in "Schandfarben" hätten sie tragen müssen, sagt Iny Klocke. Sie klingt ehrlich betroffen.

Womit sich die Frage beantwortet, die ihr besonders Männer immer wieder stellen: Warum es in den Geschichten der Wanderhure nämlich vor notgeilen Kerlen wimmele. "Diese Bücher sind aus Hurensicht geschrieben", sagt Iny Klocke am Telefon. Und ihr Mann pflichtet ihr aus dem Off bei. Ihr Verständnis für Emanzipation, es hört jedoch dort auf, wo das Bedürfnis nach harmonischer Zweisamkeit anfängt.

Was vielleicht erklärt, warum das Paar seine Wanderhure lieber einem Ritter anvertraut hat, statt sie in die Unabhängigkeit zu entlassen.

So etwas passt auch besser in die beste Sendezeit – wenn auch wohl nicht ins Öffentlich-Rechtliche Fernsehen, sinniert Iny Klocke.

Doch, versichert sie, die Verfilmung habe ihr gut gefallen. Wie es scheint, hat sie noch untertrieben. "Unsere Augen wurden immer größer", sagt ihr Mann. "Wir sahen Bilder von einer ungeheuren Wucht und so emotional, dass Iny die Tränen kamen und es mir kalt den Rücken herunterlief."

"Das Vermächtnis der Wanderhure", Dienstag, 13. November, 20.15 Uhr auf Sat.1

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