10.11.12

"Trauer-Guru" Roth

Die Angst des Totengräbers

Fritz Roth gilt als Pionier unter den Bestattern. Jahrelang hat er für einen offenen Umgang mit dem Tod gekämpft. Jetzt ist er an Krebs erkrankt. Und auf einmal ist alles anders.

Foto: rbb/Oliver Ziebe

Was nimmt man auf die letzte Reise mit? Lohnt es sich, einen Koffer zu packen? Dieser Koffer ...

19 Bilder

Ein Schatten lag auf der Leber, kein Fleck, eher eine Wolke. Man konnte sie deutlich im Ultraschall sehen. Die Diagnose traf ihn nicht unvorbereitet, doch als sein Arzt sie aussprach, da kämpfte er doch gegen die Tränen. Krebs.

Es ist die zweithäufigstes Todesursache in Deutschland. Fritz Roth weiß das. Er ist Bestatter, wenn auch einer, der so gar nicht dem Bild des Bestatters entspricht. Leise und diskret, das ist nicht sein Stil. Fritz Roth sucht die Öffentlichkeit. Eine stattliche Gestalt in edlem Zwirn, freundliche Augen hinter einer randlosen Brille, Licht spiegelt sich auf seiner imposanten Stirnglatze.

Jahrelang ging er mit einem Thema hausieren, von dem Seelsorger sagen, es sei privat: der Tod. Er polterte, er predigte, er prangerte an. Dass der Tod nicht verhandelbar sei, dass man ihn annehmen müsse, das sind so Sätze, die der 63-Jährige gerne abspulte. Ein "Trauer-Guru" wurde er genannt. Seine Ausstellung "Ein Koffer für die letzte Reise" tourt durch Deutschland, ab diesem Samstag in Berlin. Prominente und Bürger zeigen, was sie in den Tod mitnehmen würden.

Seit März weiß er, dass seine Uhr tickt. Der Krebs sitzt schon in der Lunge. Eine Operation und zwei Chemotherapien konnten ihn nicht stoppen. Fritz Roth sagt, im schlimmsten Fall blieben ihm noch sechs Monate. Noch spürt er keine Schmerzen. Das macht es ihm leichter, über den Tod zu sprechen.

Er gibt deswegen auch Interviews, eines mit seinem Freund, dem CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, ein Rheinländer wie er, ein Katholik, ein Karnevalist. Auch er ist unheilbar an Krebs erkrankt. Auch Bosbach geht offensiv mit der Diagnose um, sie hält ihn aber nicht davon ab, ein weiteres Mal für den Bundestag zu kandidieren.

Ein Trauer-Guru, der sich exponiert

Nie die Hoffnung aufgeben. Weiterkämpfen. Das Leben genießen, solange es noch geht. Das sind so Phrasen, mit denen die beide Freunde um sich werfen wie mit Kamellen. Man versteht plötzlich, was die beiden am Karneval fasziniert. Es ist eine Show, ein Versteckspiel, ein Maskenball. Aus aktuellem Anlass haben sie sich als Clowns kostümiert.

Am 18. November ist Fritz Roth zu Gast bei Günther Jauch, zum Auftakt der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod." Andere Bestatter registrieren es mit Unbehagen. Bislang verziehen viele dem "Trauer-Guru", dass er sich exponierte. PR für sein eigenes Unternehmen? Lobby für die Hinterbliebenen? Das eine war kaum vom anderen zu trennen. Doch jetzt, da seine Uhr tickt, bekommen seine Auftritte einen merkwürdigen Beigeschmack. Wie kann er Beerdigungen als Geburtstagsfeiern verkaufen, wenn er merkt, wie die eigene Kraft schwindet?

Bergisch-Gladbach, eine trutzige Stadt neben Köln, mehr Kirchen als Drogerien. Roths Unternehmen liegt auf einem Berg. Eine Zufahrt schraubt sich in Serpentinen durch einen Laubwald. Totempfähle säumen den Weg. Bunte Herzen brechen sich durchs Laub. Kinder haben sie für ihre verstorbene Mutter gemalt. Dies ist Deutschlands einziger privater Urnenfriedhof.

Hier sind 1300 Menschen beigesetzt, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Künstler, keiner von ihnen namenlos, das ist die einzige Bedingung. 2006 zog Fritz Roth vors Gericht, um die Genehmigung zu bekommen. Es ist sein Vermächtnis. Ein Friedhof als Biotop und Bühne. Die Bläck Föss haben hier schon gespielt, im Firmensitz gehen Kabarettisten ein und aus. Man versteht jetzt, warum Roth das Wort "Bestattungsinstitut" nicht mag.

90 Beerdigungen jährlich

Eine Villa im englischen Landhausstil, 30 Angestellte, Abschiedszimmer, die wie Wohnzimmer möbliert sind, dicke Teppiche, viel Licht. Hier kann man ihn spüren, den Puls einer Branche, die nach neuen Wegen suchen musste, weil die Sterbezahlen infolge zweier Kriege jahrelang sanken und immer mehr Bestatter auf den Markt drängten.

Rund 4500 sind es in Deutschland. Fritz Roth ist einer der erfolgreichsten. 900 Beerdigungen organisiert er jährlich, dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Trauerbegleitung, das ist seine Marktlücke. Er hat sie 1982 entdeckt, als er seinen Job als Unternehmensberater kündigte, um noch einmal neu durchzustarten.

Er sagt, er sei geschockt gewesen. Asche, die in die Nordsee, aber nicht in den Rhein gestreut werden durfte. Eltern, die sich im Krankenhaus von ihrem toten Kind verabschieden sollten. Tote, die in die Pathologie abgeschoben wurden. So hatte er den Tod nicht in Erinnerung. Er war sechs, als seine Oma starb, daheim auf dem Bauernhof.

Er sagt, die Familie habe ihr das Lieblingskleid angezogen und sie im Wohnzimmer aufgebahrt, um Abschied zu nehmen. An den Ausdruck erinnere er sich noch heute. Er hat ihn später noch bei anderen Toten gesehen. Friedlich habe sie ausgesehen. "So, als hätte sie etwas gesehen, was wir nicht mehr zu glauben wagen."

Er sagt, natürlich habe er im ersten Moment geweint. Aber dann habe er sich an den Anblick der toten Oma gewöhnt. Er berührte ihre Hand, die ihm so oft Stullen geschmiert hatte. Das nahm ihm die Angst. Diese Erfahrung will er auch seinen Kunden vermitteln. "Sie sollen den Tod be-greifen."

Führung durch das Sarglager

Der Chef führt durch ein Sarglager. Es riecht nach frischem Harz. Edelsärge gibt es nicht, nur unbehandelte Einheitsmodelle. Roth breitet theatralisch die Arme aus, wenn er seinen neuesten Coup preist – einen Sarg zum Selberbauen. Man hört ihm an, dass er als Junge Priester werden wollte.

"Sie könnten auch zum Baumarkt fahren und Bretter kaufen", predigt er. "Zimmern Sie einen Sarg, dann merken Sie, welche Kraft in Ihnen steckt. Trauer-Power." Es klingt, als müsse er sich selber Mut zusprechen. "Promi-Bestatter plant eigene Beerdigung", hat ein Blatt getitelt, als er den Krebs publik machte. Eine Sause solle es werden, hatte er verkündet.

Man erfuhr sogar, welche Songs er sich wünschte. Whitney Houston sollte auch dabei sein. "One Moment In Time." Jetzt zuckt er erschrocken zusammen, wenn man ihn darauf anspricht. Eben noch hat er gesagt: "Ich wäre einverstanden, wenn es heute Abend zu Ende ginge."

Seine 24 Jahre alte Tochter Hanna ist gerade zur Tür hereingekommen. Er hat ihr und seinem Sohn David das Unternehmen übertragen. Hanna hat Event-Management studiert. Sie streicht sich über den gewölbten Bauch. Im Dezember kommt ihr erstes Kind zur Welt. Ein Junge. Sie sagt, der Name stehe schon fest. "Fritz". Der Senior-Chef hat es plötzlich eilig. Er sagt, er sei jetzt kaputt. Morgens hat er eine Schulklasse durchs Haus geführt. Er hat ihnen den Tod erklärt.

Er versteht den Tod nicht mehr

Er müsste sich ausruhen. Die Zeit nutzen, um sich Träume zu erfüllen. Reisen zum Beispiel. Doch eine innere Unruhe treibt ihn an. Jetzt, da der Tod näherrückt, scheint er ihn selber immer weniger zu verstehen. Er weiß nicht, was ihn erwartet. Er kann bloß hoffen, dass er recht behält. Die friedlichen Gesichter der Toten. Der Gottesbeweis.

Bevor sich Fritz Roth verabschiedet, führt er auf den "Pfad der Sehnsucht". Es ist eine Kunstinstallation. Sie soll erklären, was unaussprechlich ist. Ein gläserner Gang führt an einem Regal vorbei mit dem, was vom Leben übrig blieb. Eine Brille. Ein Holzlöffel. Ein Fotoapparat. Solche Sachen. Roth öffnet die Tür zu einem Raum. Felsen, überall Felsen. Wie eine Flut brechen sie hinein. Man bleibt wie angewurzelt stehen. Es scheint, als habe er nur auf diesen Moment gewartet.

Er sagt: "Der Tod ist wie ein Erdrutsch. Wenn er kommt, können Sie nur hoffen, dass da eine Hand ist, die Sie hält."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
07:38Finale
Fußballfans in Berlin feiern den Champions-League-Abend

Kneipen mussten wegen Überfüllung schließen, und trotz Dauerregens standen einige Tausend auf der Fanmeile: Berlin hat das Champions-League-Finale zwischen Dortmund und Bayern ausgiebig gefeiert. mehr...

Borussia Dortmund - FC Bayern München
25.05.13Champions League
Arjen Robben schießt die Bayern auf Europas Thron

Es war ein würdiges, hochklassiges und spannendes Champions-League-Finale mit einem verdienten Sieger. In der 89. Minute erzielte Arjen Robben des erlösende 2:1 für den FC Bayern gegen den BVB. mehr...


Jupp Heynckes und Jürgen Klopp zeigen, wie man richtig führt
00:33Kommentar
Die wahren Stars dieses besonderen Champions-League-Abends

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Natalie Dawn spielt am Sonntagabend im Privatclub
25.05.13Tagesvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonntag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Freitag, den 26. Mai. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Anschlagswarnung Erhöhte Sicherheitskontrollen vor Finale
Randale Erneut Krawalle in Schweden – Schulen brennen
London-Stansted Kampfjets eskortieren Flugzeug – Terrorverdacht
Washington Brücke in USA eingestürzt
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote